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Vergebung – Das Special

Wer verletzt oder gekränkt wurde, tut sich schwer mit Vergebung. Aber sie macht das Leben leichter

Was passierte hier? Michaela F. spürte, wie ihr förmlich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie saß in ihrem Wohnzimmer, registrierte die walnussbraune Ledercouchgarnitur, die Fotos ihrer Familie auf der antiken Kommode. Ihr Heim. Plötzlich nur noch trostlose Kulisse in einem ..., ja was eigentlich? Absurden Drama? Psychothriller? Ihr gegenüber kauerte ihr Ehemann, mit dem sie sieben Jahre lang glücklich war, jetzt ein Fremder. Stefan F. versuchte ihr gerade zu sagen, dass er seit sechs Monaten eine Affäre hatte ... und ja, ich liebe sie ... es tut mir sehr Leid ... ich werde dich verlassen ... Stefan F. ging und kam nicht wieder. Das war vor eineinhalb Jahren. Michaela F. kommt einigermaßen zurecht, überwunden hat sie die Trennung noch nicht. Ihre unglückliche Geschichte erzählt sie ohne Punkt und Komma, sie schleudert Worte der Wut heraus, ihr schießen Tränen in die Augen, und wenn sie sich zum tausendsten Mal fragt, wo ihr Fehler war, dann verfolgt sie mit den Augen das wirre Muster des Teppichs. Dann holt Michaela F. tief Luft und stößt hervor: „Wie konnte er mir das nur antun? Ich versteh’ das nicht! Das vergebe ich ihm nie!“

12. März 2000, Petersdom. Der feierliche Gottesdienst zur Eröffnung der Passionszeit wird zur Sensation, das „Mea Culpa“ von Papst Johannes Paul II. zu einem Meilenstein der Versöhnung im christlich-jüdischen Dialog: „Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.“

Der junge Mann hatte ein irrsinnig schlechtes Gewissen. Als er ganz unten war und auf einem Feld für seinen Lebensunterhalt schuften musste, kam ihm die Einsicht, wie viel in seinem Leben schief gelaufen war. Und dass er selbst die Verantwortung dafür trug. Seinem Vater hatte er seinen Anteil am Erbe abgeschwatzt und es dann verschleudert, bis nichts mehr übrig war. Reumütig machte er auf den Weg nach Hause – und jetzt dieser Empfang: Da läuft der Vater tatsächlich seinem Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals und ruft: „Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“

Ob wir an ihr scheitern, darum bitten oder sie gewähren – jeder von uns ist schon mit Vergebung konfrontiert worden. Ob im Privatleben, zwischen Völkern und Religionen oder in der biblischen Tradition wie beim Gleichnis vom verlorenen Sohn – wir wissen zwar, dass die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Vergebung nötig sind, damit Menschen friedlich zusammenleben können, und doch fällt uns diese Haltung so schwer wie kaum eine andere.

Es geht um die Bereitschaft, loszulassen

Aber was genau heißt vergeben? Es ist die Übersetzung des griechischen Verbs aphiemi, das eine Fülle von Bedeutungen hat: wegschicken, wegwerfen, entlassen, loslassen, freilassen, freisprechen. Vergebung ist buchstäblich eine Ent-Schuldigung. Eine erlittene Verletzung oder Kränkung wird dem anderen nicht mehr angerechnet. Man macht ihm keine Vorwürfe mehr, fragt nicht mehr nach dem Warum.

Genau das ist das Problem von Michaela F.: Anklagen und Grübeleien bestimmen auch eineinhalb Jahre nach der Trennung ihr Gefühlsleben. Im Job funktioniert sie gerade so, auf eine neue Beziehung kann sie sich nicht einlassen, und immer wieder kreisen ihre Gedanken um „die andere“, ihre Demütigung und ihre Wut. „Wie kann ich Stefan denn vergeben? Das wäre ja noch schöner: Damit würde ich sein Verhalten doch noch bestätigen.“

Doch bei der Vergebung geht es nicht darum, dafür zu sorgen, dass es dem anderen wieder besser geht, oder gar sein Fehlverhalten zu billigen. Im Gegenteil: „Das Entscheidende an der Grundhaltung der Vergebung ist die Bereitschaft, loszulassen“, sagt Dr. Peter Epple, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. „Loslassen, weil man merkt, dass man nicht nur den anderen, sondern auch sich selber schadet, wenn man negative Erfahrungen mit sich herumträgt.“

