Das Konklave beginnt
Die Regeln der Kirche können hart sein. Zum Beispiel, wenn ein Papst gestorben ist. Die Vorschriften des Vatikans lassen den Menschen kaum Zeit, um den Verstorbenen zu beweinen. Ein paar Tage, dann müssen Kandidaten für die Nachfolge diskutiert werden. Nicht einmal drei Wochen, und die Kardinäle kommen zum Konklave zusammen.
In den Augusttagen des Jahres 1978 ist das nicht anders. Mit dem Unterschied, dass die Diskussionen noch heftiger, noch weitgreifender sind. Und dass sie ohne Ergebnis enden: Viele Kommentatoren stellen Vermutungen an, der Vatikanexperte Andrew Greeley beispielsweise erträumt sich einen „hoffnungsvollen, heiligen Mann“. Und noch eines wünscht sich der US-Amerikaner: einen Papst, der lächeln kann.
Zwanzig Tage dürfen höchstens nach dem Tode eines Pontifex vergehen, dann muss ein Konklave stattfinden. Die Wahl für die Nachfolge von Paul VI. wurde auf einen Freitag, den 25. August gelegt.
Die deutschen Kardinäle kommen zusammen und beraten die Lage
Die wahlberechtigten Kardinäle sind benachrichtigt, darunter auch einige Deutsche: Alfred Bengsch aus Berlin, Joseph Höffner aus Köln, Joseph Schröffer aus Eichstätt, Hermann Volk aus Mainz und Joseph Ratzinger. Im Vorfeld haben sie sich mit anderen deutsprachigen Eminenzen getroffen, darunter die papabile Franz König und Aloisio Lorscheider. Zusammen erörtern sie die Lage, horchen auf die Stimmung in der Kurie. Doch selbst sie können keine Prognose wagen. Etwas jedoch ahnen sie relativ bald: Die Zeit scheint nicht reif für einen Nationalitätenwechsel im Vatikan.
Zu groß scheinen die Anforderungen und Schwierigkeiten, zu klein der Mut der Kardinäle, einen Neuanfang zu wagen. Ein Kurienkenner soll her, einer der die vatikanische Bürokratie kennt. Ein Diplomat möglicherweise wie Paul VI.. Andere dagegen wünschen sich einen Seelsorger, einen zweiten Johannes XXIII. – oder noch besser eine Mischung aus Diplomat und Seelsorger. Eines allerdings ist allen Kardinälen klar: Ihre Entscheidung könnte die Geschichte der Kirche prägen.
Am Freitag spürt man die Spannung deutlich. Es ist das erste Mal, dass nach einer neuen Ordnung gewählt wird. Paul VI. hatte 1975 verfügt, dass alle Kardinäle über achtzig Jahren nicht stimmberechtigt sind. Damit bleiben eigentlich 114 Würdenträger übrig, doch drei der Kardinäle sind erkrankt. John Joseph Wright, Valerian Gracias und Boleslaw Filipiak können am Konklave nicht teilnehmen. Ohne sie feiern die verbliebenen Kardinäle die „Pro eligendo papa“, die Messe zur Papstwahl. Sie beten um den Heiligen Geist. Er soll ihnen helfen, den richtigen Mann für das schwere Amt des Pontifex zu finden.
Nach der Messe am Vormittag begeben sich alle Richtung Sixtinische Kapelle. Hier wird die Entscheidung über das höchste Amt der katholischen Kirche fallen. Hier muss ein neuer Papst gefunden werden.
Die Kardinäle ziehen in einer feierlichen Prozession in die Kapelle ein. Unter dem „Jüngsten Gericht“ von Michelangelo versammeln sie sich schließlich. Die Stimmung ist bedeckt, jeder weiß um die Bedeutung der kommenden Stunden. Über jedem schweben ein roter Baldachin – und die Erwartung von Millionen Christen weltweit.
