Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Fußball und Religion

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Donnerstag, 9. Februar 2012 Anna Katharina Emmerick
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Interview zum Ligastart

"Ein Fußballgott? Das ist absurd!"

Es lässt sich einfach nicht leugnen: Fußball und Religion haben jede Menge gemeinsam. Auch beim Lieblingssport der Deutschen gibt es so etwas wie Liturgie, Reliquien, Choräle, Gut und Böse. Das sagt zumindest der Gießener Religionspädagoge Frank Thomas Brinkmann. Matthias Biallowons sprach mit ihm über Fußballgötter, gläubige Stars und warum es unvorstellbar wäre, wenn Schalke Meister würde. 

Liborius.de: Fußball ist für viele Menschen ja eine Art Religion. Woher kommt das?
Prof. Frank Brinkmann: Wir müssen zuerst einmal eine Rückfrage gestatten: Was heisst denn eigentlich Religion? Für den Volksmund ist die Sache klar: Religion – das sind die Kirchen und Glaubensgemeinschaften. In der eher wissenschaftlichen Diskussion pflegen wir da noch einen eher weiten Religionsbegriff – und bezeichnen damit auch all die Dinge, an die der Mensch sein Herz hängt, mit denen er sich tröstet, von denen er glaubt, dass sie dem Leben einen Sinn geben. Das, was die Kirche bietet, ist vielen Menschen allerdings geradezu „un-sinnig“. Stattdessen finden sie einiges von dem, was wir jetzt eher dem Alltag und der Alltäglichkeit zuordnen würden, viel „sinn-voller“. Hat sich also der „Lebenssinn“ in der Gegenwartskultur eingenistet? Etwa im Fußball? Dazu ein Beispiel: Als Seelsorger hatte ich einmal einen Schwerkranken, der mir gesagt hat, dass sein einziger Trost im Leben und Sterben wäre, wenn Schalke 04 Meister würde. Wenn er das noch erleben dürfte, könnte er sterben, dann hätte das Leben für ihn noch einen späten Sinn gezeigt. Wissen Sie, der hat das absolut ernst gemeint! Für mich als Dortmundfan übrigens absolut unvorstellbar. Andererseits… ich habe auch schon am eigenen Leibe gespürt, dass mich ein Samstagabend im Stadion, wo der BVB 09 gewinnt, für diesen Tag weiter gebracht hat als ein alternativer Besuch in der traditionellen Abendandacht. 

Gibt es Gnade, Freispruch oder Fegefeuer unter der Dusche?

Fußball und Religion haben ja Vieles gemeinsam: die Rituale, die Gesten, Gesänge …
Das stimmt, es gibt unglaublich viele Parallelen. Es gibt so etwas wie eine Liturgie, es gibt so etwas wie Reliquien. Ein Spiel beginnt mit Chorälen, mit Wechselgesängen, mit sakral anmutenden Sprachspielen. Der Stadionsprecher liest die Rückennummern vor - das Publikum in der Südkurve brüllt die Namen. Das ist Gänsehaut pur! Dann der Mann in schwarz – ist er Schiri, Dirigent oder Zeremonienmeister? Immerhin lenkt er das Spiel, er hat die roten und gelben Karten, er urteilt über gut und böse. Seine Entscheidungen sind Gesetz, Evangelium. Gibt es Gnade, Freispruch oder Fegefeuer unter der Dusche? Dann die Trainer-Prediger am Spielfeldrand, die in der Kabine zu Seelsorgern werden? Und zwischendrin das Lied: „You’ll never walk alone“…  

Aber bitte: Stadion und Kirche, das ist doch nicht das Gleiche!
Richtig. Kirche ist Kirche und Sport ist Sport. Das ist so natürlich auch in Ordnung. Die unterschiedlichen Zielgruppen erwarten da auch keine Vermischung. Anders ausgedrückt: Wenn ich beten will, gehe ich in die Kirche. Wenn ich kicken will, gehe ich auf die Wiese. Und zum Feiern, Zittern, Jubeln oder Leiden dann ins Stadion. 