Dieses Loslassen ist schwierig. Es hängt von der Verletzung ab und von der eigenen psychischen Struktur, der sogenannten Ich-Stärke. Auch Epple räumt ein: „Jedem von uns fällt Vergebung schwer. Das liegt auch an der Art, wie wir denken. Wenn Dinge passieren, die wir uns so nicht vorgestellt haben, haben wir Schwierigkeiten, sie loszulassen. Das ist sicher eine menschliche Begrenzung.“ Da passt das Zitat des englischen Schriftstellers Alexander Pope: „Irren ist menschlich, Vergebung göttlich.“

Vergebung und Versöhnung sind Hoffnung machende Säulen unseres Glaubens. Der liebende Gott ist permanent vergebungsbereit. „Gott schenkt uns in der Vergebung seine barmherzige und liebende Zuwendung, die wir durch unsere Abwendung eigentlich verwirkt haben“, sagt Benediktinerpater Anselm Grün. Mehr noch: Er rechnet uns Schuld nicht an, er erlässt sie uns.

Der Tod Jesu am Kreuz ist das nicht zu überbietende Zeichen für die Bereitschaft Gottes zur Vergebung. In seiner dunkelsten Stunde, brutal ans Kreuz geschlagen, Momente vor seinem Tod, bittet Jesus um Vergebung für seine Mörder: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist für uns Trost und Aufforderung: Es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben kann und will. Die Bitte Jesu am Kreuz ist auch sein Vermächtnis, das uns zeigt, wie wir anderen vergeben können, ohne dass uns die Vergebung überfordert: indem wir Gott darum bitten.

Vergebung dauert manchmal ein Leben lang

Ergibt sich aus diesem hohen Ideal für gläubige Christen eine Pflicht zur Vergebung? „Wenn ein wirklich gläubiger Christ diese Erfahrung der unbegrenzten Gnade macht, wird er diese Gnade auch weitergeben“, sagt Professor Dr. Eckhard Frick, der an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München lehrt. „Wer aber einen kleinkrämerischen Glauben hat, der seine Vergebungen aufrechnet, der hat etwas nicht ganz verstanden.“

Gott aber ist kein Automat, bei dem wir eine Bitte einwerfen, damit am anderen Ende eine Vergebung herauskommt. Vergebung ist ein Prozess, der bei manchen Menschen ein Leben lang dauert. „Es gibt die menschliche Neigung, Schuld von uns wegzuschieben, einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen“, erklärt Frick. „Das ist wie eine permanente Fahrerflucht. Das ist zwar menschlich, heißt aber nicht, dass es gut ist.“

Wie schafft man es denn nun, zu vergeben? Schon Kaiser Marcus Antonius fand heraus: „Wenn etwas Äußerliches dir Kummer macht, liegt das nicht an der Sache selbst, sondern allein an deiner Einschätzung – und diese Einstellung kannst du jederzeit widerrufen.“ Auch für Dr. Peter Epple liegt hier der Schlüssel zur Vergebung: „Der erste Schritt ist, die Schuld zu benennen. Danach aber sollte die Einsicht kommen: Etwas Schlimmes ist zwar geschehen, aber ich möchte nicht länger Opfer sein oder in der Opferrolle bleiben. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben.“

Die Schuld zu benennen ist ebenso wichtig wie schwierig, weil es gerade darauf ankommt, die Spirale aus Anklagen und Vorwürfen zu brechen. Der Psychologe Dr. Fred Luskin, Mitbegründer und Direktor des Forgiveness Projects an der amerikanischen Stanford-Universität, sieht eine Ursache in vielen schmerzhaften Verletzungen darin, dass die Geschädigten so genannte nicht durchsetzbare Regeln aufgestellt hätten. Luskin definiert eine nicht durchsetzbare Regel als „Erwartung, bei der Sie keine Macht darüber haben, ob sie sich erfüllt oder nicht“. Und er sagt weiter: „Dass Ihre Partnerin Sie liebt, Ihr Geschäftspartner fair zu Ihnen ist oder Ihre Eltern Sie und Ihren Bruder gleich stark lieben – diese Dinge können Sie nun einmal nicht erzwingen.“ Dass ihr Mann sie nicht wegen einer anderen Frau verlassen würde, war eine nicht durchsetzbare Regel von Michaela F. Diese Erkenntnis hilft auf dem Vergebungsweg, weil man sein Denken selbst verändern kann.

