Seit etwas mehr als fünfzehn Stunden warten Menschen auf dem Petersplatz. Die meisten sind schon am gestrigen Freitagabend gekommen, haben sich Decken und Kissen mitgebracht. Während sie ihre Gepäckbündel aufmachten und Brotzeitpakete öffneten, wurde wenige Meter weiter im Vatikan die Türe der Sixtinischen Kapelle verschlossen. Seitdem beraten dort 111 Kardinäle über den neuen Papst. Zweimal werfen sie drinnen ihre Zettel mit der Formel „Eligo Summum Pontifecem“ („Ich wähle zum obersten Brückenbauer“) in die Wahlurne, zweimal schrecken draußen die Wartenden auf. Aus dem langen Kanonenofenrohr dringt Rauch – doch zweimal ist die Farbe schwarz, der neue Papst steht also noch nicht fest. Kaum einer wundert sich, fast alle haben sich auf eine längere Wartezeit eingerichtet.
Die Fraktionen innerhalb der Kurie wissen: Dieser Papst wird ein Papst des Kompromisses sein
Zum gleichen Zeitpunkt kann in der Sixtinischen Kapelle von Ringen nicht die Rede sein. Die Hitze setzt den Kardinälen zu, sie wollen eine schnelle Entscheidung treffen. Die Fraktionen innerhalb der Kurie halten sich zurück, sie wissen: Dieser Papst wird ein Papst des Kompromisses sein. Keiner der Flügel, weder der liberale noch der konservative, macht sich Hoffnungen auf einen Pontifex aus den eigenen Reihen. Und so verabschiedet sich ein Favorit nach dem anderen. Am Nachmittag gegen vier Uhr sind nur noch zwei Kandidaten übrig: Giuseppe Siri aus Genua und Albino Luciani, der Patriarch aus Venedig. Luciani ist ein sensibler Seelsorger, kein Kurien-Karrierist. Er gilt als bodenständig, wenig weltmännisch oder gar polyglott. Chancen wollte ihm vor dem Konklave keiner einräumen. Siri hatten dagegen mehrere auf der Rechnung. Der Genueser Erzbischof ist ein streitbarer Geist. Einer, der sich in kircheninternen Debatten immer wieder lautstark zu Wort meldet. Und Siri ist ein Konservativer – wird das nun zu seinem Verhängnis?
Die Kardinäle geben zum dritten Mal ihren Zettel ab. Jeder tritt einzeln nach vorne, legt seinen Zettel auf einen Teller und spricht: „Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte.“ Dann kommt der Zettel in die Urne. Nach einer Überprüfung beginnt die Auszählung. Sie geschieht im Beisein aller Kardinäle, die Urne steht auf einem Tisch vor dem Altar der Kapelle. Laut wird der Name auf jedem Zettel verlesen – jetzt, gegen sechs Uhr am frühen Abend, fällt fast nur noch ein Name.
Rauch steigt auf.
Teil 2: Der oberste Brückenbauer