Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Vergebung – Das Interview

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Samstag, 11. Februar 2012 Anselm
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Vergebung – Das Interview

"Jedem von uns fällt Vergebung schwer"

Vergebung ist eine der schwierigsten Grundhaltungen überhaupt. Dabei ermöglicht sie es uns, mit innerem Frieden weiterzuleben. Vergebung - wie geht das? Ein interview mit Dr. Peter Epple, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

 

?: Was bedeutet Vergebung in der Psychotherapie?
!: Menschen, denen andere Menschen in der Vergangenheit oder aktuell Schaden zugefügt haben, kommen irgendwann zu der Frage: Wie löse ich mich von dem, was geschehen ist? Wie gehe ich mit dem, was mir andere Menschen zugefügt haben, um? Wie frei bin ich dann, darüber hinaus zu gehen? Somit ist Vergebung oder Verzeihung eine Dimension, die einen ganz wesentlichen Punkt für die psychotherapeutische Arbeit darstellt.

?: Gibt es unterschiedliche Arten von Vergebung?
!: Vergebung hat aus psychotherapeutischer Sicht mindestens zwei Aspekte: Vergebung kann ein moralischer Imperativ sein, also eine religiös oder auch menschlich motivierte Pflicht, nach der jemand sagt: Ich muss vergeben. Vergebung kann aber auch eine Grundhaltung sein.

?: Was bedeutet das konkret?
!: Der erste Aspekt meint den Zwang, aus einer moralischen Pflicht heraus einem Menschen, der mir etwas angetan hat, zu vergeben. Dieser Haltung würde ich etwas kritisch gegenüberstehen. Denn sie kann dazu führen, dass jemand seine Aggressionen einfach beiseite lässt und sich einem übergeordneten Gebot verpflichtet fühlt. Aggressionen sind aber ein wichtiger Selbstschutz. Das spielt auch in der christlichen Tradition eine Rolle: In der Benedictus-Regel steht zum Beispiel die Aufforderung „pacem falsam non dare“. Man soll also keinen falschen Frieden gewähren. Es gibt oft Dinge, die erst einmal geklärt werden müssen. Es geht darum, die eigene Position zu finden, um sich auch wehren zu können. Wer das nicht tut, wird von anderen hin- und hergeschubst werden und gerät immer stärker in die Defensive, die einen letztlich in die Depression treiben kann.

?: Wie unterscheidet sich dieser moralische Imperativ von einer wahren Grundhaltung der Vergebung?
!: Wer Vergebung als Grundhaltung entwickelt, kommt zu dem Punkt, an dem er fragt: Wie gehe ich damit um, dass manche Menschen mir schlimme Dinge angetan haben? Ich kann das dem anderen natürlich ein Leben lang vorwerfen. In dieser Haltung sind alle anderen Menschen oder die Umstände an meinem Schicksal schuld, ich selber bin lediglich Opfer dieser Umstände. Das führt zu Verbitterung und bedeutet, dass ein Mensch keinen Zugang mehr zu seinen positiven Energien, einer positiven Bewertung seines Umfelds und seiner Mitmenschen hat. Er ist letztlich ein Gefangener seiner Enttäuschung, seines Nicht-Vergeben-Könnens geworden. In dem Wort „Vergebung“ steckt die Bereitschaft, loszulassen. Das ist das Entscheidende an der Grundhaltung der Vergebung. Loszulassen, weil man merkt, dass man nicht nur den anderen, sondern auch sich selber schadet, wenn man alles mit sich herumträgt.

