Luther wendet sich auf den ersten Blick vor allem gegen den in der Kirche gängigen Ablasshandel. Schon lange hatte es in ihm gegärt, jetzt bricht es aus dem gebürtigen Eislebener heraus. Endgültiger Stein des Anstoßes waren wohl die Auftritte des Predigers Johann Tetzel, der in Wittenberg Reklame für den Ablasshandel machte. Erzbischof Albrecht höchstpersönlich soll den Ablassprediger nach Wittenberg gesandt haben, er wollte schließlich möglichst viele Münzen im Becken klingen sehen. Hinter diesem gut organisierten Ablasshandel steckt natürlich neben dem puren ökonomischen Gedanken nicht zuletzt auch eine uralte, heidnische Praxis: Denn schon immer und nahezu in allen Kulturen war es Brauch und Sitte gewesen, sich mit einem kleinen materiellen Obolus den Zugang in ein paradiesisches Dasein im Jenseits, oder die Gunst der Götter für das diesseitige Leben auf der Erde zu erkaufen.
Luther kann und will dies nicht akzeptieren. Er weigert sich, daran zu glauben, dass Christen ihr eigenes Heil mit barer Münze erkaufen könnten. Dieses zynische Schachern um die menschliche Seele ist dem Augustinermönch zutiefst zuwider. Und damit wird schon klar: Die Motivation für Luthers Abkehr von der Kirche war vor allem eine theologische. Er beharrte auf der Überzeugung, nur Gott allein könne den Menschen erlösen und ihm die Gnade der vollständigen Vergebung zuteil werden lassen. Der Kreuzestod Jesu Christi am Karfreitag war für den Menschen bereits heilswirkend und erlösend – das Opfer seines Sohnes war ein Geschenk und ein Akt der Gnade des allmächtigen Gottes. Der Mensch selber kann sich also nicht retten, er ist ganz auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen. Dabei sind allein der überzeugte Glaube an Jesus Christus und an Gott den Vater das, was wirklich zählt. Nach Luther können damit konsequenterweise auch kein Priester und kein Bischof zur endgültigen Rettung eines Gläubigen beitragen – nicht einmal der Papst sei demnach in der Lage, dem Menschen so Vergebung für seine Taten zu schenken, dass der Sünder aufgrund dieser päpstlichen Absolution eine Aufnahme in den Himmel findet.
Diese Folgerung ist in der Tat ein Paukenschlag, an einem Grundpfeiler des kirchlichen Verständnisses wird mit aller Macht gerüttelt. Denn wenn nach der lutherischen Überzeugung die Fürsprache der Priester nicht mehr entscheidend für das Seelenheil der Gläubigen sein kann, ist damit natürlich die gesamte Stellung der katholischen Kirche als alleinige Heilsvermittlerin in Frage gestellt – einer der Hauptstreitpunkte bis heute. Die katholische Kirche betont vehement ihre Alleinstellung. Gegen diese katholische Ansicht stellte sich Martin Luther nun vor über 450 Jahren. Aber: Der Augustinermönch forderte damals keine explizite Spaltung der Kirche.
Die Position des Papstes hinsichtlich der Sündenvergebung ist jedoch entscheidend infrage gestellt – dabei fließt dem Pontifex maximus ein bedeutendender Anteil an den Ablassgeldern zu. Später wird der Reformator sich weitaus klarer gegen die Stellung des Papstes als Oberhaupt wenden. Dieser Affront bringt ihm schließlich die Ächtung und den Ausschluss aus der Kirche ein. Davor ziehen sich fast vier Jahre lang zähe Verhandlungen hin, immer wieder mischt sich auch die hohe Politik in das Verfahren ein. Trotz aller Fürsprecher: Die Kirche schließt Martin Luther am 8. Mai 1521 von sich – seine Lehre allerdings greift um sich wie ein Lauffeuer. Die Thesen des Wittenberger Mönchs und Theologieprofessors fallen auf fruchtbaren Boden, zu lange hatte sich schon Frust über die Praxis der Kirche aufgestaut. Martin Luther hatte sicher nicht mit diesem Echo gerechnet, die Reformation ist nun aber in Gang gesetzt.
(sb)