Nach dem Einzug bitten die Kardinäle um himmlischen Beistand, sie stimmen den alten gregorianischen Choral „Veni Creator Spiritus“ an. Es ist kein fröhlicher Gesang. Sondern ein ahnungsvoller, beladener.
„Credamus omni tempore“ singen die 111 Männer, es ist die letzte Zeile des Psalms. Anschließend spricht Virgilio Kardinal Noè, der päpstliche Zeremonienmeister, die zwei legendären Worte: „Extra omnes“ – alle nicht Wahlberechtigten müssen die Sixtinische Kapelle verlassen. Danach schließt Noè die Pforte. Der Gouverneur des Vatikanstaates, Markgraf Sacchetti, und der Kommandant der Schweizer Garde, Oberst Franz Pfyffer von Altyshofen, kontrollieren sorgfältig, ob alles lückenlos abgeriegelt ist. Ein prüfender Blick, ein letzter Handgriff der beiden – das Konklave hat begonnen.
In der Hitze will keiner taktieren. Nur die Italiener versuchen einen Polen als Papst zu verhindern
Die Kardinäle sind in der Sixtina völlig abgeschottet von der Außenwelt. Jeder hat eine kleine Zelle mit Bett, Tisch und Stuhl. Mehr nicht. Telefone, Radios und Fernseher sind verboten, auch Kameras müssen draußen bleiben. Nachrichten können nur durch zwei kleine Drehtrommeln an der Pforte abgegeben werden, allerdings keine Zeitungen oder verschlossene Briefe. Die Kardinäle dürfen auf keinen Fall beeinflusst werden, sie sollen sich ganz auf die Wahl konzentrieren. Eine Aufgabe, die in diesen Tagen noch schwerer fällt als sonst.
„Wir kamen um vor Hitze, drohten zu ersticken und mir schien, dass einige Eminenzen am Rande des Zusammenbruchs waren", wird sich Silvio Kardinal Oddi später erinnern. Inzwischen ist es Samstag und brütend heiß. Noch immer weiß keiner, dass dieser Tag eine große Überraschung bringen wird. Geschweigen denn welche. Nur: Auf zermürbende Verhandlungen hat in dieser Hitze wirklich niemand Lust.
Selbst die gewieften italienischen Kurienkardinäle haben zunächst einmal nur ein Ziel: Sie wollen Karol Wojtyla verhindern. Den nämlich bringt Franz König ins Gespräch, er will den Polen auf dem Heiligen Stuhl sehen. Doch recht bald wird deutlich, dass die Nicht-Italiener uneinig sind oder auch gar keinen eigenen Papst stellen wollen. Und so scheidet Wojtyla schon bald aus dem Rennen aus, andere mögliche Favoriten werden erst gar nicht thematisiert. Es zeichnet sich ein italienischer Pontifex ab.
Zweidrittel plus eine zusätzliche Stimme benötigt der neue Heilige Vater, um ins Amt zu gelangen. Doch keiner der Italiener, geschweige denn der Nicht-Italiener, bekommt im ersten Wahlgang die nötige Zahl von 75 Stimmen zusammen. Und so werden die Zettel, auf die jeder Kardinal seinen Kandidaten – möglichst mit verstellter Schrift – geschrieben hatte, verbrannt. In das Feuer wird nasses Stroh, Öl oder Pech gegeben, schwarzer Rauch steigt auf. Die Menschen auf dem Petersdom wissen: Es gibt noch keinen neuen Papst.
Auch der zweite Wahlgang bringt keinen endgültigen Durchbruch. Allerdings kristallisieren sich mehr und mehr die drei letzten möglichen Kandidaten heraus. Und auf einmal geht alles ganz schnell. Es ist gegen vier Uhr nachmittags, als endlich eine Vorentscheidung gefallen zu sein scheint. Eine Entscheidung, die die ganze Welt überrumpeln und überraschen wird.
Simon Biallowons