Die Armutsbewegung
Frieden wollte Jesus den Menschen bringen, und Frieden sollten seine Nachfolger stiften. Doch davon ist die Kirche zu Anfang des 13. Jahrhunderts weit entfernt. 1187 war das christliche Königreich von Jerusalem zerstört worden, und ein neues Kreuzritterheer hatte sich 1202 aufgemacht, um das Heilige Land zurückzuerobern. Anstatt nach Jerusalem zu ziehen, plündern die Kreuzfahrer 1204 Konstantinopel. Auch innerhalb der Kirche geht es wenig friedlich zu. Die Unzufriedenheit über einen geld- und machtgierigen Klerus wächst. Viele fragen sich: War nicht auch Jesus arm? Diese eine, scheinbar so harmlose Frage sorgt für tief greifende Veränderungen im Christentum, zwei Männer stehen exemplarisch dafür: die Heiligen Franziskus und Dominikus.
Franz von Assisi wächst als Sohn eines reichen italienischen Tuchhändlers auf, gerät in eine Lebenskrise und wendet sich vom Leben in Luxus ab. Dominikus wiederum ist Spanier und schon früh vom Leben als Mann Gottes überzeugt. Während Franziskus wohl nie einen Orden gründen wollte, begreift sich Dominikus bald als Diener der Kirche und Gegengewicht zu Bewegungen wie den Katharern. Um diese beiden herum entstehen zwei neue Orden: Die Franziskaner werden 1209, die Dominikaner 1216 päpstlich anerkannt. Sie erhalten die Erlaubnis zu betteln, da sie sich einer radikalen Armut verschrieben haben. Als Wanderprediger suchen sie nicht die Abgeschiedenheit, sondern die Nähe der Menschen, es findet die erste konsequente „City-Seelsorge“ statt.
Das Vorbild der Bettelmönche wirkt, und die beiden Orden gewinnen rasch an Beliebtheit. So entstehen kurz da-nach zwei weitere Gemeinschaften, die Karmeliten und die Augustiner-Eremiten. Zusammen bilden die vier Orden ein Gegengewicht zu den alten Gemeinschaften der Benediktiner oder Zisterzienser. Letztere fasst man unter dem Begriff Prälatenorden zusammen, die Bettelorden nennt man auch Mendikantenorden („mendicare“ = betteln). Die vier neuen Orden sorgen für eine Erneuerung des Christentums, beeinflussen Theologie und Seelsorge zugleich, wirken wie ein Katalysator – und entwickeln sich doch ganz unterschiedlich: Während die Franziskaner die volkstümlichste Gemeinschaft bleiben, übernehmen die Dominikaner die umstrittenste Aufgabe in der Kirche: die Inquisition.
(sb)