Kein anderer Papst vor Johannes Paul II. hatte die Möglichkeiten zu reisen wie er – und er hat diese neuen Möglichkeiten intensiv genutzt. 1,2 Millionen Kilometer hat der Papst auf seinen 104 Auslandsreisen rund um die Welt zurückgelegt – dreimal die Strecke von der Erde zum Mond. Der Papst reiste mit einer Mission, nicht zu seinem Vergnügen. Er kam, um seine Botschaft zu verkünden: die frohe Botschaft der Liebe Christi.
Papst Johannes Paul II. wollte immer ein Papst zum Anfassen sein – einer, der nicht vom fernen Rom aus regiert, sondern einer, der zu den Menschen kommt. Sein Schreibtisch stand in Rom, aber sein Herz wohnte bei den Menschen in aller Welt. Seine pas-toralen Reisen führten ihn in alle Erdteile und in fast alle Länder. Der Heilige Vater vermittelte den Menschen in Papua-Neuguinea, auf den Philippinen oder in Polen: Wir sind eine Kirche, und als „Eiliger Vater“ gab er dem Wort katholisch (allumfassend) eine völlig neue Bedeutung.
Es schien, als wollte er das nachholen, was die meisten Päpste vor ihm gar nicht tun konnten: Bis 1929 durfte das katholische Oberhaupt über Jahrzehnte den Vatikan nicht verlassen, weil Streitigkeiten zwischen dem Heiligen Stuhl und dem italienischen Staat herrschten. Auch danach hielten sich die Päpste vorwiegend in ihrem eigenen Stadtstaat auf. Erst Papst Johannes XXIII. verließ Rom gelegentlich, und Papst Paul VI. begann, alle Kontinente zu besuchen – ein Werk, das sein Nachfolger perfektionierte.
Wohin er kam, warteten hunderttausende Menschen auf ihn und jubelten ihm zu
So oft seine Reisen als zu teuer kritisiert wurden, so oft konnte Papst Johannes Paul II. jede Kritik wortlos vernichten: Wohin er kam, warteten hunderttausende Menschen auf ihn und jubelten ihm zu. Kein anderer Mensch hat zu so vielen Menschen gesprochen wie er. Zu keinem Rockstar, zu keinem Politiker kamen mehr Menschen als zu ihm. Man schätzt, dass etwa 250 Millionen Menschen diesem Papst begegnet sind.
Die Menschen erkannten, dass er zu ihnen und wegen ihnen kam. Er machte den Schwachen und Unterdrückten Mut, sorgte sich besonders um die Kinder, Alten und Kranken. Wer immer ihm begegnete – und sei es auch nur in der Masse tausender Wartender – spürte sein Charisma. Johannes Paul II. verkörperte die christliche Botschaft der Nächstenliebe mit seinem ganzen Wesen. Er predigte nicht, sondern umarmte. Er diktierte nicht, sondern fragte. Sein Ziel war immer, den Besuchten zu zeigen, dass er ihnen bei all ihren Sorgen, Nöten und Problemen die frohe Botschaft bringt: Du bist nicht allein!
Dies war ihm so wichtig, dass er sich auch durch Krankheit und Alter nicht von dieser Aufgabe abhalten ließ. Noch im Sommer 2004, als er von seiner Parkinson-Krankheit bereits schwer gezeichnet war, reiste er in die Schweiz und nach Lourdes. Jede Minute, jeder Schritt seiner Reisen war genau geplant, jedes Treffen, jeder Ort, jede Ansprache. Der Papst beschäftigte sich über Wochen mit dem Land, das er bereisen wollte, und lernte einige Worte der Landessprache. Denn der Papst kam nicht einfach, grüßte und ging wieder. Mit jeder einzelnen seiner Reisen verband er ein konkretes, oft auch politisches Anliegen. In seinem Heimatland Polen machte er sich vor dem Fall des Eisernen Vorhangs durch seine Besuche zum Beschützer der jungen Demokratiebewegung. In Israel bat das Oberhaupt der katholischen Kirche um Vergebung für das Unrecht, das den Juden angetan wurde. In Bosnien-Herzegowina ermunterte er die kriegsgebeutelten Menschen zu friedlichem Miteinander.
Auf seinen Reisen hatte Johannes Paul II. immer eine konkrete Mission, beauftragt fühlte er sich jedoch von Jesus Christus. Auf die Frage „Heiligkeit, warum reisen Sie so viel?“, sagte der Papst: „Hat Jesus Christus gesagt: Geht in den Vatikan und bleibt dort, oder hat er gesagt: Geht hinaus in alle Welt und verkündet mein Wort?“