Mein 20-jähriger Sohn wurde von seiner Freundin verlassen. Es war seine erste große Liebe, und beide waren in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert. Ich vermute, dass er viel darum gebetet hat, sie möge wieder zu ihm zurückkommen. Vielleicht schlägt deshalb sein Liebeskummer nun um in eine Wut auf Gott. Er will mit der Kirche nichts mehr zu tun haben und lässt abfällige Bemerkungen über Gott – „den kannst du vergessen“ – fallen. Wie kann ich ihm helfen?
Katja F., per e-mail
Von seiner Freundin verlassen zu werden, tut weh. Ich würde als Mutter erst einmal bei diesem Schmerz bleiben, ihn nach dem Schmerz fragen. Was tut da so weh? Warum glaubst Du, dass sie Dich verlassen hat? Was spürst Du außer dem Schmerz noch? Spürst Du auch Wut? Vielleicht brauchst Du die Wut, um die Freundin aus Dir heraus zu werfen, wieder in Berührung zu kommen mit Dir selbst. Natürlich ist es verständlich, dass Ihr Sohn die zerbrochene Freundschaft mit Gott verbindet. Gott hat ihn verlassen, hat ihn nicht beschützt. Die Freundschaft ist in der Jugendarbeit, im gemeinsamen Engagement für Gott und Kirche gewachsen. Und in diesem Umfeld ist sie auch zerbrochen. Das stellt zuerst einmal das ganze religiöse System in Frage. Die Wut auf die Freundin richtet Ihr Sohn jetzt auf Gott. Das darf ruhig mal sein.Ich würde Verständnis äußern. Aber dann würde ich ihn langsam dahin führen, dass er wieder mit sich in Berührung kommt. Wer bin ich ohne die Freundin? Ich bin nicht nur Freund, ich bin auch ich selber. Was will in mir wachsen? Gott kann ich dann bitten, dass er mich unterstützt bei meinem inneren Wachsen und Reifen.
Ihr Pater Anselm Grün