?: Vergebung ist wichtig bei der Bewältigung von Verletzungen oder Verlusten. Aber ist sie auch notwendig, um frei zu werden, oder geht es am Ende auch ohne?
!: Der Volksmund hat ja die Redewendung „vergeben und vergessen“. Medizinisch gesprochen ist es tatsächlich so, dass negative Erfahrungen im Gehirn abgespeichert sind. Das ist eine Thematik, die uns in der Neurobiologie, also in der Forschungsbranche, die auch die Psychiatrie und die Psychotherapie betrifft, sehr beschäftigt: Alle Erfahrungen, die wir machen, hinterlassen Spuren im Gehirn. Wenn ich wieder mit einem Auslöser negativer Erfahrungen konfrontiert werde, werden diese Erinnerungen reaktiviert. Das heißt, dass auch bestimmte, tief eingespeicherte Reaktionen wie Angst, Wut, Hass, Selbstvorwürfe oder depressive Symptome reaktiviert werden. Wenn man es rein auf dieser neurobiologischen Ebene betrachtet, bedeutet das letztlich schon, dass ein Mensch die Fähigkeit einsetzen oder lernen sollte, negative Dinge loszulassen und etwas Neues anzugehen, wenn es ihm besser gehen soll. Insofern gehört Vergebung zu einem erfolgreichen Veränderungsprozess dazu. Es gibt aber natürlich auch eine Grenze: Menschen, denen viel angetan wurde – KZ-Opfer zum Beispiel –, wird das Wort „Vergebung“ nicht so leicht oder nie über die Lippen kommen.

"Es geht darum, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen"

?: Wie geht Vergebung?
!: Damit berühren wir den Schuldbegriff. Der Schuldbegriff, den Ärzte oder Psychotherapeuten haben, beinhaltet nicht den gesamten theologischen Schuldbegriff. Wir würden den Schuldbegriff eher mit Verantwortung übersetzen. Wir alle sind in einer gewissen Verstrickung von Lebensumständen, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir nicht alle selbst beeinflussen konnten. Und manchmal stehen wir vor dem Problem, dass einige schuldig an uns geworden sind. Von Marsha Linehan, einer Psychotherapeutin, die sich auf die Behandlung von Borderline-Patienten spezialisiert hat, gibt es ein Zitat, das sinngemäß so lautet: Menschen, die Schicksalsschläge erlitten oder schwere Traumatisierungen erfahren haben, haben sich ihre Suppe nicht selbst eingebrockt. Aber wenn es ihnen besser gehen soll, müssen sie sie selber auslöffeln. Das ist ein ganz entscheidender Punkt für das Thema Vergebung aus psychotherapeutischer Sicht: Es geht weniger darum, Schuld zu suchen, sondern Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Der erste Schritt im Vergebungsprozess ist, die Schuld zu benennen. Danach aber sollte die Einsicht kommen: Das ist zwar geschehen, aber ich komme damit nicht weiter, Opfer zu sein oder in der Opferrolle zu bleiben. Ich übernehme trotzdem Verantwortung für mein Leben. In vielen Lebenssituationen, in denen wir uns geschädigt oder beeinträchtigt fühlen, gehört es dazu, diese Willensentscheidung zu fällen: Wenn ich Verantwortung für mein Leben übernehme, möchte ich auch vergeben, als Anerkennung, dass mir zwar jemand etwas angetan hat, ich dabei aber nicht stehen bleiben möchte.

?: Sie haben schon skizziert, was Vergebung bei Menschen, die Verletzungen erlitten haben, positiv bewirken kann. Das möchte ja jeder, der verletzt wurde oder einen Verlust verkraften muss: mit innerem Frieden weiterleben. Warum fällt Vergebung trotzdem so vielen Menschen so schwer?
!: Man muss natürlich in Betracht ziehen, dass es unterschiedliche Ausmaße an Schädigungen gibt. Die Erfahrungen, inwieweit jemand schuldig an mir wird, können sehr divergieren. Es ist wahrscheinlich einfacher, einem Arbeitskollegen zu vergeben, mit dem ich zwei Monate zusammengearbeitet habe und der mich morgens nicht richtig begrüßt, als einem Vater, der seine Tochter jahrelang sexuell missbraucht hat. Darüber hinaus hängt die Fähigkeit zur Vergebung auch von der eigenen psychischen Struktur ab. Wer nicht eine gewisse psychische Stärke mitbringt, eine so genannte Ich-Stärke, dem wird Vergebung wesentlich schwerer fallen. Trotzdem ist es so, dass jedem von uns Vergebung schwer fällt. Das liegt sicher auch an der Art, wie wir denken. Wenn Dinge passieren, die wir uns so nicht vorgestellt haben, haben wir natürlich Schwierigkeiten, sie loszulassen. Zu diesem Schritt des Loslassens gehört schon viel. Das ist sicher eine menschliche Begrenzung.

