Der Landesverräter
André Shepherd war immer Patriot. Ein US-Amerikaner, der sein Land liebte. Einer, der alles dafür gegeben hätte. So lange, bis er irgendwann nicht mehr konnte. André Shepherd war Soldat – er ist heute Deserteur, ein politischer Flüchtling und für manche sogar ein Verräter:
„Ich weiß, dass ich für immer mit einem Stigma leben muss. Es gibt Leute, die mir nie verzeihen werden und glauben, dass ich meine Heimat und meine Kameraden im Stich gelassen habe.“ Wenn André Shepherd das erzählt, merkt man, warum er von der schwierigsten Entscheidung seines Lebens spricht. Er war zuvor nie groß aufgefallen. Geboren in Cleveland, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, die Highschool besucht und später von der Universität vorzeitig abgegangen, weil das Geld fehlte. Sich dann der US-Army zugewandt, weil er einen Platz und eine Beschäftigung für sich suchte. Shepherd glaubte die Mantras von Ehre, Stolz und Patriotismus. Er war keiner, der ausscherte. Selbst als er 2004 in den Irak musste, um nahe Tikrit als Mechaniker Apache-Helikopter zu warten, tanzte er noch nicht aus der Reihe. Selbst als sich Shepherd mehr mit den Einheimischen unterhielt, als er von immer neuen Gräueltaten seiner Kameraden erfuhr, blieb er in der Armee. Er kehrte nach Deutschland zurück und wollte das Erlebte vergessen – bis er im April 2007 wieder in den Irak sollte. Es war der Moment, als Shepherd erkannte: „Ich liebe mein Land und werde das auch immer tun. Aber ich wollte für sie nicht schuldig werden und mitverantwortlich am Tod von Tausenden unschuldigen Menschen.“
André Shepherd desertierte, versteckte sich in Süddeutschland bei Freunden und stellte am Ende einen Antrag auf politisches Asyl. Als erster US-Amerikaner in Deutschland überhaupt. Heute wohnt der 31-Jährige in einem Asylbewerberheim und überlegt, noch einmal eine Ausbildung zu machen. Irgendetwas in Richtung seines großen Traumes, Software-Entwickler, vielleicht. Ob er jemals in seine Heimat zurückkehren darf? Auf diese Frage weiß André Shepherd keine Antwort. Doch etwas anderes ist ihm im Moment auch wichtiger: „Ich bin mit mir im Reinen. Es war eine schwere Entscheidung – aber anders hätte ich kein ruhiges Gewissen mehr haben können.“
Simon Biallowons