Eine tiefe Verletzung kann man nicht auf Befehl hin vergeben. Dennoch ist im Gebot der Vergebung Jesu eine heilende Absicht enthalten. Wenn wir nicht vergeben, sind wir noch innerlich gebunden an den, der uns verletzt hat. Wir geben ihm noch Macht. Vergebung ist daher ein Weg, sich frei zu machen von der verletzenden Macht des anderen. Vergeben heißt ja nicht entschuldigen oder gar gutheißen. Die Vergebung muss psychologisch richtig verstanden werden. Sie hat fünf Schritte:
1. Den Schmerz zulassen und das verletzende Verhalten nicht entschuldigen.
2. Die Wut zulassen. Die Wut ist die Kraft, sich von Ihrer Frau innerlich zu distanzieren. Und Sie sollen die Wut in Ehrgeiz verwandeln: Ich bin nicht abhängig von meiner Frau. Ich kann aus mir selbst leben.
3. Die verletzende Erfahrung objektiv und nüchtern betrachten. Was ist damals abgelaufen? Warum hat meine Frau das getan? Was hat es mit mir gemacht?
4. Jetzt erst kommt die Vergebung. Die Vergebung ist die Kraft, sich von der negativen Energie zu befreien, die durch die Verletzung noch in Ihnen ist. Sie befreien sich von Ihrer Frau und sind so frei, sich dem eigenen Leben zuzuwenden.
5. Die Wunden in Perlen verwandeln. Es hat weh getan. Aber Sie sind durch diese Verletzung auch aufgebrochen worden, aufgebrochen für das wahre Selbst, aufgebrochen für Gott und aufgebrochen für die Menschen, die Sie nun auf neue Weise verstehen. Vielleicht entdecken Sie jetzt neue Stärken in sich, die Sie entfalten können.
Vergeben heißt nicht, dass Sie Ihrer Frau um den Hals fallen. Vielleicht brauchen Sie lange Zeit den Abstand, um sich nicht – trotz der innerlich erfolgten Vergebung – neu verletzen zu lassen. Sie müssen sich auch mit Ihrer eigenen Grenze aussöhnen. Wenn Sie Kinder haben, dann wäre es wichtig, dass diese nicht in den Konflikt hinein gezogen werden. Vergebung ist daher für die Kinder nötig, damit sie weder Vater noch Mutter verlieren.
Ihr Pater Anselm Grün