Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Trauerbegleitung

Liborius Verlagsgruppe Bayerisches Sonntagsblatt Liborius Magazin Liboriusblatt
Donnerstag, 9. Februar 2012 Anna Katharina Emmerick
Aktuell|Nachrichten|Wissen|Unser Glaube|Specials|Forum|E-Cards|Spiele

Etappen Ihres Lebens: Taufe | Kommunion | Firmung | Ehe | Trauer

Drucken | Versenden | Mail an die Redaktion

Kompass für Trauernde


Trauerbegleitung: Interview mit einem Seelsorger

"Eine unverzichtbare Hilfe sind die Menschen, die für uns da sind"

Wenn wir trauern, scheint die Welt aufgehört zu haben, sich zu drehen. Mit Menschen, die sich in solch einem Zustand, in dieser Art von "Zwischenwelt" befinden, hat Pater Matthias Schlögl OSA häufig zu tun. Der Wiener Augustiner und Seelsorger erzählt im Interview, wie er immer wieder den Weg geht, für den es keine Rezepte gibt: das Trösten. Wie er selbst schon Trauer bewältigt hat, warum der Tod heute Tabuthema ist welche Rolle der Glaube an die Auferstehung in der schweren Zeit spielt

Als Seelsorger sind Sie immer wieder mit Tod und Trauer konfrontiert. Welche ist aus Ihrer Sicht die schwierigste Phase?

Sehr oft sind die Hinterbliebenen längere Zeit mit dem Tod, mit dem Leid konfrontiert. Hier können sich viele auf den Tod einstellen. Das Schwerste ist aber dann der endgültige Abschied, mit der Tatsache des Todes nochmals und nun endgültig konfrontiert zu werden.
Genau das tritt bei der Trauerfeier ein: es gibt nun kein Zurück mehr, es ist hier ein Schnitt, der mein Leben verändert - und das tut weh, das schmerzt.

Wie gehen Sie persönlich mit der Trauer um?

Trauer ist immer etwas ganz Persönliches. Mir selbst helfen Zurückgezogenheit, das Gebet und der Austausch und das Gespräch mit mir verbundenen Menschen. Sehr wichtig ist für mich auch das Gespräch über den Verstorbenen, Anekdoten, Erinnerungen, Freud und Leid. Und es soll auch nicht schockieren, wenn in dieser Trauerphase dabei auch einmal gelacht wird, denn das zeigt ja gerade die liebende Verbindung, die mit dem Verstorbenen auch über den Tod hinaus besteht und bestehen bleibt.

Foto: Augustiner Wien
P. Matthias: "Der Tod wird auch deshalb als schmerzhaft empfunden, weil er uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnert."

Denken Sie viel über den Tod nach?

Wenn man einen Menschen die letzten Tage und Stunden bis zu seinem Tod begleitet hat, dann hat man einen anderen Zugang zum Tod.
Ich habe vor einem Jahr meinen Vater verloren. In dieser Zeit des Abschiednehmens habe ich intensiver über den Tod nachgedacht. Es ist etwas Besonderes, wenn man mit dem Tod „am eigenen Leib“ konfrontiert wird, wenn man einem Menschen, den man liebt, durch den Tod verliert, wenn man einem Leidenden den Tod als gewisse Erlösung „wünscht“.

Inwiefern dürfen Angehörige den Gottesdienst mitgestalten?

Es ist sehr schön, wenn die Trauergemeinde aktiv mitwirkt! So besteht die Möglichkeit, dass die Angehörigen die Schrifttexte auswählen und sie dann auch verkünden können. Weiters dürfen sie die Fürbitten vorbereiten und beten. Ebenso können sie die Lieder für die Trauerfeier zusammenstellen.

Dürfen sie die Predigt halten?

Grundsätzlich nicht. Es soll die Predigt in der Liturgie angesichts von Tod und Trauer im Licht der Botschaft des Glaubens trösten und angesichts der konkreten Erfahrung der Vergänglichkeit des Lebens zum Leben ermutigen - ohne zu vertrösten.
Predigt ist also Verkündigung.
Angehörige können aber ihre persönliche Verbundenheit mit dem Verstorbenen in einem Nachruf vor oder am Ende der Begräbnisliturgie ins Wort bringen.

Können Sie sich erklären, warum der Tod ein Tabuthema (geworden) ist?

