Ein Staatsbesuch mit Seligsprechung
Eine Seligsprechung, ein Ökumene-Gipfel,
Grundsatzreden vor Intellektuellen und Wirtschaftsvertretern und ein
Treffen mit der Queen. Vom 16. bis 19. September besucht Papst Benedikt XVI. Großbritannien. In vier Städten - Edinburgh, Glasgow,
London und Birmingham - feiert er insgesamt drei große Messen mit
den Katholiken. Er spricht mit dem anglikanischen Primas Erzbischof
Rowan Williams über ein schwieriges ökumenisches Verhältnis. Und
möglich ist auch ein Treffen mit einigen Missbrauchsopfern.
Vatikanstadt (KNA) Die Reise firmiert protokollarisch als Staatsbesuch - der erste
eines Papstes in Großbritannien. Königin Elizabeth II. hat den Papst
offiziell eingeladen, und Benedikt XVI. ist ihr Gast. Allerdings
nutzt das katholische Kirchenoberhaupt nicht alle Attribute eines
Staatsempfangs. Er verzichtet auf das Staatsbankett wie auf die obligatorische Kutschfahrt; und wohnen wird er nicht in einem
staatlichen Gästehaus, sondern in der Vatikan-Botschaft in Wimbledon.
Massenproteste und Drohungen, den Papst zu verhaften
Schon monatelang machte die 17. Auslandsreise von Benedikt XVI. in
erster Linie durch Streit und Polemik Schlagzeilen. Gay-Aktivisten stellten Massenproteste in Aussicht. Atheistische Intellektuelle
drohten mit der Verhaftung des Papstes beim Betreten britischen
Bodens - wegen Mitverantwortung in den Missbrauchsskandalen. Hinzu kamen dann auch noch Irritationen um die Umlage der
Organisationskosten an die Kirchenbasis, die ungeschickt
kommuniziert wurde.
Viele Streitfragen sind vom Tisch, seit Premierminister David Cameron den Kanzler der Universität Oxford und früheren Ex-Gouverneur von Hongkong, Lord Patten of Barnes, zum
Staatsbeauftragten für die Papstbesuch machte. Die Regierung zog alle Entscheidungen um einen angekündigten «Haftbefehl» gegen den Papst an sich - und schaffte das Problem damit aus der Welt. Inzwischen rechnen die Besuchsplaner mit mehr Begeisterung und
weniger Protesten - unter den erwarteten 100.000 Besuchern bei der
Messe in Glasgow und den 80.000 bei der Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman (1801-1890) in Birmingham, aber auch auf den Straßen Londons.
Für die Seligsprechung Newmans macht Benedikt eine Ausnahme
Die Seligsprechung des zum Katholizismus übergetretenen Anglikaners
Newman ist Anlass und eigentlicher Höhepunkt der Papstreise. Seit
seiner Zeit als Theologieprofessor schätzt Joseph Ratzinger den großen englischen Gelehrten, für den Gewissen und Wahrheit
komplementär zusammengehörten. Für Newman macht Benedikt XVI. zum ersten Mal eine Ausnahme von seiner Regel, dass der Papst selbst nur Heilige proklamiert, Seligsprechungen aber delegiert.
Die Ökumene ist das zentrale Thema
Der Papstbesuch gilt nach Wunsch des Vatikans nicht nur http://www.liborius.de/fotostrecken/katholisches-grossbritannien/image/10.htmlden sechs
Millionen Katholiken, die zehn Prozent der britischen Bevölkerung ausmachen. Zentrales Thema ist die Ökumene. Am Freitag trifft
Benedikt XVI. im Londoner Lambeth-Palast Primas Williams; später
feiern beide in Westminster Abbey einen ökumenischen Gottesdienst. Neben dem Wunsch nach Fortschritten im ökumenischen Dialog dürften allerdings auch die jüngsten Probleme zwischen den beiden Kirchen zur Sprache kommen. Rom sieht in der Bischofsweihe für Frauen ein Abrücken von gemeinsamen Grundpositionen. Zudem ist man irritiert über manche liberale Position der Anglikaner in ethischen Fragen -
bis hin zur Bischofsweihe eines erklärten Homosexuellen. Unklar ist, inwieweit beim Papstbesuch die jüngste Initiative Roms für
übertrittswillige anglikanische Gemeinden und Gruppen öffentlich zur Sprache kommt.
Benedikt sucht den Dialog zu den Briten
Mit seiner Reise sucht Benedikt XVI. auch den Dialog mit Staat und
Gesellschaft. In der historischen Westminster Hall will der
Theologen-Papst vor Vertretern aus Universität, Kultur, Wirtschaft
und Politik über die Rolle der Religion in der Gesellschaft
sprechen. Er wird die Gottesfrage in der säkularisierten Welt thematisieren und über die Rolle der Wahrheit sprechen - der Wahrheit über das Leben und die menschliche Person. Und natürlich wird er dort wie später im Hyde Park angesichts von Wirtschaftskrise
und Weltkonflikten mehr Solidarität und Gerechtigkeit, Frieden und Dialog anmahnen.
Johannes Schidelko (KNA)