Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Die schwarze Liste des Vatikans

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Freitag, 10. Februar 2012 Wilhelm, Bruno
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Die schwarze Liste des Vatikans

Die schwarze Liste des Vatikans

(Foto: Wikipedia)

Karl Mays "Winnetou" und der "Knigge" entkamen gerade noch. Victor Hugos Glöckner von Notre Dame aber gehörte dazu. Werke von Kopernikus, Luther, Kant, Sartre und Zola. Schriften von Kirchenvätern wie Thomas von Aquin und antike "Klassiker" von Aristoteles, Platon, Hippokrates und Ovid. Der "Index verbotener Bücher"  (Index librorum prohibitorum) listet insgesamt 6000 Bücher auf. Bis zum Jahr 1966 galt: Wer eines dieser Werke las, konnte von der Kirche exkommuniziert werden. Papst Benedikt XVI. stimmte einer ZDF-Dokumentation zu, die Licht in das dunkle Kirchenkapitel bringen soll und in der Karwoche ausgestrahlt wird.

Seit 1998 haben Wissenschaftler Zugang zu den ehemals gesperrten Archiven des Vatikans. Zu verdanken ist dies wesentlich Papst Benedikt XVI., damals noch Kardinal Joseph Ratzinger, der auch den Dreharbeiten des ZDF zustimmte. An der Dokumentation arbeitete der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit, der als einer der wenigen Wissenschaftler bereits seit 1992 an Ort und Stelle forschen darf.

Die zweiteilige Dokumentation "Index - Die schwarze Liste des Vatikan" des ZDF (7. und 8. April) will Antworten auf große Fragen finden: etwa, warum die katholische Kirche seit dem Zeitalter der Reformation bestimmte Bücher verbot, welche aufsehenerregende Fälle es im Laufe der Geschichte gab und wie es heute um die Zensur in der katholischen Kirche und der Gesellschaft bestellt ist.

Wolf von Lojewski, lange Jahre Chef des "Heute-Journals", führt als Moderator durch den Film. Lojewski bezeichnete es "die Erfüllung eines großen Traums", einen Einblick in die kilometerlangen Akten der Index-Kongregation und damit auch in 400 Jahre europäischer Geistesgeschichte bekommen zu haben.

Bildergalerie: Welche Bücher landeten auf der Liste, welche blieben verschont? Klicken Sie auf das Bild für mehr Informationen:

Verurteilter Giordano Bruno

Der italienische Dichter und Philosoph (*1548) stand vor dem Gericht der Inquisition, seine Werke landeten im "Index der verbotenen Bücher". Bruno wurde im Jahr 1600 wegen Ketzerei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Vierhundert Jahre später erklärte der Vatikan die Hinrichtung Brunos für unrecht (Foto: Wikipedia)

Giordano Bruno: Der Kerzenzieher; (Foto: Felix Meiner Verlag)

Indiziert: Montesquieu

Der französische Jurist, Rechts- und Geschichtsphilosoph (1689-1755) lehnte beispielsweise die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität ab. Wegen solcher Thesen landete sein Hauptwerk 1751 auf der Liste. (Im Bild: De l´esprit des lois; Foto: Le Monde)

Indiziert: Heinrich Heine

Er hatte den Katholizismus als "gute Sommerreligion verspottet", den Beichtstuhl nannte der Dichter (1797-1856) "Häuschen aus braunem Holz für die Notdurft des Gewissens". Wegen "Gottlosigkeiten" und moralich bedenklicher Formulierungen stand er bis 1966 auf der Liste (Foto: Wikipedia)

Heines "Neue Gedichte"

Der Band zählte neben Heines Werk "Gegen die Freiheit der Religion" zu den Büchern, die der Bannstrahl der Kirche traf (Foto: Wikipedia)

Freigesprochen: Knigge

Er hätte auf der Liste landen können: Die "Benimmfibel" Adolph Freiherrs von Knigge (1752-1796) mache den Leser zum Egoisten und konzentriere sich ausschließlich auf das "innerweltliche Glück", bafand ein Gutachter (Foto: Wikipedia)

Keine Zensur bei "Knigge"

Ein weiterer Gutachter plädierte auf Freispruch, der Fall landete bei den Akten (Foto: Wikipedia)

Freigesprochen: Harriet Beecher Stowe

Der Roman "Onkel Toms Hütte" der amerikanischen Schriftstellerin (1811-1896) wurde von den Inquisitoren heiß diskutiert: Ein Gutachter deutete offenbar ihr Plädoyer für die Sklavenbefreiung als Aufruf zur Revolution - auch gegen die Kirche. Er konnte sich aber nicht durchsetzen (Foto: Wikipedia)

Nicht indiziert: "Onkel Toms Hütte"

Der Zweitgutachter befand: Das Buch der protestantischen Autorin ist auch Katholiken zu empfehlen. Papst Pius IX. stimmte dem zu. (Foto: Wikipedia)

Blieb verschont: Karl Marx

Warum der einflussreichste Theoretiker des Kommunismus (1818-1883) nicht im Index zu finden ist, beschäftigt die Forscher. (Foto: Wikipedia)

Freigesprochen: Karl May

Die Werke des deutschen Abenteuerschriftstellers (1842-1912) landeten auf dem Tisch der Gutachter (Foto: Wikipedia)

Nicht indiziert: "Winnetou"

Mays Werke, etwa sein berühmter "Winnetou", entkamen dem Index nach der Prüfung (Foto: Wikipedia)

Indiziert: Simone de Beauvoir

Nach 1945 wurden vor allem progressive katholische Theologen indiziert. Ausnahmen waren aber Schriften von Simone de Beauvoir (1908-1986), Jean-Paul Sartre und Andre Gide: Auch sie entkamen der Zensur nicht (Foto: Flickr)

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

Die zentrale These aus dem Werk Beauvoirs: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." (Foto: Rowohlt Verlag)

Nie indiziert: Hitler

Überraschend: Hitlers "Mein Kampf" sucht man auf der Liste ebenso vergeblich wie Werke Charles Darwins. Anscheinend beschäftigten sich die Gutachter aber mit dem "Fall Hitler". Wieso weder er noch Mussolini, Lenin und Stalin indiziert wurden, wollen Wissenschaftler klären (Foto: Franz Eher Verlag, DHM, Berlin)

Wolf betonte, es liege auch im Interesse des Vatikan, dass Klischees über die Geheimnis umwitterte Buchzensur hinterfragt würden. Ziel des Vatikan bei der Gründung des Index sei es gewesen, die Verbreitung der protestantischen Lehre zu verhindern und die Deutungshoheit über Wahr und Falsch zu behalten.

Ein erster Index wurde 1559 im Vatikan veröffentlicht. Seit 1571 entschied eine
eigens gebildete römische Index-Kongregation, welche Publikationen der Zensur unterworfen wurden. Den Katholiken war es verboten, indizierte Bücher aufzubewahren, zu lesen oder weiterzugeben. Vergehen waren in schweren Fällen mit der Exkommunikation bedroht.

Das letzte deutsche Buch wurde 1955 indiziert. Abgeschafft wurde der Index 1966, nachdem es bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber auch während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) heftige Kritik an der Zensurpraxis der Kirche gegeben hatte.

 

Die zweiteilige Dokumentation "Index - die schwarze Liste des Vatikan" ist am 7. April (22.45 Uhr) und am 8. April (22.15 Uhr) im ZDF zu sehen.

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