Der Tod reißt Lücken. Er hinterlässt eine Leere. Der Tod eines geliebten Menschen ist für die, die zurückbleiben, ein schmerzlicher Verlust.
Der Tod wird aber auch deshalb als schmerzhaft empfunden, weil er uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnert. Zum Verlust dieses geliebten Menschen kommt die Ahnung dazu, dass unser eigenes Leben begrenzt ist. Jeder einzelne von uns muss den gleichen Weg gehen, niemand kann sich vor dem Tod davon schleichen oder ihm entrinnen.
Gerade deshalb auch wirkt der Tod für uns Lebende bedrohlich.

Ist es den Menschen ein Trost, wenn Sie sie betreuen? Was haben Sie für einen Eindruck danach?

Ich erlebe beides. Es gibt Menschen, die peinlich berührt sind, wenn sie vor einer Trauerfeier über ihren Verstorbenen sprechen müssen.
Es gibt aber auch Situationen, in denen die Hinterbliebenen spüren, dass sie dieser Geistliche nun versteht. Er kann ihnen zwar ihren Schmerz nicht wegnehmen, aber er versteht sie in ihrem Schmerz, er nimmt sie ernst, er fühlt mit ihnen mit. - Das sind wirklich schöne Erfahrungen, weil man in diesen Augenblicken den Menschen ganz nahe ist.

Wie verdeutlichen Sie die Auferstehung? Ist das für Sie ein wichtiger Begriff bei der Trauerseelsorge?

Auferstehung ist entscheidend, ohne Auferstehung wäre unser Leben sinnlos.
Dass nun dieser auferstandene Jesus Christus die äußerste Hilflosigkeit selbst durchlebt und durchlitten hat, das scheint mir entscheidend zu sein. Er hat im Gebet Kraft gefunden, mit innerer Gelassenheit und Ruhe konnte er dem Unvermeidlichen entgegentreten. Deshalb kann er uns auch verstehen. Deshalb kann er mit uns mitfühlen und mitleiden. Deshalb finden wir in ihm Trost und Hoffnung.

Kann die Verkündigung der Auferstehung selbst in so einer schlimmen Situation ein Trost sein?

Sie soll es sein! Dass das nicht immer leicht ist, merkt man bald. Das ist aber das Entscheidende, warum ein Seelsorger in dieser Situation zu den Menschen gesandt ist.
Ziel dieser Verkündigung ist es, einen Weg aufzuzeigen, wie in der erfahrenen Ohnmacht und in dieser Grenzsituation angesichts des Todes ein Leben mit Gott möglich ist, als Hoffnung für den Verstorbenen und als Halt für die Hinterbliebenen.

Wie fassen Sie diese Verkündigung in Worte? Klingt sie für Trauernde nicht sehr abstrakt?

Es ist immer wichtig, die Menschen konkret anzusprechen. Wenn Verkündigung nichts mit dem konkreten Menschen zu tun hat, dann ist sie fehl am Platz. Wenn sich Menschen in ihrer je eigenen Situation aber angesprochen und verstanden fühlen, dann kann Verkündigung „ankommen“.

Worin finden Trauernde noch Trost?

Die heutige Gesellschaft hat den Tod weitgehend aus ihrem Bewusstsein verdrängt, sie gestattet ihm allenfalls ein Schattendasein. Die Erfahrung des Sterbens ist auf wenige, isolierte Orte begrenzt, zu denen die Lebenden nur vereinzelt und in besonderen Situationen Zutritt haben - Krankenhäuser und Altersheime sind zum Beispiel solche Orte. Eine Antwort auf unsere Frage und Trost sind hier kaum zu erwarten.
Ich spende Trost sehr gerne mit Worten und Texten, die einen berühren, die zum Nachdenken anregen, die „weiterarbeiten“, wenn eine Trauerfeier schon lange vorbei ist.Ein Text von Dietrich Bonhoeffer, den er nur wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod niedergeschrieben hat und den viele kennen und vielleicht schon als Lied gesungen haben, kann ein solcher „Mitarbeiter“ sein, der daheim dann weiterwirkt, dort, wo dann niemand mehr da ist, dort, wo dann die Einsamkeit und das Alleinsein besonders schmerzlich erfahren wird.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Es gibt kein Rezept, wie jemand nun auf der Stelle getröstet werden kann. Die Aufgabe des Seelsorgers aber ist es, seiner Phantasie hier keine Grenzen zu setzen und es immer wieder neu zu versuchen, den Menschen etwas mitgeben zu können.
Ich durfte vor einigen Jahren einen 25jährigen Mann beerdigen, der durch ein Versehen von einem anderen jungen Mann erschlagen wurde. Es war sicherlich eines meiner schwersten Begräbnisse, und doch habe ich die Aufgabe gerne übernommen, weil sie mich besonders herausgefordert hatte. Zur Trauerfeier waren ungefähr 200 Menschen versammelt, der größte Teil von ihnen waren junge Menschen, Menschen die verzweifelt und schockiert waren, die sich von der Kirche in dieser Situation nichts erwartet hatten.
In der Predigt hatte ich immer wieder Teile aus dem Lied „Tears in heaven“ von Eric Clapton zitiert, nach der Predigt habe ich es spielen lassen. - Es war beeindruckend, wie sich die Trauergemeinde gewandelt hat, wie sehr sie den Schmerz und die Trauer plötzlich zeigen konnten, wie offen sie auf einmal für jedes gute Wort waren. Es hat das Wort Gottes durch den Text und das Lied Eric Claptons, das die Trauer Claptons nach dem Unfalltod seines vierjährigen Sohnes beschreibt, jeden Menschen getroffen - und: es hat sich jeder treffen lassen.