Was kann der Sport dann von der Kirche lernen?
Der Sport weiß selber, was gut und richtig ist: Er hat seine Regelwerke und einen recht klaren Begriff von Fairness. Normalerweise reicht das aus. 

Und Kirche?
Weil Kirche für die „gute Moral“ einsteht, ist sie verpflichtet, diese auch in gesellschaftlichen Diskursen zu platzieren. Sie hat da ihren prophetischen Auftrag als Wächterin und Mahnerin sehr ernst zu nehmen. 

Ist Doping Sünde? 
Durch Doping will man etwas näher an die eigene „Unbesiegbarkeit“ und „Unsterblichkeit“ herankommen. Also praktisch „wie Gott sein“ oder  „Gott spielen“. Und, ganz praktisch: Man betrügt. So gesehen ist Doping Sünde! Würde man allerdings mit der kirchlichen Sündentheorie – auf Sport und Doping gemünzt - an die Öffentlichkeit gehen, würde man doch nicht ernst genommen werden. 

Christoph Metzelder oder Sebastian Kehl engagieren sich sehr. Sie sind außerdem gläubige Christen. Wie sehr haben sie Einfluss auf den Glauben anderer?
Kaum. Der breiten Masse ist zum Beispiel Metzelder eher als permanent verletzter Abwehrspieler bekannt. Oder Emerson, ein früherer Star von Bayer Leverkusen. Er hatte einen Bibelhauskreis. Das war eine nette Fußnote im „Kicker“, aber die breite Öffentlichkeit interessierte sich mehr für seine Tricks. Darauf stehen die Jugendlichen. Deshalb glaube ich nicht, dass der persönliche Glaube eines Fußballers wirklich Auswirkung auf die Religionspraxis der Öffentlichkeit hat.

Und wenn Fußballer wie Maradona den Glauben so extrem herauskehren? 
Die kokettieren eben damit. Der Spruch von der „Hand Gottes“ war ja wohl eher ein Gag der Sportgeschichte als ein religiöses Statement, oder? Natürlich muss man auch sagen, dass die Südamerikaner generell ein anderes Verhältnis zur Kultur des Glaubens haben. Die Frömmigkeit ist dort ein Bestandteil ihrer nationalen und kulturellen Identität. Das ist nicht unbedingt Ausdruck von Glauben oder religiösem Weltverhalten, sondern eher Brauchtum. Man bekreuzigt sich halt, wenn man den Platz betritt.

Ich bete zu dir, und du hilfst mir. Insgesamt finde ich das eher peinlich!

Was halten Sie denn dann davon, vor einem Fußballspiel zu beten?
Wer es braucht, tut es so, dass es niemand sieht. Alles andere ist eher Show. Und Ausdruck einer Einstellung, die von einer Dienstleistungsbereitschaft Gottes ausgeht – nach dem Motto: Ich bete zu dir, und du hilfst mir. Insgesamt finde ich das eher peinlich!

Dann hadern Sie nach Niederlagen vermutlich auch nicht mit Gott.
Nein, sicher nicht. Ich hadere mit niemanden, auch nicht mit den Spielern. Obwohl mir jetzt gerade einige einfallen, die wirklich ein Spiel durch Geistesblitze entscheiden könnten. Oder durch absolute Dämlichkeit…  

Manchmal ist aber Pech oder Glück dabei. Gibt es einen Fußballgott?
Ja, der alte Spruch. Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Aber ein Spiel lässt sich in der Regel so analysieren, dass „Glück“ oder „Pech“ nebensächlich bleiben. Generell werden Spiele auch aus Gründen gewonnen oder verloren, die man mit Sachverstand einsehen kann. Natürlich kann man, um sich manches leichter zu machen, auch von Pech und Glück reden. Aber dann auch noch Gott ins Gespräch zu bringen, ihn gar verantwortlich zu machen und mit ihm zu hadern, das finde ich absurd. 

