Priesterausbildung und Studium (1946 bis 1957)
Mit dem Bruder ein Leben für Gott
Schon als kleines Kind soll Joseph die Kardinalswürde als Lebenstraum ausgegeben haben. Die Schrecken des Nationalsozialismus haben diesen Wunsch weiter vertieft. Direkt nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in Neu-Ulm tritt Ratzinger deshalb in das Freisinger Priesterseminar ein. An der örtlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule beginnt der 18-Jährige erst Philosophie zu studieren, danach schreibt er sich an der Universität in München für Theologie ein. Am 29. Juni 1951 wird Joseph Ratzinger im Dom zu Freising zum Priester geweiht, die Primiz feiert er zusammen mit seinem Bruder Georg am 8. Juli in Traunstein. Die Jahre danach widmet der junge Theologe ganz dem Studium, auch hier sind seine Ergebnisse exzellent. 1953 promoviert Ratzinger über den Kirchenlehrer Augustinus.
Dozent und Professor (1957 bis 1977)
Ein Popstar unter den Theologen
Ratzingers theologische Fähigkeiten sind unbestritten, seine Interpretationen werden dagegen wegen ihrer revolutionären Ansätze bisweilen harsch kritisiert. Seine Habilitationsschrift lehnt man gar ab. Doch schlussendlich müssen die Prüfer Ratzingers Klasse anerkennen, 1957 wird seine Habilitation über „Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura“ abgesegnet. Ein Jahr später tritt der erst 31-Jährige seine erste Stelle als Professor in Freising an. In kürzester Zeit wird Ratzinger über die Landesgrenzen hinaus bekannt, 1962 nimmt ihn der Kölner Kardinal Josef Frings als Berater zum II. Vatikanischen Konzil mit. In den Jahren danach sorgt Ratzinger immer wieder für Furore, beispielsweise mit seiner „Einführung in das Christentum“. Er gilt als geradezu unerhört progressiv, bei den Studenten in Münster, Bonn, Tübingen und Regesburg genießt er „Starstatus“.
Erzbischof von München und Freising (1977 bis 1981)
Der Erbe des Heiligen Korbinian
Die Universität ist Joseph Ratzingers Heimat, hier fühlt sich der wissbegierige Theologe wohl. Umso schwer wiegt für ihn das Jahr 1977. Im März widerfährt ihm eigentlich eine große Ehre, Papst Paul VI. ernennt ihn zum Erzbischof von München und Freising. Für Ratzinger jedoch bedeutet dies das Ende seiner wissenschaftlichen Karriere. Trotz aller schwerwiegenden Vorbehalte und erst nach einem Gespräch mit dem Beichtvater: Am 28. Mai 1977 wird aus dem Regensburger Professor Ratzinger der Erzbischof einer der einflussreichsten Diözesen in Deutschland. Nur einen Monat später erfüllt sich der kindliche Wunsch des kleinen Joseph: Ratzinger wird Kardinal, seine kirchliche Karriere hat rasant an Fahrt aufgenommen.
Präfekt der Glaubenskongregation (1981 bis 2005)
Der Hüter des Glaubens
„Mitarbeiter der Wahrheit“ lautet das Ratzingers Bischofsmotto. Kardinal Joachim Meisner nennt den Münchner Erzbischof „Mozart der Theologie“ – alles beste Voraussetzungen für Ratzingers nächste Aufgabe. Der Deutsche hat sich inzwischen in der ganzen Welt als „Bewahrer des Glaubens“ einen Namen gemacht, ab 1981 übernimmt er diese Funktion ganz offiziell. Papst Johannes Paul II. möchte den 64-Jährigen nach Rom holen, er soll dort der neue Präfekt der Glaubenskongregation werden. Wieder gehorcht Ratzinger, am 25. November 1981 verlässt er sein geliebtes Bayern Richtung Italien. Hier wacht er mit Argusaugen über die „Reinheit der katholischen Lehre“, Konflikte bleiben nicht aus. Fast ein Vierteljahrhundert später wartet schließlich die größte Aufgabe auf den Polizistensohn aus Marktl: Am 19. April 2005 wird Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. gewählt.
Simon Biallowons