?: Ihr seid jetzt unmittelbar vor dem Aufbruch zum Jakobsweg. Was genau habt Ihr vor?
!: Wir fliegen am 14. März um 7.10 Uhr los und werden abends um halb neun in Pamplona sein. Von dort beginnen wir am 15. März unseren Jakobsweg. Wir haben unsere Pilgerpässe schon und dürfen in der ersten Nacht auch gleich in einem Refugio übernachten, obwohl wir noch nicht gepilgert sind. Unser Weg ist 713 Kilometer lang, am 17. April fliegen wir von Santiago de Compostela wieder zurück. Insgesamt sind wir also 33 Tage unterwegs.
?: Wie viele Kilometer wollt Ihr pro Tag laufen?
!: Im Schnitt 25, 26 Kilometer. Man muss aber auch sehen, wie fit man immer ist.
?: Wie habt Ihr Euch auf diesen Weg vorbereitet? Habt Ihr trainiert?
!: Ich laufe ohnehin gern und war jetzt auch viel joggen. Ich bin auch häufig schwimmen gegangen. Viel Schlaf war mir auch wichtig. Bei Michi sieht das ein bisschen anders aus. Er arbeitet sehr viel und hat sich deshalb nicht so gut vorbereiten können.
?: Wie bist Du, wie seid Ihr eigentlich auf die Idee gekommen, den Jakobsweg zu laufen?
!: Es war erstmal keine gemeinsame Idee. Eine Freundin hatte mich vor drei Jahren gefragt, ob ich den Weg mit ihr gehen will. Damals hatte ich mich zum ersten Mal mit dem Jakobsweg beschäftigt. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, den Weg zu gehen. Denn ich mag es sehr gerne, mal aus dem Alltag, dem Luxus heraus zum Einfachen zu kommen: Ich habe alles, was ich brauche, bei mir. Ich verlasse mich nur auf meine Körperkraft. Ich hatte damals schon die Flugtickets, bekam dann aber lustigerweise für diese zwei Wochen zehn Auftritte rein. Ich musste die Reise absagen, aber seitdem beschäftigt mich der Weg. Nachdem sich meine berufliche Situation verändert hat und ich nun am Anfang meiner Selbstständigkeit stehe, habe ich jetzt die Chance, den Weg zu gehen.
?: Aus dem Weg, den Du geplant hast, ist ein Weg für Zwei geworden. Warum hast Du Dich entschlossen, den Jakobsweg mit Deinem Ex-Lebensgefährten Michi zu gehen?
!: Michi und ich haben sechseinhalb Jahre zusammengelebt. Im Juni 2006 bin ich ausgezogen. Aber unsere Beziehung war noch nicht abgeschlossen. Im letzten November haben wir uns dann wieder getroffen und schnell wieder Vertrauen zueinander gefasst. Da erzählte ich ihm von dem Weg. Er sagte, er wolle ihn auch gehen – in den Pfingstferien. Dann fragte er aber immer wieder: Wann gehst Du? Was hast Du geplant? Er wollte mit mir gemeinsam gehen. Ich dachte, vielleicht tut uns beiden das ja ganz gut. Man hat sehr gute Möglichkeiten, viel aufzuarbeiten oder einfach nur zu schauen, was sich entwickelt. Ziemlich frei starten wir jetzt gemeinsam, wobei es auch die Option gibt, dass einer alleine gehen kann, wenn er das möchte.
?: Jetzt ist der Tag vor der Abreise. Mit welchen Erwartungen gehst Du den Weg an?
!: Ich bin ganz offen für alles, was kommt. Ich habe keine bestimmten Erwartungen, was ich erleben möchte oder was geklärt werden müsste. Ich weiß, wann es wo losgeht und wann ich wieder zurückkomme, aber was dazwischen liegt ... mal sehen. Aber Wünsche habe ich schon: Ich wünsche mir einen Schub Kreativität, ich möchte spüren, was als nächstes auf mich zukommt. Eigentlich steht meine große Freude und Dankbarkeit im Mittelpunkt. Große Freude, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, den Weg zu gehen, und Dankbarkeit für die Zeit, die hinter mir liegt. Ich habe auch schwere Zeiten erlebt, und ich fühle mich da von Gott getragen.
?: Welche Rolle spielt Gott in Deinem Leben?
!: Ich bin in einer Baptistengemeinde in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Der Glaube war mir nie fremd. Für mich ist fest verankert, dass Gott da ist, dass er mich trägt und ich mich bei ihm geborgen fühlen kann. Inzwischen gehöre ich der evangelischen Kirche an. Ich habe mich irgendwann entschieden, dass ich mich in der evangelischen Kirche wohler fühle, weil ich nicht jeden Tag meinen Glauben genau definieren muss. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend viel Positives erlebt, aber ich habe auch erlebt, dass man in dieser Gemeinschaft konform gehen musste. Es gab wenige Möglichkeiten, seinen individuellen Glauben zu leben. Je älter ich wurde, umso wichtiger wurde mir das. Freiheit ist mir sehr wichtig, weil ich auch die Unfreiheit in der Kirche kenne. Und da bin ich sehr empfindlich, wenn mir jemand vorschreibt, wie ich etwas zu tun habe.
?: Das heißt, der Jakobsweg hat für Dich auch eine spirituelle Bedeutung?
!: Auf jeden Fall. Ich weiß aber noch nicht, in welcher Form. Ich sehe mich jetzt schon in den Kirchen, die ich besuchen werde, singen und beten. Oder einfach innezuhalten. Und ich bin gespannt, welche Menschen mir begegnen. Das ist für mich auch etwas sehr Spirituelles. Menschen begegnen mir nicht aus Zufall.