1054 n. Chr. - Morgenländisches Schisma
Lange schon hatte es gebrodelt, 1054 kommt es zum großen Knall: Die Kirche spaltet sich, Morgenland und Abendland stehen sich von nun an gegenüber. Gründe für die Trennung gibt es viele. Das Ganze ähnelt einem schleichenden Prozess wie in einer kaputten Ehe: Beide Seiten hatten sich auseinander gelebt, nun gibt es die Trennung. Genau das heißt nämlich „Schisma“. Als markanter Anlass wird heute die Exkommunikation des Patriarchen von Konstantinopel durch Papst Leo IX. angesehen. Tatsächlich bringt der Bann durch den Papst das Fass zum überlaufen. Aber bereits in den Jahrhunderten zuvor hatten sprachliche, kulturelle, politische und theologische Differenzen das Verhältnis belastet. Ein prominentes Beispiel: Leo III. krönte Karl den Großen zum Kaiser und damit zum Schutzherren der gesamten Christenheit – ganz so, als ob es keinen Herrscher mehr in Konstantinopel gäbe. Damals regierte das oströmische Reich Irene von Athen, die aber von Karl und dem Papst nicht als Kaiserin anerkannt wurde. Durch die Krönung Karls wird das Oströmische Kaisertum massiv beschädigt und herabgewürdigt. Bereits hier war die Spaltung beinahe vorprogrammiert. 1054 entbrennt dann ein alter Streit um theologische und liturgische Fragen neu. Gegenstände der Auseinandersetzung sind beispielsweise die Verwendung von ungesäuerten Hostien in der Eucharistie (die Westkirche will dies dem Osten vorschreiben), oder eine unterschiedliche Auffassung über den Heiligen Geist und das Glaubensbekenntnis. Am 16. Juli 1054 legt der päpstliche Gesandte Kardinal Humbert von Silva Candida in der Haggia Sophia die Exkommunikationsbulle auf den Altar. Patriarch Michael I. reagiert und bannt seinerseits den Kardinal – die Spaltung ist vollzogen.
(sb)