Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Das Tagebuch vom Jakobsweg

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Samstag, 11. Februar 2012 Anselm
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München, 22. April


"Ich spüre eine unheimliche Stärke in mir"

33 Tage lang waren Claudia und Michi auf dem Jakobsweg unterwegs. Den Großteil der Strecke sind die beiden getrennt gelaufen. Für glaubenslust.de haben sie aber zusammen von ihren Erfahrungen als Pilger erzählt und verraten, was der Weg für ihre Beziehung und ihr Leben bedeutet

?: Michi und Claudia, Ihr seid am Donnerstag spätabends in München gelandet. Wie war die Ankunft?
Claudia: Ich habe mich sehr auf zu Hause gefreut. Aber es fühlte sich trotzdem komisch an, wieder hier zu sein – vertraut und doch irgendwie ein bisschen fremd.
Michi: Vielleicht liegt das einfach daran, dass man die Wochen vorher so viel allein war mit seinen Gedanken, allein in der Natur, ganz reduziert auf die Basics. Und plötzlich sind da dann wieder Autos, U-Bahn, Straßenbahn, Leute: Das war mir alles zu laut.

?: Und wie waren die ersten Tage zurück in der Zivilisation?
Michi: Für mich war es schon sehr krass, weil ich am Freitag bereits wieder Unterricht hatte – ich leite ja eine Musikschule. Aber ich habe mich gleich sehr wohlgefühlt in meiner Arbeit. Der Tag ist relativ schnell vergangen. Abends konnte ich schlecht einschlafen – mir hat die Bewegung gefehlt. Ich spüre noch immer einen unglaublichen Bewegungsdrang und habe mir inzwischen auch schon ein neues Fahrrad und neue Joggingschuhe gekauft.
Claudia: Das Gefühl: „Jetzt bin ich da“, hatte ich erst nach meinem Auftritt auf einer Hochzeit am Samstagabend. Ich war mir nicht sicher, wie es ist, nach fünf Wochen wieder mit meiner Band auf der Bühne zu stehen. Ich habe zwar unterwegs dauernd gesungen, aber nicht jeden Tag Gesangsübungen gemacht.

?: Und wie war der Auftritt?
Claudia: Richtig gut! Viel besser als alle anderen zuvor. Ich war ganz ich.

?: Glaubst du, das liegt am Jakobsweg?
Claudia: Ja! Ich spüre eine unheimliche Stärke in mir. Ich nehme mich selbst viel bewusster wahr – meinen Körper, aber auch meine Seele und meinen Geist.

?: Was genau hat das Pilgern bei euch bewirkt?
Claudia: Ich habe auf jeden Fall eine große Offenheit anderen Menschen gegenüber entwickelt. Und ich habe gelernt, einfach nicht so viel von anderen zu erwarten.
Michi: Das ist bei mir auch so. Ich bin viel offener geworden und kann mich selbst besser einschätzen – was mag ich, was mag ich nicht. 

"Ich hatte ein unheimliches Gefühl von Weite"

Freiheit pur: Claudia spürte ein unheimliches Gefühl von Weite auf dem Jakobsweg

?: Was waren die Schlüsselmomente auf eurem Weg?
Claudia: Der erste Schlüsselmoment für mich war, als es hinter Burgos in die Meseta ging. Da haben mir viele Menschen schon vorher gesagt, das ist das härteste Stück: Fünf Tage nur Natur und die Gedanken sollen dort besonders gut sprießen. Für manche ist das wohl unerträglich. Aber ich fand das gar nicht schlimm. Im Gegenteil: Das war Freiheit pur, ich hatte ein unheimliches Gefühl von Weite und war richtig glücklich. Das hängt sicher auch mit den alten Pilgerwegen dort zusammen, auf denen schon seit 1000 Jahren Leute gehen. Da spürte ich eine besondere Energie, unglaublich kraftvoll... Ich kann’s nicht erklären, warum.
Michi: Ja, es stimmt tatsächlich. Man spürt diese uralte Energie, die die Menschen dazu getrieben hat, diesen Weg zu gehen. Und man fühlt sich mit diesen Menschen verbunden.
Claudia: Das einschneidendste Erlebnis für mich war aber Cruz de Ferro. Wo ich abends hochgegangen bin und für mich gesagt habe: Jetzt kommt es wirklich drauf an. Bin ich wirklich bereit zu sagen: Ich gebe jetzt alles ab, ich lasse los, ich lasse meine Erwartungen hier und auch Michi. Ich habe den Stein hier weggeworfen, um zu sagen: Ich gebe die ganze Beziehung und die Erwartungen, die ich daran stelle, frei. Ich wollte mich frei machen. Auch von Enttäuschungen und allem, was zuvor war.

?: Hast du auch einen Stein abgelegt, Michi?
Michi: Einen? Mehrere! (lacht) Für meine drei Kinder jeweils einen Stein, für mich einen – für Claudia nicht, da wusste ich, dass sie das selbst erledigen kann – und dann noch einen Stein für die Mutter meiner Kinder, die an einer schweren Krankheit leidet. Es war für mich ein ganz spiritueller Moment. Ich war mir über die Probleme, die ich dort lassen möchte, sehr bewusst. Und ich habe sie mit der Gewissheit abgeladen, dass mir Gott dabei zur Seite steht. Sonst wäre ich nicht so weit gekommen. 

