Fatima ist ein friedlicher Ort. Ein Wallfahrtsort. Doch in Fatima gibt es die Spuren eines Verbrechens zu sehen. Hier ist einer der rätselhaftesten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts verewigt – direkt in der goldenen Krone auf dem Kopf der Madonnenstatue. Die Krone ist mit Edelsteinen verziert, darauf eine Weltkugel unter einem Kreuz. Ein 9-mm-Geschoss ragt als goldene Spitze unten aus dem funkelnden Globus heraus. Es ist die wahrscheinlich verrückteste Trophäe der Welt. Nicht der Jäger, sondern der Gejagte hat sie hierher gebracht – der Papst.
13. Mai 1981, 17.00 Uhr: Mehr als 30.000 Touristen und Pilger drängen sich auf dem Petersplatz, als sich der offene Jeep mit Papst Johannes Paul II. in Bewegung setzt. Im Schritttempo fährt der Wagen die Absperrungen entlang, hält immer wieder an, damit der Papst Hände schütteln und Kinder umarmen kann.
Plötzlich drängt sich auf der rechten Seite ein Mann an die Absperrung: der Türke Mehmet Ali Agca, ein 23-jähriger Terrorist. Er reißt einen Browning-Revolver hoch und feuert mehrere Schüsse ab. Eine Kugel trifft den Papst an der linken Hand und an der Schulter, eine zweite bohrt sich in seinen Unterleib und verletzt ihn schwer. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sinkt er in die Arme seines Privatsekretärs Stanislaw Dziwisz. Sofort gibt der Fahrer des Papamobils Gas und fährt mitten durch die entsetzte Menschenmenge. Am Petersdom steht während der Generalaudienzen stets ein Ambulanzwagen für Notfälle bereit. Eilig wird der Papst in das Rettungsfahrzeug gelegt, das um 17.24 Uhr zur Gemelli-Klinik rast.
Mit im Fahrzeug sind der Leibarzt des Papstes, ein Sanitäter und Dziwisz. Er erinnert sich später: „Der Papst hat sehr gelitten. Die ganze Zeit hat er auf Polnisch gebetet. Immer wieder sprach er leise die Worte: ‚Maria, meine Mutter. Jesus Barmherzigkeit!‘ Dann verlor er das Bewusstsein.“
Drei Liter Blut hat der Papst verloren. Die Operation dauert über fünf Stunden
Als man ihn in den Operationssaal bringt, ist sein Puls kaum noch zu fühlen. Dziwisz gibt ihm die Letzte Ölung. Eines der Projektile hat die Hauptschlagader nur um Millimeter verfehlt. Drei Liter Blut hat der Papst verloren. Die Operation dauert über fünf Stunden. Vier Tage später atmet die Welt auf: Der Heilige Vater wird überleben. Am 3. Juni 1981 kehrt er in den Vatikan zurück. Ali Agca wird zu lebenslanger Haft verurteilt.
Warum er auf den Papst schoss, ist bis heute nicht geklärt. Die meisten vermuten die Drahtzieher des Attentats beim sowjetischen KGB. Für die kommunistischen Machthaber in Moskau war der junge polnische Papst ein echtes Risiko – wie sich nur wenige Jahre später zeigen sollte.
Der Papst glaubt, dass sich mit dem Attentat die jahrzehntelang geheim gehaltene dritte Prophezeiung der Seherkinder von Fatima erfüllt habe, wonach ein „weiß gekleideter Bischof“ von Schüssen getroffen wie tot zusammensinke. Das hatte die Madonna den Kindern offenbart – am 13. Mai 1917. Zum Dank für seine Rettung stiftete der Papst die Kugel aus Agcas Revolver.
Die unglaubliche menschliche Größe Johannes Pauls II. zeigte sich schließlich Ende 1983, als er den türkischen Attentäter im Gefängnis besuchte und sich zwanzig Minuten mit ihm unterhielt: „Ich habe mit ihm gesprochen wie mit einem Bruder, dem ich vergeben habe und der mein Vertrauen genießt.“