Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Ein fiktives Interview mit Paulus

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Samstag, 11. Februar 2012 Anselm
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Interview

„Manche haben sich leerem
Geschwätz zugewandt“

Umstrittene Bischofsernennungen, Wirtschaftskrise und Schweinegrippe. Der Apostel Paulus gibt Antworten auf aktuelle Fragen. Ein fiktives Interview mit Originalzitaten aus seinen Briefen

Foto: Wikipedia/Fotolia
Paulus war entscheidend für die Verbreitung des frühen Christentums (Foto: The Yorck Project)

LiMa: Apostel Paulus, Sie haben zuletzt viel mitmachen müssen. Wie geht es Ihnen denn?
Apostel Paulus:
Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Das alles erdulde ich um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen. 

?: Aber Sie geben nicht auf?
!: Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen …

?: Was bei Ihrer Vorgeschichte ja nicht selbstverständlich ist …
!: ... obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. 

?: So wurden Sie vom Saulus zum Paulus und sind heute der Star der Verkündigung. Keiner hat bislang so viele Menschen für sich gewinnen können. Was ist das Geheimnis Ihres  Erfolges?
!: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt. Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. 

?: Stichwort „Verkündigung“: Es hat in letzter Zeit viele Diskussionen um mögliche Bischofsernennungen gegeben, zum Beispiel um Pfarrer Gerhard Wagner aus Windischgarsten. Was zeichnet einen Bischof aus?
!: Wer das Amt eines Bischofs anstrebt, der strebt nach einer großen Aufgabe. Denn ein Bischof muss unbescholten sein, weil er das Haus Gottes verwaltet; er darf nicht überheblich und jähzornig sein, kein Trinker, nicht gewalttätig oder habgierig. Er soll vielmehr das Gute lieben, er soll gastfreundlich sein, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht. Er muss ein Mann sein, der sich an das wahre Wort der Lehre hält; dann kann er mit der gesunden Lehre die Gemeinde ermahnen und die Gegner widerlegen. 

?: Hohe Maßstäbe. Aber die Kirche befindet sich in manchen Regionen in der Krise. Warum?
!:
Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben. Davon sind aber manche abgekommen und haben sich leerem Geschwätz zugewandt. Sie wollen Gesetzeslehrer sein, verstehen aber nichts von dem, was sie sagen. 

Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden 

?: Wie soll denn die Kirche Ihrer Meinung nach funktionieren?
!: Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich … 

?: …was gerade viele Laien und ehrenamtliche Helfer oft vermissen und bemängeln…
!:
 ...denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. 

Die Bekehrung von Paulus nach einer Darstellung von Luca Giordano (Foto: The Yorck Project)

?: Ihr Beispiel lässt sich auf die Gesellschaft übertragen. In Zeiten der Finanzkrise wächst die Wut vieler Menschen. Millionenabfindungen für Manager sind zu einem Symbol der Ungerechtigkeit geworden.
!:
Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen. Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. Denn wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen. 

?: Es gibt natürlich auch Menschen, die die Allgemeinheit ausnutzen und bewusst auf deren Kosten leben.
!:
Wer arbeitet, hat Recht auf seinen Lohn. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

?: Stichwort „Essen“. Es gibt Gerüchte, Sie seien wegen Ihres Glaubens Vegetarier?
!:
Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst.

?: Und andere Genüsse?
!:
Wenn wir Nahrung und Kleider haben, soll uns das genügen. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.

Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann

?: Sind alle Vergnügungen verboten – Sex zum Beispiel?
!:
Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein. Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot.

?: Sie haben damit das Thema „Ehe“ angesprochen. Wie stehen Sie zur Mischehe?
!:
Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und sie willigt ein, weiter mit ihm zusammenzuleben, soll er sie nicht verstoßen. Auch eine Frau soll ihren ungläubigen Mann nicht verstoßen, wenn er einwilligt, weiter mit ihr zusammenzuleben.

?: Sie leben ohne Frau und haben sich ganz Jesus verschrieben. Was bedeutet er für Sie?
!:
Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. 

?: Vielen Menschen fällt es heute schwer, an die Auferstehung zu glauben. Wäre es nicht sinnvoller, diesen Teil unseres Glaubens nicht so eng zu sehen?
!:
Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen. 

?: Das klingt sehr optimistisch. Trotz aller aktuellen Krisen.
!:
Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Dafür arbeiten und kämpfen wir, denn wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, den Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen. Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen. 

?: Eine letzte Frage: Was kommt nach dem Tod?
!:
Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden,  die noch übrig sind, mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein. Tröstet also einander mit diesen Worten!

Interview: Simon Biallowons 

Die Zitate wurden entnommen aus: 

  • Der Brief an die Römer
  • Der erste Brief an die Korinther
  • Der Brief an die Galater
  • Der Brief an die Kolosser
  • Der erste und zweite Brief an die Thessalonicher
  • Der erste und zweite  Brief an Timotheus  

 

 

 

 

 

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