"In der Pilgermesse in Santiago musste ich einfach weinen"

?: Du hast gerade gesagt, das war ein sehr spiritueller Moment. Was ist denn überhaupt das Spirituelle an diesem Weg – was bewirkt er im Glauben?
Michi: Gottvertrauen. Ich glaube, dass ich nicht aus meiner körperlichen Kraft heraus diesen Weg geschafft hätte. Sondern ganz sicher nur mit Hilfe von Gott. Abgesehen von der Meseta und den Tagen, wo man gegen Windgeschwindigkeiten von 100 km/h anläuft, bin ich zwei Mal durch die Nacht gegangen – diese Grenzerfahrungen haben mich meinem Glauben unheimlich nahe gebracht.

Kraft tanken im Kloster Samos – Claudia ist beeindruckt von den vielen Kirchen und Klöstern unterwegs


?: Was hat es bei dir spirituell bewirkt, Claudia?
Claudia: Es war vom Spirituellen gar nicht so ein großer Unterschied zu meinem Leben sonst, ich bin ja sowieso ein spiritueller Mensch. Aber in der Pilgermesse in Santiago musste ich dann einfach weinen – ich war so ergriffen von dieser tiefen Glaubenserfahrung. Und ich war einfach glücklich, dort zu sein. Das hat mich sehr berührt. Überhaupt in den Kirchen zu sein, in den Klöstern zu sitzen, diese Ruhe, die Kraft dort zu spüren. Also das werde ich in Zukunft auf jeden Fall nutzen, in den Kirchen zur Ruhe zu kommen

?: Ein wichtiger Punkt war ja nicht nur das Spirituelle, sondern auch eure Beziehung. In deinem Audio-Tagebuch betonst du immer wieder, wie gut es ist, dass ihr den Weg allein geht. Warum? Immerhin seid ihr doch gemeinsam gestartet.
Claudia: Es ist wichtig, dass jeder sein eigenes Tempo geht. Ich hatte am Anfang die Erwartung, endlich mal genug Zeit mit Michi zum Reden zu haben. Weil das im Alltag immer zu kurz kommt. Aber irgendwann dachte ich mir: Was soll das hier werden, ein romantisches Pilgern zu Zweit? Das ist es einfach nicht! Und diese Erwartung musste ich erst einmal ablegen.

?: Wie siehst du das, Michi?
Michi: Mein Körper hat einfach gestreikt, die 23 Kilometer am ersten Tag mit einem 14-Kilo-Rucksack waren zu viel. Abgesehen davon finde ich auch: Es war gut, alleine zu gehen. Man hat einfach andere Begegnungen. Wenn man als Paar auftritt, hat man so eine kleine unsichtbare Grenze um sich herum, da kommt man nicht so leicht ins Gespräch. Es war auch irgendwann kein Verlust mehr zu sagen, du gehst deinen Weg und ich meinen. Das war toll!

"Am Ende hat uns dieser Weg wieder zusammengeführt"

?: Wie hat der Weg eure Beziehung geformt, in welche Bahnen hat er euch gelenkt?
Claudia: Das Thema, sich mit dem anderen auseinandersetzen, hat uns ja dann noch zum Schluss stark in Santiago und in Finisterre beschäftigt. Und wir haben gesagt, wir müssen einfach schonungslos einander sagen, was los ist. Anders geht’s nicht. Und Leichtigkeit in die Beziehung reinbringen. Wir waren so schön albern. Es muss ja nicht kompliziert sein und schwer.
Michi: Der Weg hat uns auf alle Fälle gezeigt, das Alte loszulassen. Die alten Vorstellungen, das Anknüpfen an irgendwas, was war. Das hatte nicht funktioniert. Wir waren uns ja immer unserer Gefühle zueinander sicher, das war nicht das Problem. Wir müssen aber den anderen so lassen können, wie er ist, und ihn in seiner Andersartigkeit annehmen.

?: Was hat der Weg dazu beigetragen?
Claudia: Als ich in der Natur war, sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Da waren so viele Gegensätzlichkeiten: Ich hatte eine Strecke, wo es ein paar Tage richtig heiß war. Dieser Weg, auf dem ich gegangen bin, war total ausgetrocknet. Und staubig. Und vor mir habe ich immer die schneebedeckten Berge gesehen – fast schon zum Greifen nah. Das war ein krasser Gegensatz für mich, den ich auch übertragen habe auf mich, auf unsere Beziehung, aufs Leben. Zu sagen: In der Natur gibt es so viel Gegenteiliges und eigentlich ist es bereichernd und schön und spannend. Und wir Menschen kommen mit unseren Dingen nicht klar, wir meinen, alles muss immer total harmonisch sein.
Michi: Ich finde, wir haben uns auf dem Weg voneinander gelöst. Man kann auch sagen, getrennt. Wie haben uns gegenseitig losgelassen und gesagt: So funktioniert es nicht mehr. Wir müssen uns vom alten Schema verabschieden – diesen Gleichklang, das hat uns der Weg gezeigt, gibt es nicht. Am Ende hat uns dieser Weg aber auch wieder zusammengeführt, durch dieses Loslassen, aber auch weil wir die Bereitschaft hatten, den anderen so zu sehen, wie er wirklich ist.

?: Nach dieser intensiven Erfahrung: Was ist eurer Meinung nach das Besondere am Jakobsweg?
Claudia: Es ist ein Kraftweg. Wenn man sich drauf einlässt und sich mit seinen Gedanken auseinandersetzt, ist das eine große Bereicherung. Ich kann den Weg jedem nur empfehlen. Man lernt sehr viel über sich und andere Menschen kennen. Und es kommt sehr viel Wahrheit ans Licht.
Michi: Der Weg zeigt einem nicht nur die positiven Seiten, sondern auch das, was nicht stimmt oder so gut läuft. Wenn man sich dem aber stellt, bekommt man sehr viel zurück. Das ist eine unglaubliche Bereicherung. Also ich habe dort einen sehr positiven Wandel erlebt.

Interview: Beate Spindler
 

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