?: Was hat es bei dir spirituell bewirkt, Claudia?
Claudia: Es war vom Spirituellen gar nicht so ein großer Unterschied zu meinem Leben sonst, ich bin ja sowieso ein spiritueller Mensch. Aber in der Pilgermesse in Santiago musste ich dann einfach weinen – ich war so ergriffen von dieser tiefen Glaubenserfahrung. Und ich war einfach glücklich, dort zu sein. Das hat mich sehr berührt. Überhaupt in den Kirchen zu sein, in den Klöstern zu sitzen, diese Ruhe, die Kraft dort zu spüren. Also das werde ich in Zukunft auf jeden Fall nutzen, in den Kirchen zur Ruhe zu kommen
?: Ein wichtiger Punkt war ja nicht nur das Spirituelle, sondern auch eure Beziehung. In deinem Audio-Tagebuch betonst du immer wieder, wie gut es ist, dass ihr den Weg allein geht. Warum? Immerhin seid ihr doch gemeinsam gestartet.
Claudia: Es ist wichtig, dass jeder sein eigenes Tempo geht. Ich hatte am Anfang die Erwartung, endlich mal genug Zeit mit Michi zum Reden zu haben. Weil das im Alltag immer zu kurz kommt. Aber irgendwann dachte ich mir: Was soll das hier werden, ein romantisches Pilgern zu Zweit? Das ist es einfach nicht! Und diese Erwartung musste ich erst einmal ablegen.
?: Wie siehst du das, Michi?
Michi: Mein Körper hat einfach gestreikt, die 23 Kilometer am ersten Tag mit einem 14-Kilo-Rucksack waren zu viel. Abgesehen davon finde ich auch: Es war gut, alleine zu gehen. Man hat einfach andere Begegnungen. Wenn man als Paar auftritt, hat man so eine kleine unsichtbare Grenze um sich herum, da kommt man nicht so leicht ins Gespräch. Es war auch irgendwann kein Verlust mehr zu sagen, du gehst deinen Weg und ich meinen. Das war toll!
"Am Ende hat uns dieser Weg wieder zusammengeführt"
?: Wie hat der Weg eure Beziehung geformt, in welche Bahnen hat er euch gelenkt?
Claudia: Das Thema, sich mit dem anderen auseinandersetzen, hat uns ja dann noch zum Schluss stark in Santiago und in Finisterre beschäftigt. Und wir haben gesagt, wir müssen einfach schonungslos einander sagen, was los ist. Anders geht’s nicht. Und Leichtigkeit in die Beziehung reinbringen. Wir waren so schön albern. Es muss ja nicht kompliziert sein und schwer.
Michi: Der Weg hat uns auf alle Fälle gezeigt, das Alte loszulassen. Die alten Vorstellungen, das Anknüpfen an irgendwas, was war. Das hatte nicht funktioniert. Wir waren uns ja immer unserer Gefühle zueinander sicher, das war nicht das Problem. Wir müssen aber den anderen so lassen können, wie er ist, und ihn in seiner Andersartigkeit annehmen.
?: Was hat der Weg dazu beigetragen?
Claudia: Als ich in der Natur war, sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Da waren so viele Gegensätzlichkeiten: Ich hatte eine Strecke, wo es ein paar Tage richtig heiß war. Dieser Weg, auf dem ich gegangen bin, war total ausgetrocknet. Und staubig. Und vor mir habe ich immer die schneebedeckten Berge gesehen – fast schon zum Greifen nah. Das war ein krasser Gegensatz für mich, den ich auch übertragen habe auf mich, auf unsere Beziehung, aufs Leben. Zu sagen: In der Natur gibt es so viel Gegenteiliges und eigentlich ist es bereichernd und schön und spannend. Und wir Menschen kommen mit unseren Dingen nicht klar, wir meinen, alles muss immer total harmonisch sein.
Michi: Ich finde, wir haben uns auf dem Weg voneinander gelöst. Man kann auch sagen, getrennt. Wie haben uns gegenseitig losgelassen und gesagt: So funktioniert es nicht mehr. Wir müssen uns vom alten Schema verabschieden – diesen Gleichklang, das hat uns der Weg gezeigt, gibt es nicht. Am Ende hat uns dieser Weg aber auch wieder zusammengeführt, durch dieses Loslassen, aber auch weil wir die Bereitschaft hatten, den anderen so zu sehen, wie er wirklich ist.
?: Nach dieser intensiven Erfahrung: Was ist eurer Meinung nach das Besondere am Jakobsweg?
Claudia: Es ist ein Kraftweg. Wenn man sich drauf einlässt und sich mit seinen Gedanken auseinandersetzt, ist das eine große Bereicherung. Ich kann den Weg jedem nur empfehlen. Man lernt sehr viel über sich und andere Menschen kennen. Und es kommt sehr viel Wahrheit ans Licht.
Michi: Der Weg zeigt einem nicht nur die positiven Seiten, sondern auch das, was nicht stimmt oder so gut läuft. Wenn man sich dem aber stellt, bekommt man sehr viel zurück. Das ist eine unglaubliche Bereicherung. Also ich habe dort einen sehr positiven Wandel erlebt.
Interview: Beate Spindler