?: Ist es nicht so, dass ich durch die Vergebung ein verletzendes Verhalten des anderen am Ende billige?
!: Es gibt ein schönes französisches Zitat: „Comprendre, c’est pardonner“ – Verstehen heißt vergeben. Das finde ich im Zusammenhang mit Vergebung einen wichtigen Aspekt. Wenn ich die Beweggründe des anderen verstehe, fällt es mir leichter, ihm zu vergeben. Das lässt sich ganz häufig beobachten. Wenn ein Mensch eigene Kinder hat, fällt es ihm zum Beispiel leichter, seinen Eltern zu vergeben, weil er weiß, wie schwierig es ist, Kinder zu erziehen. In diesem Fall gilt tatsächlich: Verstehen heißt vergeben. Trotzdem gibt es eine gewisse Grenze des Verständnisses. Man kann das Verstehen auch übertreiben. „Alles mit sich machen lassen“ und vergeben sind eindeutig nicht dasselbe.

?: Gibt es auch unverzeihliche Verletzungen?
!: Es wird natürlich immer schwieriger zu vergeben, je mehr man erkennt, dass der Täter, der an einem schuldig geworden ist, mit Absicht gehandelt hat. Es gibt Dinge, die auch in meiner Arbeit als Psychiater und Psychotherapeut fast unverzeihlich erscheinen, zum Beispiel langer sexueller Kindesmissbrauch. Wer so etwas erlebt hat, wird aber dennoch nicht glücklich werden, wenn er es nicht schafft, damit abzuschließen, und Verantwortung für sein eigenes, neues Leben übernimmt.

?: Wenn es möglich ist, sollte man dann seinem Gegenüber persönlich vergeben, oder geht Vergebung auch innerlich, für sich selber?
!: Bei wirklich schweren Traumatisierungen ist es eher selten möglich, dass eine Vergebung von Person zu Person stattfindet. Bei normal psychologischen Problemen kann es auf jeden Fall Sinn machen, dem anderen seine Vergebung zum Ausdruck zu bringen. In einem Beziehungskontext, wenn jemand zum Beispiel an seinen Arbeitsplatz oder in seine Ehe zurückkehrt oder mit seinen Eltern noch Kontakt hat und es da einer Vergebung bedarf, dann ist es wahrscheinlich sogar notwendig, das zu thematisieren. Dann ist es aber auch nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden. Denn wenn die Vergebung vom anderen falsch aufgefasst wird, ist das natürlich eine schwere Kränkung oder auch ein schwerer Rückschlag. Häufig in solchen angespannten Situationen empfindet der andere den Satz „Ich vergebe dir“ sogar als Anmaßung. Auf der anderen Seite gibt es auch Dinge, die man mit dem, der sie verursacht hat, gar nicht mehr klären kann. Da geht es um die Haltung des inneren Loslassens.

?: Das Konzept der Vergebung ist ja essenziell für das Christentum. Inwiefern können gläubige Menschen emotional stabiler oder gelassener mit Verletzungen umgehen?
!: Dieses Thema Vergebung macht deutlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen Menschen, die von Glaubenswahrheiten überzeugt sind, und jenen, die eine innere Glaubenshaltung haben. Vergebung ist wahrscheinlich eine der spirituellsten Grundhaltungen überhaupt. Dieses Bewusstsein, dass wir alle in einer existenziellen Verstrickung sind, zeichnet vor allem auch Christen aus. Niemand ist wirklich so frei von eigenen Fehlern, dass er den ersten Stein werfen könnte. Insofern würde ich Ihre Frage bejahen, wenn man den Begriff „gläubig“ für einen Menschen verwendet, der eine gläubige Grundhaltung hat. Leider ist es nach meiner Erfahrung nicht so, dass jemand, der formal religiös geprägt ist, gleichzeitig schon die Fähigkeit mitbringt, diese Grundhaltung auch spüren zu lassen.

Interview: André Lorenz 

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