Trotzdem sagt man: Der Glaube kann Berge versetzen...
Das stimmt in gewisser Weise auch. Es gibt eine amerikanische Untersuchung, wonach eine religiöse Einstellung bei Menschen Einfluss auf deren Lebensführung - und dann auch auf Lebensqualität und Lebensdauer hat. Wenn jemand glaubt und vielleicht eine unglaubliche Meditationspraxis vor dem Spiel an den Tag legt, kann es schon mal sein, dass der 90 Minuten lang souverän über die Wiese fliegt. 

Also sind religiöse Menschen die besseren Sportler. 
Nein, da gibt es keinen logischen Zusammenhang. Was ich meinte, geht eher in die Richtung eines mentalen Trainers.

Wollen Sie damit sagen, dass ein Mentaltrainer das Gleiche wie ein Seelsorger ist?
Nein, sicher nicht. Seelsorger haben ja nicht das Ziel, dass der Spieler besser wird, mehr Tore schießt und der Verein dadurch mehr Kohle verdient. Das ist nicht das Konzept der Seelsorge. Das geht viel weiter in die Tiefe und nur um den Menschen. Das deckt Dimensionen auf, die mit Sport wenig zu tun haben … und eben viel existenzieller sind. 

Professor Frank Thomas Brinkmann lehrt an der Justus-Liebig-Universität in Gießen Praktische Theologie und Religionspädagogik. 




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Die Kommentare der Liborius-User:


von Peter Vielsen

am Montag, 7. März 2011

Bin zufällig auf dieses Inerview gestoßen und völlig irritiert --- weil es wohl stimmt, was da gesagt wird. Aber eigentlich wollte ich nur meine Meinung über Louis van Gaal loswerden: Sein Hals ist tatsächlich dicker als der Kopf, oder?.

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von Peter Vielsen

am Montag, 7. März 2011

Bin zufällig auf dieses Inerview gestoßen und völlig irritiert --- weil es wohl stimmt, was da gesagt wird. Aber eigentlich wollte ich nur meine Meinung über Louis van Gaal loswerden: Sein Hals ist tatsächlich dicker als der Kopf, oder?.

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von Peter Vielsen

am Montag, 7. März 2011

Bin zufällig auf dieses Inerview gestoßen und völlig irritiert --- weil es wohl stimmt, was da gesagt wird. Aber eigentlich wollte ich nur meine Meinung über Louis van Gaal loswerden: Sein Hals ist tatsächlich dicker als der Kopf, oder?.

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von Peter Vielsen

am Montag, 7. März 2011

Bin zufällig auf dieses Inerview gestoßen und völlig irritiert --- weil es wohl stimmt, was da gesagt wird. Aber eigentlich wollte ich nur meine Meinung über Louis van Gaal loswerden: Sein Hals ist tatsächlich dicker als der Kopf, oder?.

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von Bernd Groenevoord

am Dienstag, 24. August 2010

You'll never walk alone. Stimmt schon irgendwie, dass dieser Sond eine Art religiöse Botschaft rüberbringt, wenn auch sehr unterschwellig. Gemeint sind doch die Fans, oder? Andererseits ist das mit der Gänsehaut absolut korrekt. Doch wie verhält sich nun Gänsehaut, Rührung und Religiosität? Der Prof. hat recht - ein spannendes Thema :-)

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von Martin Frehman

am Samstag, 21. August 2010

Nicht schlecht. Da fällt einem sofort noch mehr ein. Zum Beispiel dieser Fußballer aus Kolumbien, der nach seiner Rückkehr erschossen wurde. Na ja, bisschen um die Ecke gedacht, aber ich denke an Kreuzigung eines Unschuldigen... Und dann noch Ballack, der sich immer wieder gerne opfert (gelbe Karte 2002), damit andere ins Finale kommen Okay, auch um die Ecke. Ich hör besser auf.

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