Mein Leben lang habe ich mich bemüht, für andere da zu sein, besonders für meine Familie. In letzter Zeit habe ich aber immer öfter das Gefühl, dafür nicht genug Dankbarkeit zu ernten. Für meine Kinder (18 und 21 Jahre alt) ist es selbstverständlich, dass ich immer da bin, wenn sie etwas brauchen. Mein Mann weiß auch nicht zu schätzen, dass ich als Hausfrau sehr viel Arbeit habe – auch solche, die er gar nicht wahrnimmt, während er sich im Glanz beruflicher Erfolge sonnt. Und meine Mutter beschwert sich auch immer öfter, dass ich zu wenig Zeit für sie hätte. Dabei ist sie einmal pro Woche den ganzen Tag bei mir. Bin ich eine schlechte Christin, weil ich mir Anerkennung wünsche, statt immer nur in aufopfernder Nächstenliebe zu handeln? Und wie kann ich meiner Familie endlich beibringen, dass ich auch mitunter etwas mehr Anerkennung bräuchte?
Regina K., Münster
Es ist natürlich, dass Sie Dankbarkeit erwarten, wenn Sie sich für andere einsetzen. Sie sind deswegen keine schlechte Christin. Aber die Erwartungen möchten Sie in die Demut führen. Ihr Helfen ist eben nicht ganz selbstlos. Sie knüpfen Wünsche daran. Das Gefühl der Enttäuschung soll Ihnen zeigen, dass Sie ein neues Gleichgewicht finden sollten zwischen dem, was Sie für andere tun, und dem, was Sie für sich tun. Wenn Sie nur für andere da sind, werden Sie nie die Dankbarkeit erfahren, die Sie gerne möchten. Sie spüren, dass Sie eben nicht ganz selbstlos handeln, sondern auch etwas dafür haben möchten: eben die Dankbarkeit.
Der eine Weg wäre also, sich zu sagen: Ich bin für meine Familie da, weil ich es will und weil ich es so für angemessen halte, nicht damit ich Dankbarkeit erfahre. Aber zugleich sollten Sie sich fragen: Wo vernachlässige ich meine Bedürfnisse? Wo verbittere ich, weil ich meine eigenen Wünsche immer zurückgestellt habe? Dann sollten Sie auch überlegen, dass Sie gut für sich selbst sorgen und sich das, wonach Sie sich sehnen, auch gönnen. Sie sind für sich und ihr inneres Wohlgefühl verantwortlich. Sie dürfen sich nicht völlig abhängig machen von der Dankbarkeit der anderen. Denn dann werden Sie immer enttäuscht sein.
Wenn Ihre Mutter sich beschwert, dass Sie zu wenig Zeit für sie haben, sollten Sie diese Wünsche nach mehr Zeit zwar wahrnehmen. Aber Sie sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Mütter rufen in ihren Töchtern oft die Schuldgefühle hervor, dass sie zu wenig Zeit für sie haben. Sie sollten sich keine Schuldgefühle machen lassen. Entscheiden Sie, wie viel Zeit Sie für die Mutter aufbringen. Und alle anderen Wünsche hören Sie, aber Sie lassen sie bei der Mutter. Ja, die Mutter darf Erwartungen haben. Aber Sie müssen die Erwartungen nicht unbedingt erfüllen. Fühlen Sie sich frei, dann können Sie diesen einen Tag pro Woche gut für die Mutter da sein. Sie darf diese Wünsche äußern. Aber Sie dürfen sich nicht unter Druck setzen, diese Wünsche auch dauerhaft erfüllen zu müssen. Sie haben sich für Ihr Maß an Zuwendung entschieden. Und dazu sollten Sie stehen.
Ihr Pater Anselm Grün