Beichten ist eine Art Bilanz, die ich über das letzte halbe Jahr ziehe. Ich schaue, wie es war. Überlege, wo ich nicht zufrieden bin. Darüber spreche ich dann. Natürlich können wir nach der Beichte nicht völlig anders sein. Aber es wäre gut, sich nicht irgendwelche abstrakten Vorsätze zu machen, sondern ein Übungsprogramm zu entwerfen, das mich in einem Punkt etwas weiter bringt. Wir können nicht alles zugleich ändern. Aber wenn wir etwas trainieren, können wir auf einem Feld weiter kommen.
In der Beichte erfahre ich, dass ich bedingungslos von Gott angenommen werde. Viele können sich selbst nicht vergeben, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Die Beichte hilft uns, uns selbst zu vergeben und damit aufzuhören, uns selbst ständig Vorwürfe zu machen.
Wenn wir wirklich schuldig geworden sind in einer schweren Sache, dann helfen uns Beschwichtigungen nicht. Denn in uns ist ein innerer Richter, der uns anklagt und uns daran hindert, an die Vergebung zu glauben. Da ist das Ritual der Beichte wichtig. Die Psychologie sagt uns, dass das Ritual in die Tiefen unseres Unbewussten hineinreicht, in denen diese inneren Widerstände gegen Vergebung Macht haben. Durch die Beichte werden diese Widerstände entmachtet und wir fühlen uns wieder als Menschen unter Menschen, befreit von allen Selbstvorwürfen.
Ihr Pater Anselm Grün