?: Herr Professor, welche Erwartungen hatten Sie vor Beginn des Pontifikates an Papst Benedikt XVI.?
!: Wie viele andere habe ich mir die Frage gestellt, was der bisherige Chef der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, in seiner neuen Rolle als Papst Benedikt XVI. machen wird. Ich hatte gehofft, dass es einen Unterschied macht, ob ich in einer Fußballmannschaft der Verteidiger oder der Coach bin. Der Coach muss nicht mehr zusehen, wo jemand vom Kurs abweicht und das abwehren. Sondern er kann das Ganze überblicken und sagen: Leute, wir gehen diesen Weg oder jenen Weg. Meine Hoffnung hat sich weithin bestätigt.
?: Inwiefern?
!: Der Papst hat mit ungewöhnlicher Genauigkeit immer wieder auf die Mitte des Christentums hingewiesen. Er hat versucht, das Evangelium verdichtet – viele nennen das „essentialisiert“ – und auf das Wesentliche reduziert. Es geht ihm also weniger um Einzelaspekte, als viel mehr um das Grundsätzliche. Aber da ist er mir manchmal zu sehr ein Schöngeist. Er malt zum Beispiel das Thema „Eucharistie“ in wunderbaren, mystischen Farben. Aber man wünscht sich, dass dieses Gemälde auch einen sehr praktischen Rahmen hat, um es konkret zu fassen.
"Jeder Papst hat das Recht, anders zu sein"
?: Wäre für diese Aufgabe ein andere Typ von Papst besser geeignet?
!: Prinzipiell meine ich, dass jeder Papst das Recht hat, anders zu sein. Papst Johannes Paul II. hat man gern gesehen, er war ein begnadeter Schauspieler. Wenn man Benedikt XVI. sieht mit seiner leichten Unbeholfenheit, dann reißt das einen nicht vom Hocker. Aber man hört diesen Papst sehr gern. Seine Worte bewegen, weil sie so klar sind. Sie sagen: Die Verwerfung des Christentums führt zu einer Verwerfung des Menschen. Deshalb hat der Papst absolut Recht damit, dass er sein geniales Talent als Theologe gegen diese Verwerfung aufbietet. Er zeigt uns, dass die Gesellschaft menschlicher werden kann, wenn das Christentum wieder mehr Platz bekommt. Und diese Botschaft ist bislang eine gute Offerte an unsere Gesellschaft.
?: Kardinal Meisner hat den Papst einmal den „Mozart der Theologie“ genannt. Brauchen wir angesichts der Probleme in der Kirche einen „Mozart“ oder vielleicht eher jemanden, der mehr anpackt?
!: Man kann sich ausrechnen, dass Benedikt seinem Nachfolger einmal viele ungelöste, strukturelle Probleme hinterlassen wird. So sehr er sich bemüht, auf die Orthodoxie zuzugehen, so sehr er sich für den Dialog mit den Religionen einsetzt – man muss sagen, dass bisher einige Fragen offen geblieben sind. Zum Beispiel die Frage des sehr drängenden Priestermangels in einigen Teilen der Weltkirche. Oder die noch immer sehr leidvolle Frage nach der Zulassung von Geschiedenen und Wiederverheirateten zu den Sakramenten. Man hat zwar bisher in diesen Fragen von Benedikt XVI. keine Einschränkungen gehört. Aber ich sehe auch nicht, dass etwas in Bewegung ist, um diese großen Probleme offensiv anzugehen.
?: Trotz dieser Kritik: Was schätzen Sie am bisherigen Pontifikat?
!: In erster Linie die Art und Weise, wie der Heilige Vater sein Papstamt gestaltet. Benedikt weiß, dass die Welt einen Dienst am Evangelium braucht und er ein Teil dieses Dienstes ist. Ich habe bei ihm nie das Gefühl, dass er mit Überheblichkeit, Arroganz und Lieblosigkeit auftritt. Er begegnet den Menschen mit einer tiefen Herzlichkeit – und das ist eine große, wunderbare pastorale Stärke. Und natürlich sind seine Reden und Texte exzellent. Er ist ein absolut genialer Theologe und spricht sehr klar – es ist ein Genuss, seine Werke zu lesen oder im Fernsehen zu kommentieren.
Benedikt XVI. kommt ohne den moralischen Zeigefinger aus
?: Gibt es Punkte, wo Sie in den drei Jahren des Pontifikates überrascht worden sind?
