In diesen Tagen platzen die Straßen und Plätze rund um den Petersdom in Rom aus allen Nähten. Schon längst hat sich Pauls letzter Wille herumgesprochen: „Ich will arm begraben werden.“ Die Menschen hören ehrfürchtig von dieser Bescheidenheit, plötzlich erinnert sich wieder jeder an den einfachen und zurückhaltenden Papst. Paul will kein aufwändigen Monument, kein prachtvolles Prunktstück. Ein kleines, fast schon anonymes Grab in der Erde, mehr hat sich der verstorbene Papst nicht gewünscht. Sein Begräbnis soll so einfach wie möglich sein – und wird so eine Trauerfeier von ganz eigentümlicher Erhabenheit. Joseph Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI, wird später sagen: „Mich beeindruckte die absolute Schlichtheit des Sarges. Diese vom Papst gewollte Armut war fast schon schockierend."
Einfach mag die Beerdigung sein. Anonym ist sie sicher nicht. Mehr als Hunderttausend Gläubige sind nach Rom gekommen, darunter Würdenträger aus 104 Nationen. Seit Stunden warten sie alle auf den Leichenwagen, mit dem der tote Papst zum Petersdom hingebracht wird. Der Wagen trägt keinen Schmuck, ganz wie es Paul VI. sich erbeten hatte. Und trotzdem ist der Aufwand gewaltig: Mehr als 5.000 Soldaten und Polizisten schützen den Trauerzug, zu frisch noch ist die Angst vor Terroranschlägen der Roten Brigaden. Die hatten wenige Monate zuvor den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten, Aldo Moro, ermordet – heute folgt ihm sein enger Freund, Paul VI., nach.
Das Volk wird unruhig. Ein letztes Mal möchten die Menschen ihren Heiligen Vater sehen
Als der Leichenzug sich dem Petersdom nähert, wird die Menge das erste Mal unruhig. Die Kardinäle hatten im Vorfeld verfügt, dass der Leichnam des Papstes im Sarg luftdicht verschlossen bleibt, man wollte ihn nicht der Hitze aussetzen. Doch die Würdenträger haben nicht mit den Gläubigen gerechnet. Das Volk will seinen Heiligen Vater noch einmal sehen. Proteste werden laut, die Menschen fordern ihr Recht. Den Kardinälen und Vatikanleuten bleibt keine Wahl: Der Sarg wird geöffnet, die Menschen dürfen einen letzten Blick auf Paul VI. werfen.
Vor dem Hochaltar kommt der Leichenzug zum Stehen, der Papst wird für die Trauergemeinde gut sichtbar aufgebahrt. Die Menschen sehen Pauls Leichnam, in eine rote Kasel – das traditionelle Messgewand – gekleidet. An seinen Füßen trägt er Pantoffeln, an den Händen Handschuhe. Auf seinen Kopf hat man eine weiß-goldene Mitra gesetzt – die Tiara als päpstlicher Kopfschmuck hatte Montini-Papst erst abgeschafft. Auf dem Sarg ruht das Evangelienbuch. Immer wieder blättert der Wind einzelne Seiten um: ein Bild, das um die Welt geht.
Die anschließende Messe zelebriert Carlo Confalonieri, die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Der 85-jährige Kardinal-Dekan hält eine mitreißende Predigt, die Gläubigen sind zutiefst berührt. Viele denken jetzt vielleicht an die Worte Pauls, die er bei der Beerdigung seines Freundes Aldo Moro sprach: „Und wer kann unsere Klagen vernehmen, wenn nicht Du, oh Gott des Lebens und des Todes. Du hast unsere Gebete nach seiner Unversehrtheit nicht erhört.“ So mag es auch vielen in den Tagen zuvor gegangen sein. Hunderttausende hatten für Paul VI. und sein Leben gebetet. Jetzt beten sie vor seinem Sarg. Die Menschen begleiten den Leichnam des Papstes in Gedanken, während er in die Krypta gebracht wird. Ein Grab direkt in der Erde, das hatte Montini gewollt. Keinen steinernen Sarkophag. Und so wird sein hölzerner Sarg nach der Messe in die Grotten des Petersdoms gebracht. Man bettet Paul VI. dort in einem einfachen Erdgrab zu Ruhe, verschlossen nur mit einer schmucklosen Platte aus kastanienfarbenem Travertinstein.
Ein Lichtblick für die Gläubigen
Für die Menschen auf dem Petersplatz heißt es nun endgültig Abschied nehmen. Abschied von einem Papst der Widersprüche. Von einem Pontifex zwischen den Fronten. Vor allem aber von einem Mann, zu dessen Priesterweihe die Tageszeitung „Il cittadino di Brescia“ schrieb: „Mit vielen Hoffnungen begrüßen wir heute vierzehn neue Priester aus Brescia. Mögen sie nach so viel Hass, Unglück und Tränen ein Lichtblick für uns alle sein.“
Ein Lichtblick, der an diesem Samstag zum letzten Mal von seinen Mitmenschen gesehen wird.
Simon Biallowons