Zwei Dinge soll der legendäre Kapuzinermönch Padre Pio dem 27-jährigen Jungpriester Karol Wojtyla prophezeit haben. Das erste: „Du wirst Papst sein.“ So vermessen wäre Emilia Wojtyla nie gewesen. Liebevoll nannte sie ihren Sohn „Lolek“, aber immerhin soll sie stolz einer Nachbarin zugeflüstert haben: „Lolek wird eines Tages eines großer Mann sein.“
Ob sie damals auch nur im entferntesten ahnte, dass ihr Lolek eine der größten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts werden sollte, der erste nichtitalienische Papst seit 455 Jahren, einer der wichtigsten Päpste überhaupt, jener Stellvertreter Christi auf Erden, der die Kirche ins dritte Jahrtausend führen sollte. Vom kleinen Lolek zum großen Johannes Paul II. – im Eiltempo durchmaß Karol Wojtyla sämtliche Karriereschritte, die die katholische Kirche bereithält: Priester mit 26, jüngster Bischof Polens mit 38, Erzbischof mit 43, Kardinal mit 47, Papst mit nur 58 Jahren.
Karol Joseph Wojtyla wird am 18. Mai 1920 im Provinzstädtchen Wadowice bei Krakau geboren. Karols Mutter Emilia ist 36 Jahre alt, eine zarte und zerbrechliche Frau. Vater Karol, ein Offizier, ist mit 40 Jahren zu alt für den Dienst an der Front und bei der Geburt an der Seite seiner Frau. Karol junior ist ein Nachzügler: Seine Schwester Olga starb sechs Jahre zuvor kurz nach der Geburt, Bruder Edmund ist bereits 13 Jahre alt.
"Aber ich bin's doch, der Lolek!"
Mit neun Jahren trifft den kleinen Lolek der erste große Schicksalsschlag: Die Mutter stirbt an Nierenversagen. Sein Vater, inzwischen pensioniert, kümmert sich nun um Karols Erziehung. Der Junge wächst sehr religiös auf. Jeden Tag beginnen Vater und Sohn um 7 Uhr mit der Frühmesse in der nahe gelegenen Marienkirche, Karol wird Messdiener, zuhause liest er mit seinem Vater in der Bibel und betet regelmäßig den Rosenkranz. Karol ist ein ausgezeichneter Schüler, er begeistert sich für Latein, Griechisch, Literatur und Theater und wird ein vielseitiger Sportler: Seine Leidenschaft für Fußball, Radfahren, Skifahren, Bergwandern und Kajaktouren begleitet ihn bis ins hohe Alter, bis in den Vatikan, nach Castel Gandolfo und Arosa. Er ist beliebt und schart viele Freunde um sich. Sein bester ist der jüdische Junge Jerzy Kluger. Der besucht Jahre später den inzwischen zum Kardinal aufgestiegenen Karol und spricht ihn protokollgemäß mit „Eminenz“ an. Worauf dieser entsetzt ausruft: „Aber ich bin’s doch, der Lolek!“
Es folgen Jahre für den jungen Karol Wojtyla, die ihn hart treffen und auch sein Pontifikat prägen sollten: Ihn ereilt der nächste Schicksalsschlag. Sein Bruder Edmund, der Arzt geworden ist, infiziert sich bei einem Patienten mit Scharlach und stirbt unter großen Schmerzen.
Nach dem Abitur zieht Karol mit seinem Vater nach Krakau, um zu studieren. Der Zweite Weltkrieg hat begonnen, Karol schuftet in einem Kalksteinbruch und als Zwangsarbeiter im Chemiewerk Solvay, um sein Studium heimlich fortsetzen zu können. Als er eines Tages nach seiner Frühschicht in der Fabrik nach Hause kommt, findet er seinen Vater tot auf. Später wird er sagen: „Mit 20 hatte ich schon all jene verloren, die ich liebte.“ Wenige Jahre später wird er auf der Straße von einem Armeelaster der Deutschen angefahren und überlebt nur knapp.
Immer wieder kreuzt der Tod Karol Wojtylas Leben, Heimlichkeit bestimmt seinen Werdegang, Hoffnung findet er allein in seiner tief verwurzelten Religiosität. Karol Wojtyla will Priester werden. Sein außergewöhnlicher Intellekt und unbändiger Ehrgeiz, seine ausgeprägte Menschlichkeit, vor allem aber sein starker und oft geprüfter Glaube – das bildete schließlich die Triebfeder für eine einmalige Kirchen-Karriere, die den kleinen Lolek aus Wadowice in nur 32 Jahren vom Priester zum Papst werden ließ.
Glaube, Hoffnung, Liebe – diesen katholischen Dreisatz verkörperte Karol Wojtyla als Johannes Paul II. so eindrucksvoll wie nur wenige Päpste zuvor. Aber auch die Nähe zum Tod ließ ihn nicht los. Keine drei Jahre nach seiner Wahl erfüllte sich der zweite Teil von Padre Pios Prophezeiung: „... aber ich sehe auch Blut und Gewalt über dich kommen.“