„Ich fühle mich nicht als Außenseiter“, sagt Patten dazu, aber „ich habe das Gefühl, dass es in diesem Land noch immer eine gewisse Intoleranz gegenüber dem Glauben gibt.“ Weit tiefer als heute waren die Gräben noch 1944, als Chris Patten geboren wurde. Damals blieben Katholiken an den Rändern der Gesellschaft. Sie galten wegen ihres Glaubens als irgendwie anders und wurden kritisch beäugt. Für unzuverlässig hielt man sie, weil sie einem Ausländer gehorchten, dem Papst in Rom.
Chris Patten muss den Besuch von einem Desaster in einen Triumph verwandeln
Der junge Patten, ein Enkel irischer Immigranten, ging trotz dieser Hindernisse einen erstaunlichen Weg. Er bekam ein Stipendium für die St. Benedict’s School im Londoner Westen und schaffte es an die Elite-Universität Oxford. Heute ist er Kanzler dieser Uni und der Universität Newcastle.
Als persönlicher Vertreter des Premierministers im Planungsstab der Papstreise hat er eine Herkulesaufgabe übernommen. Denn die Zeit drängt, und die Liste der anstehenden Arbeiten, um den Papstbesuch von einem PR-Desaster in einen Triumph zu verwandeln, ist lang. Da sind zunächst die Kosten: Während die neue Koalitionsregierung bei den öffentlichen Ausgaben massiv kürzt, müsste sie gleichzeitig geschätzte zwölf Millionen Pfund lockermachen, um den Papst für vier Tage ins Land zu holen. Das Budget ist außerdem schon jetzt um 50 Prozent überschritten. Doch sparen will Chris Patten trotzdem nicht. Papst Benedikts Reise ist schließlich der erste Staatsbesuch eines katholischen Oberhaupts seit der Reformation, denn der Aufenthalt von Johannes Paul II. im Jahr 1982 war ein reiner Pastoralbesuch. Und Patten ist überzeugt, dass die britische Regierung darauf angewiesen sei, gute Beziehungen zur Führung der weltweiten katholischen Kirche aufzubauen. Benedikts Reise bietet dafür die beste Gelegenheit. Den Papst angemessen zu empfangen, werde außerdem „den Ruf Großbritanniens verbessern, weil dieses Ereignis von Millionen Menschen auf der ganzen Welt verfolgt werden wird“. Das möchte Patten seinen Landsleuten vermitteln. Auch die britischen Katholiken hat er dabei im Auge. Denn auch sie scheinen „Nachhilfe“ zu brauchen. Die Gläubigen haben erst die Hälfte der erwarteten acht Millionen Pfund gespendet.
Die Organisatoren ließen bis jetzt kein Fettnäpfchen aus
Aber der Chef-Organisator hat nicht nur Geldsorgen. Aus vollen Rohren feuern Englands führende Atheisten gegen den Papst. Sie wollen Benedikt verhaften lassen, sobald er einen Fuß auf britischen Boden setzt, weil sie ihm vorwerfen, Übergriffe pädophiler Priester vertuscht zu haben. Und zu guter Letzt ließen die Organisatoren bis jetzt kein Fettnäpfchen aus und stolperten von einem Missgeschick zum nächsten. So musste die Seligsprechungszeremonie für Kardinal John Henry Newman mangels Interesse an einen kleineren Ort verlegt werden. Richtig peinlich wurde es auch, als ein Memo aus dem Außenministerium durchsickerte, das – offensichtlich im Scherz – vorschlug, dass Benedikt eine Abtreibungsklinik eröffnen oder eine Schwulenhochzeit segnen solle.
Der jüngste Fauxpas: Benedikts Rede vor beiden Häusern des Parlaments kollidiert mit dem jüdischen Jom-Kippur-Tag. Sogar die Queen, das offizielle Oberhaupt der Kirche von England, lässt verlauten, dass sie irritiert sei, weil die Termine des Papstes bedeuten, dass sie ihren jährlichen Urlaub auf dem schottischen Schloss Balmoral unterbrechen muss.
Patten ist begeistert: "Das wird ein historischer Besuch"
Lord Patten lässt sich durch all diese Widrigkeiten nicht von seiner Begeisterung abbringen: „Für einen Ex-Politiker und Katholiken wie mich“, vertraute er Journalisten an, „wird das ein historischer Besuch. Für den Papst muss Großbritannien das erklärtermaßen säkularste Land sein, das er jemals bereist. Andere europäische Länder gründen weit mehr auf dem Glauben. Die Botschaft des Papstes, dass eine säkulare Gesellschaft toleranter sein muss, ist sehr wichtig.“ Der Katholik Patten hofft, dass der Papst der Religion im säkularen und skeptischen Großbritannien Auftrieb gibt. Deshalb will er dazu beitragen, dass nun die spirituelle Dimension mehr in den Mittelpunkt rückt.
Patten könnte durchaus der Richtige für diesen Job sein. Schon öfter, wenn Premierminister eine Krise zu bewältigen hatten, wandten sie sich an ihn. 1992 organisierte er die fast aussichtslose und doch erfolgreiche Wahlkampagne seiner Konservativen. Zur Belohnung für den überraschenden Sieg schickte Premierminister John Major Patten als letzten Gouverneur nach Hongkong, bevor die Kolonie an die Chinesen zurückgegeben wurde. Und tatsächlich gelang es ihm, den Status Hongkongs innerhalb Chinas zu stärken. Schließlich übertrug ihm Labours Tony Blair 1999 die undankbare Aufgabe, ein neues Polizeisystem in Nordirland zu entwickeln. Auch dabei hatte der Allrounder eine glückliche Hand.
Heute ist Chris Patten Mitglied des House of Lords, und neben seinen vielfältigen Aufgaben schreibt der Vater von drei erwachsenen Kindern, der mit einer Anwältin ver-heiratet ist, auch noch Bücher. Erst kürzlich erschienen ist „What’s Next: Surviving The 21st Century“, in dem er einen visionären Blick auf die zukünftige Welt wirft.
Patten beschreibt sich selbst als „gequälten liberalen Katholiken“
Der erfolgsverwöhnte Politiker ist aber auch ein kritischer Zeitgenosse. Seine Kritik macht vor seinem Glauben und der Kirche nicht halt. Blinder Gehorsam ist seine Sache nicht. Als ehemaliger Entwicklungshilfeminister ist er ein großer Anhänger des kirchlichen Kampfes für soziale Gerechtigkeit und ökonomische Neuverteilung zwischen Nord und Süd. Er hoffe darauf, dass der Papstbesuch auch eine gemeinsame Basis von katholischer Soziallehre und Premier David Camerons Lieblingsidee einer „Großen Gesellschaft“ für Großbritannien schaffen könne, sagt Patten.
Er beschreibt sich selbst als „gequälten liberalen Katholiken“ bei umstrittenen Themen wie dem Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen Aids, Homosexualität und Abtreibung. Aber trotzdem sei er ein „großer Bewunderer von Papst Paul VI.“ und positiv überrascht von Benedikts ersten fünf Jahren im Amt. „Ich bin wie viele andere Katholiken. Ich stimme nicht mit allem überein, was der Vatikan sagt. Aber ich bewundere diesen Papst intellektuell und vermute, dass er wahrscheinlich offener für den Dialog mit dem 21. Jahrhundert ist als manch einer seiner Berater.“
Peter Stanford ist ehemaliger Herausgeber des „Catholic Herald“ in London und Kolumnist der internationalen katholischen Wochenzeitung „The Tablet“