Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Geschichte der Heiligenverehrung

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Samstag, 11. Februar 2012 Anselm
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Geschichte der Heiligenverehrung

Geschichte der Heiligenverehrung

Von Augustinus bis Zita

Natürlich kann die Kirche nicht bestimmen, wer in den „Himmel“ kommt – das kann nur Gott allein. Aber sie kann ihre Überzeugung ausdrücken, dass ein Menschenleben geglückt ist. Und dass es Modellcharakter für die Welt hat. Wenn die katholische Kirche jemanden selig- oder heiligspricht, dann sagt sie: So will Gott den Menschen, so ähnlich könntest du auch leben. Aber sie macht damit auch Politik. Im LiMa berichtet Christian Feldmann über die Geschichte der Heiligenverehrung und das komplizierte Verfahren der Heilisprechung

Er verzichtete auf Besitz und Macht, die Kirche sprach den Ordensgründer dafür heilig: Franz von Assisi (Foto: Public Domain)

Wenn man heute an Heilige denkt, kommen einem Menschen wie die im Jahre 2003 seliggesprochene Mutter Teresa in den Sinn. Sie gab ihren Beruf als Direktorin der großbürgerlichen St. Mary’s High School in Kalkutta auf, um in den Slums dieser Alptraumstadt Sterbende, weggeworfene Säuglinge, unterernährte Kinder aufzusammeln – und, wie sie sagte, ihren Gott „in der Verkleidung des Elends“ zu finden. Oder man denkt an Franz von Assisi, der auf Besitz, Machtausübung, Waffen verzichtete und die selbstverständliche Aufteilung der Gesellschaft in Herren und Knechte bloß noch lächerlich fand. Menschen wie Augustinus, Hildegard von Bingen, Thérèse von Lisieux ließen ihre Seele in Brand setzen von einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Gott. Andere wiederum – unter ihnen Thomas More, Rupert Mayer und Edith Stein – beharrten trotz Folter und dem Tod vor Augen unbeirrt auf ihrem Recht, ihrer Glaubensüberzeugung zu folgen. Sie widerstanden – oft zitternd – der Willkür ihrer Peiniger, weil sie von der Wahrheit ergriffen wurden, die keine Kompromisse duldet.

Die Heiligen: Sie sind Gottes menschliches Gesicht in einer bestimmten Epoche oder Situation, Menschen, in denen der Himmel die Erde berührt. An ihnen lässt sich ablesen, was das heißen kann: Christ sein, glauben, die Liebe leben. In ihnen sieht die Kirche Nachfolger Jesu Christi, die in ihrem Handeln und Sprechen sein Werk vorbildlich lebendig halten. Wenn die Kirche einen verstorbenen Christen heiligspricht, dann vergewissert sie sich im Grunde ihres eigenen Kirche-Seins. Denn indem sie feierlich Menschen aus ihren eigenen Reihen herausstellt, bei denen sie eine besondere Christus-Treue erkennt, präsentiert sie sich selber als der Freundeskreis Jesu Christi.

Heilige sind nach wie vor für viele Menschen präsent. Und doch hat sich der Stellenwert der Heiligen für die Glaubensgemeinschaft im Laufe der Geschichte verschoben. Im Mittelalter waren sie allgegenwärtig. Jedes Dorf, jedes Handwerk hatte seinen himmlischen Schutzpatron, die Menschen pilgerten weit mehr als heute zu den Gräbern der Heiligen, feierten ihre Feste, vertrauten ihnen Sorgen und Krankheiten an und baten um Fürsprache bei Gott. Das kirchliche Lehramt hingegen versuchte den allerorts blühenden Kult eher einzudämmen. Vielleicht fürchtete man nicht zu Unrecht, hinter der Unzahl von Heiligen und Seligen, Blutzeugen, Engeln und guten Geistern müsse am Ende die Gestalt Christi verblassen – und auf die kam es doch einzig an. Jedenfalls gab es das ganze Mittelalter hindurch lediglich 79 offizielle Heiligsprechungsakte.

Die Geschichte der Heiligenverehrung machte aber nicht erst seit dem Mittelalter große Wandlungsprozesse durch: Am Anfang standen die Märtyrer, die für ihr christliches Bekenntnis Erschlagenen, Enthaupteten, Verbrannten, zu Tode Gefolterten. Die Mitchristen versammelten sich an ihren Gräbern, lasen Berichte über ihr tapferes Sterben und bald auch über die von ihnen gewirkten Wunder vor.

So heißt es in den Akten über den Märtyrertod des Bischofs Polykarp von Smyrna Mitte des zweiten Jahrhunderts: „Der Prokonsul mahnte ihn immer dringlicher und sagte: ,Schwöre ab, und ich lasse dich frei. Fluche deinem Christus!‘ Polykarp gab zur Antwort: ,Seit 86 Jahren diene ich ihm, und er hat mir nie ein Unrecht getan. Wie könnte ich da meinem König und Erlöser fluchen?‘ Da brüllte die Masse der Heiden mit unbändiger Wut: ,Dieser zerstört unsere Götter!‘ Sogleich trug der Pöbel aus Werkstätten und Badestuben Holz und Reisig zusammen. Die Henker schichteten das Brennholz um ihn auf. (...) Eine Stichflamme schoss leuchtend hoch. Er aber stand in der Mitte, nicht wie bratendes Fleisch, sondern wie ein Brot im Backofen oder wie Gold und Silber, das im Schmelzofen gereinigt wird. Seine Gebeine sind uns mehr wert als Edelsteine.“

Als die Christenverfolgungen abebbten und die Zahl der Märtyrer stark zurückging, wandelte sich die Heiligenverehrung. In den Mittelpunkt traten die so genannten „confessores“ oder Bekenner. Zu ihnen gehören Menschen, die von ihrem Glauben mutig Zeugnis abgelegt und für ihn geworben haben. Andere waren wortgewaltige Missionare, asketische Mönche, Jungfrauen, die ihr Leben Gott geweiht hatten, Witwen, die mit ihrem Besitz Gutes taten. Eine formelle Heiligsprechung war in den ersten christlichen Jahrhunderten nicht nötig. Das gläubige Volk schuf sich seine Heiligen spontan durch Anhänglichkeit und Verehrung. Man pilgerte zu ihren Gräbern, stellte ihre sterblichen Überreste, die Reliquien, in kostbaren Schreinen zur Schau, bat sie um Hilfe bei Krankheiten und Sorgen. Um zu zeigen, wie sehr die Heiligen mit Christus in Verbindung stehen, wurde es üblich, die Gebeine der als heilig Verehrten feierlich zu erheben und in einem Altar beizusetzen. Diese „Ehrhebung zu den Altären“ übernahm in der Regel der Ortsbischof. Manchmal fand diese sehr publikumswirksame Form der Heiligsprechung auch im Rahmen einer regionalen Bischofssynode statt. Rom hatte damit all die Jahrhunderte kaum etwas zu tun.

Teil 1: Märtyrer und Mystiker, Priester und Philosophen – die Geschichte der Heiligenverehrung
Teil 2: Rom mischt sich ein – das komplizierte Verfahren der Heiligsprechung

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