Wichtig ist zudem die Bereitschaft, die Motive und den Standpunkt desjenigen zu verstehen, der einen verletzt oder gekränkt hat. Das klappt nicht immer aus eigenem Antrieb – im Wirtschaftsleben zum Beispiel. Dafür gibt es Menschen wie Thomas Benischke. Benischke ist Wirtschaftspädagoge und Mediator. Er wird engagiert, um Konflikte am Arbeitsplatz zu schlichten. Er moderiert Gespräche zwischen zerstrittenen Mitarbeitern und ist schon froh, wenn sie künftig wieder miteinander sprechen. Die offene Bitte um oder die Bereitschaft zur Verzeihung erlebt er selten: „Mitarbeiter scheuen sich vor der Beziehungsebene“, ist seine Erfahrung. „Sie möchten sich nicht verwundbar machen.“

Dabei liegt gerade in dieser Verwundbarkeit eine große Stärke. Wer aufrichtig vergeben kann, der „findet Liebe, Freude, Friede, Langmut – die Früchte des Heiligen Geistes“, bilanziert Professor Dr. Eckhard Frick.

Ich habe mich so frei gefühlt wie noch nie“

Christiane Z. hat diesen Frieden gefunden – nach einem halben Menschenleben. So lange sie denken kann, lag die 56-Jährige im Zwist mit ihrer Mutter. Nie konnte sie ihr etwas Recht machen: Als Kind war sie aufmüpfig, als Jugendliche rebellisch. Die Studentin Christiane erfüllte die Erwartungen der Mutter nicht, den richtigen Schwiegersohn brachte sie auch nicht nach Hause. „Wenn ich zu meiner Mutter gefahren bin, hatte ich jedes Mal die besten Vorsätze“, erzählt Christiane Z. und streicht mit faltiger Hand das transparente Trennpapier eines Fotoalbums glatt. „Aber wir sind regelmäßig in Streit geraten. Das hat keinen Tag gedauert.“

Die Mutter konnte Christiane nicht verzeihen, dass sie sich kein „ordentliches“ Leben aufgebaut hatte, unter dem sie eine Laufbahn als Ärztin, einen Arzt als Schwiegersohn und eine gut situierte Existenz in der Nähe verstand. Umgekehrt war Christiane Z. ihr Leben lang wütend auf ihre Mutter, weil sie sich als Arzthelferin, nach zwei Scheidungen und 700 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt immer minderwertig vorkam. Ein Teufelskreis, den Christiane Z. erst durchbrechen konnte, als ihre Mutter ins Pflegeheim kam. „Ich sah sie da liegen, und sie wurde jeden Tag kleiner“, erinnert sich Christiane Z., und ihre starke Stimme beginnt zu vibrieren. Dann bricht es aus ihr heraus: „Da habe ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber gemacht, was meine Mutter eigentlich selbst mitgemacht hat. Wie sie sich durch den Krieg gekämpft und danach eine Familie aufgebaut hat. Sie stand so unglaublich unter Druck, ich habe mir das nie bewusst gemacht. Je schwächer sie wurde, umso größer wurde ihre Persönlichkeit für mich. Es war, als würde sich eine Tür öffnen. Ich war plötzlich so stolz auf meine Mutter. Irgendwann habe ich ihr dann alles gesagt, dass ich sie jetzt verstehen würde und ihr so dankbar wäre, und dann habe ich sie um Verzeihung gebeten ... für alles.“ Christiane Z. holt tief Luft und knetet ein Taschentuch zwischen den Fingern. „Und als sie dann meine Hand gedrückt hat, habe ich mich so frei gefühlt wie noch nie in meinem Leben. Wie erlöst.“

André Lorenz

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Die Kommentare der Liborius-User:


von Norbert Brandt

am Mittwoch, 26. August 2009

Vergeben ist eines der schwersten Dinge.
Es sagt sich so leicht dahin "Ich verzeihe dir das."
Vergessen kann man viele Dinge nicht.
Und auch wenn man die Verzeihung ausgesprochen hat, so nagt die Erinnerung an die Verletzung doch oft noch lange an einem und beeinflusst den Umgang mit dem anderen.
Echte, bedingungslose Vergebung fällt schwer.

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