Der päpstliche Zeremonienmeister schließt gerade die Tür, da kommt er noch gelaufen: der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla. In letzter Sekunde huscht der Pole in das Konklave, um gemeinsam mit seinen 110 Kardinalskollegen den Nachfolger von Johannes Paul I. zu wählen.
Es ist der 14. Oktober 1978 und bereits das zweite Konklave in diesem Jahr: Am 6. August war Papst Paul VI. nach fünfzehn Jahren im Amt gestorben, am 26. August hatte der neu gewählte Papst Johannes Paul I. seine Nachfolge angetreten – nach 33 Tagen jedoch starb er ganz plötzlich. Nun traf sich erneut die Runde derer, die das neue Oberhaupt der katholischen Kirche wählen sollte.
Traditionell am fünfzehnten Tag nach dem Tod des Papstes versammeln sich alle Kardinäle der katholischen Kirche – außer denen, die am Todestag des Papstes 80 Jahre oder älter sind –, um das höchste Amt ihrer Glaubensgemeinschaft zu vergeben. Entsprechend streng sind die Regeln, über deren Einhaltung der kirchliche Kämmerer, der „Camerlengo“ wacht: Geheim, frei und völlig abgeschieden von der Außenwelt wird in der Sixtinischen Kapelle der Papst gewählt. Theoretisch kann jeder unverheiratete Katholik Papst werden, faktisch jedoch wählen die Kardinäle stets einen der ihren.
Karol Wojtyla ist ein Kompromisskandidat
Um Einflüsse von außen zu verhindern, wohnen die Kardinäle direkt bei der Sixtinischen Kapelle. Komfortabel sind ihre Zellen nicht: Auf zehn Kardinäle kommt eine Toilette. Die Räume werden auf Abhöranlagen untersucht, Fernsehen, Radio, Zeitung und Telefone sind verboten. Und nach alter Tradition werden die Türen der Sixtinischen Kapelle vermauert. Die höchsten Würdenträger schwören mit einer Hand auf dem Evangelium, dass sie sich von keiner weltlichen Macht beeinflussen lassen und strengstes Stillschweigen über das Konklave bewahren werden.
Nach einer Messe beginnt die Wahl. Zuerst werden per Los drei Wahlhelfer, drei Wahlprüfer und drei Personen bestimmt, die die Stimmzettel jener Kardinäle einsammeln, die nicht mehr gehen können. Jeder Kardinal bekommt einen Wahlzettel mit der Aufschrift „Eligo in Summum Ponteficem“ („Zum Papst wähle ich“), auf den er den Namen seines Favoriten schreibt – möglichst in verstellter Schrift. Dann gelobt jeder einzeln: „Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte.“
Am 15. Oktober 1978 gibt es zwei Favoriten: Giovanni Benelli, Kardinal in Florenz, und Giuseppe Siri, Kardinal in Genua. Benelli gilt als liberal und reformfreudig, Siri hingegen als konservativ und traditionell. Und beide sind Italiener – seit 455 Jahren hat es keinen Nicht-Italiener mehr auf dem Papstthron gegeben. Im ersten Wahldurchgang liegen die beiden tatsächlich vorne, aber keiner erreicht die erforderliche Mehrheit von 75 Stimmen. Wer Papst werden will, muss zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen – und noch eine mehr. Nach jeder Auszählung werden die Stimmzettel verbrannt, damit niemand im Nachhinein erkennen kann, wer wen gewählt hat – oder wer wen nicht gewählt hat.
Der zweite Wahlgang an diesem Tag beginnt, doch auch er bringt keine Entscheidung. Und auch der dritte und vierte nicht. Schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle verkündet es denen, die draußen warten.
Im Konklave beginnt unterdessen die Suche nach einem Kompromiss. Gesucht wird ein Kardinal, der liberal und konservativ zugleich ist, würdevoll und dennoch volksnah, jung und erfahren, theologisch und politisch engagiert. Einer, der die Herausforderungen der modernen Welt meistert und zugleich die Tradition der Kirche bewahrt. Der jung und gesund genug ist, um deutlich länger als sein Vorgänger im Amt zu bleiben. Es ist der Wiener Kardinal Franz König, der den relativ unbekannten Karol Wojtyla ins Spiel bringt.
Beim fünften Wahlgang, am darauf folgenden Tag, ist der 58-jährige Wojtyla bereits mit im Rennen. Von Wahlgang zu Wahlgang legt er zu – und als zum achten Mal Rauch aus der Sixtinischen Kapelle tritt, ist dieser endlich weiß. „Habemus papam!“, jubelt das Volk auf dem Petersplatz: „Wir haben einen neuen Papst!“
Es ist der Abend des 16. Oktober, als Kardinal Pericle Felici den Namen des neuen Papstes von einem kleinen Balkon des Petersdoms verkündet: „Annuntio vobis gaudium magnum habemus papam Carolum Wojtyla!“ Es dauert einige Sekunden, bis die Masse versteht, wer da neuer Papst geworden ist: kein Italiener, sondern: „È un polacco!“