Heilt Zeit die Wunden? 

Ja sicher. Es wird mit der Zeit einfach leichter, sein Leben alleine zu meistern. Für mich ist das Schöne daran, dass mit der Zeit die Verbindung zum Verstorbenen stärker wird. Man trauert nicht mehr, sondern sieht vielleicht seinen verstorbenen Mann, die verstorbene Frau als Begleiter und „Fürsprecher“ an.
Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Stoßgebete auch an Verstorbene richte, weil ich weiß, dass sie in der Gemeinschaft Gottes jetzt für mich noch viel intensiver da sein können, als zuvor. Wenn das eintrifft, dann wird die Trauer zwar nicht gleich verschwinden, aber sie wird erträglicher, weil sie die Gemeinschaft zum Verstorbenen stärkt und festigt.

Viele hadern trotzdem, wenn sie in Trauer sind, mit Gott. Ist das menschlich? Wie kann man sich Gott wieder annähern?

Natürlich. Man soll hier auch nicht den Versuch starten, das wegzureden oder es jemanden auszureden. Dietrich Bonhoeffer hat hier ein schönes Beispiel gegeben. Er hat die durch Bombenangriffe verursachte Angst und Notsituation seiner Mitgefangenen nicht benützt, um religiöse Erpressungen durchzuführen. Er verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf Jesus Christus am Kreuz, der ja auch nicht auf die beiden Schächer eingeredet hat. Einer von ihnen hat sich an Jesus gewandt.Je absichtsloser die Kirche gerade in menschlichen Schwächen, Ängsten und Notsituationen spricht und handelt, desto wirksamer und bleibender wird sie Zeugnis ablegen. 

Gibt es die „richtigen Worte“, mit denen wir Trauernde trösten können?

Eine unverzichtbare Hilfe, in Trauer Trost und Halt zu finden, sind sicherlich Menschen, die für uns da sind, die unsere Trauer ernst nehmen. Dabei kommt es nicht auf viele Worte an. Oft genügt es, wenn einfach einer da ist, der zuhört, dessen Nähe wir spüren dürfen.
Aber auch wenn wir solche Menschen nicht finden, sind wir durch Jesus Christus nicht völlig allein gelassen.
Das den Menschen nahezubringen und hier die „richtigen Worte“ zu finden, ist nicht immer leicht. Oft hilft das gelebte Beispiel mehr als jedes Wort.

Einer Ihrer Lieblingstexte, in dem Sie selbst schon Trost gefunden haben:

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten.
Das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.
Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus. Er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander - wenn auch unter Schmerzen - zu bewahren.“
Das war Dietrich Bonhoeffer - am Heiligen Abend 1943.

 

Interview: kt

Link: Augustiner in Wien

Lesen Sie hier: Wenn Menschen den Tod verdrängen

Foto: Fotolia
Was bedeutet ein Kreuz, ein Buchsbaum, eine gesenkte Fackel auf dem Grabstein? Zum Überblick
Begriffe zum Thema Tod und Trauer (Foto: Fotolia)
Foto: Fotolia
Was tun, wenn jemand stirbt? Die wichtigsten Schritte im Überblick (Foto: Fotolia)
Wo finde ich das Testament des Verstorbenen? Die wichtigsten Fragen auf einen Blick
Wer bezahlt die Beerdigung? Wichtige Antworten zu finanziellen Fragen
Foto: dreamstime

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt