Dabei war natürlich von vorneherein klar, dass „Das verlorene Symbol“ kein Bibelfachbuch, sondern ein Thriller ist. Und zwar ein hervorragender Thriller. Brown gelingt es nämlich von Beginn an, Spannung und Nervenkitzel zu erzeugen. Aber leider auch Unbehagen und Beklommenheit. Christen könnten sich durchaus fragen: Stimmt es wirklich, dass unsere Bräuche im Prinzip heidnisch sind und wir ihre Bedeutung gar nicht kennen? Dass die Bibel Symbole verwendet, die identisch mit den Zeichen der Freimaurern sind? Dass, so eine der zentralen Thesen, die Bibel nichts anderes ist als die alten Schriften der Freimaurer?
Diese Angst wäre unbegründet. Dan Brown analysiert nicht, sondern interpretiert und spekuliert. Ein schönes Beispiel: Die Zahl 33 ist die vielleicht wichtigste Zahl der Freimaurer. Der höchste Rang, den man im so genannten Schottischen Ritus – der Königritus der Freimaurer – erreichen kann, ist der 33. Die Zahl kehrt immer wieder, laut Brown auch in der Bibel. Er lässt seinen Helden Robert Langdon darüber ausführlich sinnieren: „Es war kein Zufall, dass man Christen lehrte, Jesus sei mit 33 Jahren gekreuzigt worden, obwohl es keinen dahingehenden historischen Beweis gab. Ebenso wenig war es ein Zufall, dass es hieß, Josef sei 33 Jahre alt gewesen, als er die Jungfrau Maria geheiratet habe, oder dass Jesus 33 Wunder gewirkt habe, dass Gottes Name 33 Mal in der Genesis erwähnt wurde.“ Das klingt wirklich beunruhigend. Aber abgesehen davon, dass längst alle seriöse Theologen im Bezug auf Jesus eine strikte Altersangabe ablehnen und selbst der Evangelist Lukas nur eine „In-etwa-Angabe“ gemacht hat, sind die anderen Zahlen erfunden. Je nach Zählweise wirkt Jesus zum Beispiel 32 oder 35 Wunder, aber eben nicht 33. Und die Behauptung, dass Gott 33 Mal in der Genesis erwähnt wird, ist lächerlich. Allein im 1. Kapitel taucht der Name 32 Mal auf. Die heilige Zahl der Freimaurer kommt in der Bibel genauso privilegiert vor, wie viele andere auch.
Hat die Seele ein Gewicht? Bei Dan Brown schon.
Es gibt zahlreiche Stellen, die ebenfalls falsch sind. Eine Passage allerdings wirft so viele Fragen auf, dass sie hier nicht übergangen werden kann. Als Katherine, die Schwester des obersten Freimaurers Peter Solomon, in einer schier aussichtslosen Situation steckt, erinnert sie sich an Szenen, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder erlebt hat. Sie ist Wissenschaftlerin und hat sich dem Gebiet der Noetik verschrieben. Diese Lehre behauptet, dass mentale Vorgänge direkte materielle Folgen hätten. Gefesselt auf einen Altar und völlig verzweifelt denkt Katherine daran, wie sie Peter ein ganz besonderes Experiment zeigte: das Wiegen der Seele. Dabei wurde ein Sterbender in einen völlig dichten Glaskasten gelegt und dann gewogen. Nach seinem Tod wurde erneut das Gewicht kontrolliert, die Überraschung: Der Tote war leichter. Und da aus dem Kasten nichts sichtbar ausgetreten war, folgerte Katherine daraus, dass die Seele ein Gewicht haben müsse, aus dem Körper ausgetreten und daher der Tote leichter sei.
Das ist eine sehr alte Vorstellung. Sie stammt aus dem ägyptischen Totenkult, der es Brown insgesamt sehr angetan hat. Die so genannte „Psychostasie“ hat auch den christlichen Volksglauben stark beeinflusst. Vor allem im Mittelalter glaubte man daran, und selbst noch im 20. Jahrhundert versuchten Wissenschaftler die Seele zu finden und zu berechnen. Der amerikanische Arzt Duncan MacDougall führte deshalb obszöne Experimente, um zu der „Erkenntnis“ zu gelangen: Die Seele wiegt 21 Gramm. Dieses Ergebnis wurde schnell widerlegt, die Kirche lehnte diese Vorstellung ohnehin ab. Und auch bei Brown findet sich ein einfacher, aber entscheidender Denkfehler: Wenn aus diesem Glaskasten nichts Materielles heraus kann, die Seele aber Gewicht hat und daher materiell ist, kann auch sie nicht aus dem Glaskasten entweichen. Wenn sie doch heraus kann, ist sie wiederum nicht materiell und hat kein Gewicht. Entweder oder.
Es gäbe natürlich eine Denkalternative: Die Seele könnte ja im Körper materiell sein und Gewicht haben, im Zustand des Sterbens aber immateriell werden und so den Glaskasten verlassen, und dann außerhalb des Kastens wieder einen materiellen Zustand annehmen. Doch so eine Behauptung wäre absurd. So absurd, dass sie nicht einmal Dan Brown andeutet. Er belässt es lieber bei Andeutungen und reiner Fiktion. Denn genau so funktioniert „Das verlorene Symbol“. Man kann das neue Werk von Dan Brown deshalb wirklich gefahrlos lesen – nur ernstnehmen kann man es nicht.
Simon Biallowons