!: Positiv überrascht wurde ich durch den völligen Verzicht auf Moralisieren. Da bin ich wirklich glücklich darüber. Der Papst kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und einer billigen Moral. Ich glaube, das ist ein sehr großes Verdienst des Heiligen Vaters für die ganze Kirche.
?: Und was hat Sie negativ überrascht?
!: Die Tatsache, dass Benedikt XVI. den traditionalistischen Splittergruppen vor allem in der Liturgie so weit entgegengekommen ist. Ich verstehe, dass er diese Gruppen wieder in die Kirche „hineinlieben“ will. Ich habe grundsätzlich Sympathie dafür, dass man auch so kleinen Gruppen die Rückkehr in das Haus der Kirche erleichtert. Aber es hat doch bei einigen Menschen den Eindruck erzeugt, als wäre er ein Skeptiker der nachkonziliaren, heutigen Liturgie insgesamt. Aber vielleicht sind diese Zugeständnisse der, freilich hohe, Preis dafür, dass solche Gruppen wieder in die Kirche zurückkehren.
?: Der interreligiöse Dialog ist einer wer wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft. Auch der Papst hat zum Beginn seines Pontifikates diesen Dialog als Hauptanliegen ausgegeben. Wie hat er den Dialog bisher geführt?
!: Natürlich hat es die Verwirrungen um die Regensburger Rede gegeben. Trotzdem führt er den religiösen Dialog sehr kompetent. Benedikt versteht die Argumente der Gegenseite und versucht selber nie nur mit Autorität, sondern im Hinblick auf die Einsicht des Gesprächspartners zu argumentieren.
?: Sie haben Probleme wie den Priestermangel mehrmals angesprochen. Warum setzt sich der Heilige Vater damit nicht auseinander? Das kann ja nicht nur an seiner Fokussierung auf das Evangelium liegen?
!: Ich habe manchmal das Gefühl, dass der Papst diesbezüglich ein wenig wie Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl agiert: Als könnte man einige Probleme allein durch Aussitzen lösen. Aber ich bin da als Theologe etwas ungeduldig. Ich sage, dass wir aufpassen müssen, dass wir die uns von Gott heute gegebene Zeit nützen sollen, um die Probleme zu lösen. Sonst sind wir nicht Leute, die etwas ausgesessen, sondern etwas totgesessen haben.
"Wir müssen immer aufpassen, dass wir den Geist der Kirche nicht auslöschen"
?: Wie problematisch ist die Situation des Aussitzens? Und: Was muss in den folgenden Jahren des Pontifikates passieren?
!: Wir gehen auf Pfingsten zu. Damals hatten sich die Apostel wie Angsthasen im Oberstübchen versteckt. Doch der Auferstandene tritt durch die verschlossenen Türen und gibt diesen frühkirchlichen Angsthasen das, was sie am nötigsten haben: den Geist der Courage, des Mutes, der Experimentierfreudigkeit, des Aufbruches zu einer neuen Kirchengestalt. Wenn sich die Kirche und mit ihr der Papst diesem Geist wirklich ehrlich und risikobereit öffnen würden, würde man nicht nur bremsen, sondern würde Alternativen kennenlernen und ausloten. Wir müssen immer aufpassen, dass wir den Geist der Kirche nicht auslöschen.
?: Aber war ein Aufbruch, wie Sie es gerade gefordert haben, von Benedikt überhaupt zu erwarten?
!: Es hindert ihn doch nichts daran. Es gibt zum Beispiel einen Text von 1970, wo Joseph Ratzinger davon spricht, dass es im Jahr 2000 verheiratete oder ehrenamtliche Priester geben wird. Das ist eine Sensation und wäre zum Beispiel eine Antwort auf den Priestermangel. Joseph Ratzinger hat das also schon früh haargenau vorhergesehen. Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass man ihm in aller Liebenswürdigkeit und mit dem gebotenen Respekt sagt: „Heiliger Vater, klage nicht über den Priestermangel, sondern realisiere das, was du 1970 für möglich gehalten hast.“
Interview: Simon Biallowons
Die neuesten Werke von Professor Zulehner:
Paul M. Zulehner: GottesSehnsucht. Spirituelle Suche in säkularer Kultur, Ostfildern 2008.
Paul M. Zulehner: Werden was ich bin. Ein spirituelles Lesebuch, zusammengestellt und herausgegeben, Ostfildern 2008.