Von Christoph Arens (KNA)
Bonn (KNA) Friedhöfe sind die meistbesuchten Grünanlagen
Deutschlands. Doch glaubt man der Deutschen Bundesstiftung Umwelt
(DBU), droht derzeit ein Umbruch, der den Charakter der
Begräbnisorte massiv verändern könnte: Weil der Anteil der Urnen-
und Anonymbestattungen drastisch steigt und das Interesse an großen
Familiengräbern nachlässt, entstehen immer mehr zusammenhanglose
Brachflächen auf den 32.000 Friedhöfen in Deutschland, sagt
DBU-Experte Franz-Peter Heidenreich. Die kirchlichen und kommunalen
Träger seien mit der Pflege dieser ungenutzten Flächen finanziell
stark belastet. Letztendlich drohe die Entwidmung und Schließung.
Das allerdings wäre nach Einschätzung der DBU eine vertane Chance
für Mensch und Umwelt: Schließlich dienen Friedhöfe gerade in
Großstädten oft als Grüne Lungen, Rückzugsgebiete für Tiere und
Ruhezonen für Menschen. Die Vielfalt an Tieren und Pflanzen ist
beeindruckend. Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz
Deutschland (BUND) gibt es allein in Berlin mehr als zweihundert
Friedhöfe, die wichtige Funktionen beim Artenschutz haben. «Vom
Aussterben bedrohte Farne und Blütenpflanzen, bodenbrütende Vögel
wie Nachtigallen, Zaunkönige, Rotkehlchen oder Buschbrüter wie
Grünlinge und Mönchsgrasmücken finden hier Platz zum Nestbau»,
betont die Umweltorganisation.
Auch die Stadt Münster wirbt mit der Artenvielfalt auf dem großen
Waldfriedhof Lauheide: Weit über 100 Vogelarten, darunter 47
regelmäßig brütende Vogelarten, wurden registriert. Darunter
befinden sich so seltene Arten wie die Hohltaube, der Pirol und der
Rote Milan. Zudem tummeln sich auf dem Friedhof unter anderem
Erdkröten, Wiesel, Teichmolche und Fledermäuse.
Mit Blick auf diese Vielfalt hat die Bundesstiftung rund 125.000
Euro für ein Forschungsprojekt der Universität Kassel zur Verfügung
gestellt. Es soll herausfinden, wie Friedhofsflächen, die vorerst
nicht für Bestattungen verfügbar sein müssen, zu Orten der
Naherholung, der Besinnung und des Umwelt- und Naturschutzes
umgestaltet werden können.
Der Friedhof als Landschaftsgarten: Für den am Kasseler
Forschungsprojekt beteiligten Landschaftsarchitekten Martin Venne
sind «landschaftlich gestaltete Grabfelder» eine sinnvolle Lösung
des Problems, das die Pflegekosten der Friedhofsbetreiber verringert
und zugleich die Attraktivität der Flächen erhöht. Naturschutz und
Wirtschaftlichkeit auf dem immer stärker umkämpften Markt des
Bestattungswesens gehen Hand in Hand. Beispielsweise auf dem
Kasseler Hauptfriedhof: Dort hat die Friedhofsverwaltung
mittlerweile schon das dritte Grabfeld angelegt, das Gräber «in
natürlich anmutender Umgebung» anbietet.
Extensiv gepflegte Blütenwiesen, eingefasste Quellen, große Stauden,
die Einbeziehung markanter Bäume, denkmalpflegerisch wertvoller
alter Grabstätten und markanter Wege schaffen einen für Besucher
attraktiven Ort der Besinnung. Dabei ist diese Form der Bestattung
nicht kostengünstiger als ein übliches Reihengrab auf einem
traditionellen Friedhof. Allerdings entfällt für die Angehörigen die
Grabpflege: Um das gesamte Gräberfeld kümmert sich ein
Friedhofsgärtner.
Mit diesem Konzept, das erstmals 2002 in Karlsruhe erprobt wurde und
mittlerweile auch unter dem Begriff «Parkfriedhof» immer größere
Verbreitung findet, bieten die Kasseler zugleich einer anderen
alternativen Begräbnisform Paroli: Deutschlandweit gibt es
mittlerweile nämlich schon mehr als 60 Friedwälder, die einen
zunehmenden Wunsch nach einer Bestattung in der Natur dokumentieren.