Von Judith Rappe (KNA)
Berlin (KNA) Mit dem Anbruch der dunklen Jahreszeit wird an mehreren November-Feiertagen wieder der Verstorbenen gedacht. Zwar ist der Friedhof nach wie vor der klassische Ort für die Beisetzung. Doch vor allem in vielen Großstädten befindet sich die Friedhofskultur im Umbruch. «Das Begräbnis ist zunehmend zu einer anonymen Angelegenheit geworden», meint der Berliner Pfarrer Jürgen Quandt. Er ist Geschäftsführer des Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte und damit des größten Zusammenschlusses kirchlicher Friedhofsträger in der Hauptstadt. «Die meisten Menschen verdrängen den Tod, vor allem den eigenen, weil sie glauben, ihm dadurch entgehen zu können. Deswegen treffen sie oft keine Vorkehrungen im Todesfall, sondern überlassen es denen, die sie hinterlassen», so Quandt. Aber auch diese seien oft nicht vorbereitet. Zahlen belegen den Wandel: Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg von 2007 fanden von insgesamt 29.120 Beisetzungen in Berlin rund 40 Prozent anonym statt. Quandt beklagt, dass das Sterben zunehmend ein anonymer Vorgang werde. Traditionelle Familienbande seien brüchig geworden. Die Gesellschaft wälze die Begleitung Sterbender auf Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen ab. So sterben immer mehr Menschen, ohne eine bekannte Begräbnisstätte zu hinterlassen und ohne jemandem nachfolgende Verpflichtungen aufzuerlegen. Für die Friedhöfe hat diese Entwicklung gravierende Folgen: Es schwindet nämlich auch die Bereitschaft, die Kosten für eine Beisetzung zu akzeptieren, erklärt Quandt. Vor allem bei den kirchlichen Friedhofsträgern, die keine staatliche Grünpflegepauschale erhalten, deckten zudem die Einnahmen aus Bestattungsgebühren und Grabpflegeaufträgen die laufenden Kosten nicht mehr. Zudem haben die Zunahme von Feuerbestattungen und Urnenbeisetzungen und die Verkürzung der Mindestruhezeit von 25 auf 20 Jahre in den vergangenen Jahren zu einem wachsenden Überschuss an Friedhofsflächen in Berlin geführt. Davon seien auch die kirchlichen Friedhöfe betroffen, die mit neun katholischen und 118 evangelischen Begräbnisstätten knapp die Hälfte aller Berliner Friedhofsstandorte und -flächen umfassen.
Die große Aufgabe der nächsten Jahre werde es sein, so Quandt, diese Flächen sinnvoll zu nutzen und dabei gleichzeitig die Friedhofslandschaft in Berlin als Zeugnis christlich geprägter Bestattungskultur zu bewahren. Friedhöfe müssten weiter Orte der Auseinandersetzung mit der Unausweichlichkeit des Todes und der Trauerbewältigung sein und gleichzeitig als Ruhezonen vom lauten Getriebe der Stadt dienen, meint er.
Mit seinem Plädoyer ist er nicht allein. Eine völlige Aufhebung des Friedhofszwanges beurteilen viele Experten skeptisch. Auch für die meisten Theologen gilt, dass Friedhöfe als Orte bestehen bleiben sollen, wo kollektives und individuelles Trauern möglich ist. Einig sind sie sich aber auch darüber, dass es neben der Erhaltung einer traditionellen Bestattungskultur künftig wichtig ist, neue Formen der Bestattung und der Trauerbewältigung zu entwickeln. Nur so könne man auf die Lebenssituation und das Selbstverständnis der heute lebenden Generation reagieren. Neue Wege geht etwa das Bistum Erfurt. So findet dort ein monatliches Totengedenken statt, das besonders für Menschen bestimmt ist, die nicht an Gräbern trauern können, weil diese nicht mehr vorhanden oder weit entfernt sind. Dabei können die Teilnehmer die Namen ihrer Verstorbenen in ein kostbar gestaltetes Buch eintragen.