Wundergläubigkeit oder Spinnerei?
„Heute nennt mich unser Neurologe einen Spinner“, sagt Wilfried Breer, weil er so fest am Leben seines Sohnes hält und nichts unversucht lässt. Chinesische Medizin, Musiktherapie und teuere tiergestützte Maßnahmen mit Hunden oder Delphinen – keine Therapie ließ der Vater aus. Seit fünf Jahren fährt er Michael zur Hippotherapie. Bei dieser „Krankengymnastik auf dem Pferd“ sitzt er Woche für Woche ohne Sattel auf dem Rücken eines Therapiepferds. Anfangs musste seine Physiotherapeutin den 1,90 Meter großen und 85 Kilogramm schweren Reiter noch gut festhalten. Heute reitet der 41-Jährige beinahe selbstständig und sicher – meistens nur von einem Finger der Therapeutin gestützt. In dieser Zeit lernte Michael Breer das Gefühl der längst vergangenen Mobilität erspüren und wieder stehen. Außerdem wird er heute oral ernährt und braucht keine Magensonde mehr.
Was sich Familie Breer und Ärzte nicht erklären können, bleibt im Unfassbaren. Ein persönliches Wunder. Auch wenn man es nicht immer beim Namen nennt. Zu inflationär sei diese Bezeichnung, sagt Wilfried Breer.
Was ist eigentlich ein Wunder?
Tatsächlich steht der Begriff „Wunder“ für viele unterschiedliche Bedeutungen: Für außergewöhnliche Leistungen stehen zum Beispiel „Die sieben Weltwunder“ oder „Das Wunder von Bern“. Wenn eine Katastrophe eine glückliche Wendung nimmt, bekommt das Ereignis schnell das Wunder-Etikett: Beim „Wunder vom Hudson“ hatte ein Pilot im Januar mit einer Notlandung auf dem Hudson River 155 Menschen das Leben gerettet. Beeindruckende Tatsachen aus der Welt der Biologie, Medizin und Technik werden ebenso unter diesem Begriff verstanden wie die kleinen Wunder im Alltag, die persönlich beeindrucken.
Für Irma Kiefel war das Treffen mit ihrem tot geglaubten Bruder das größte Wunder. Die Geschwister sind in einem ukrainischen Dorf am Schwarzen Meer aufgewachsen und wurden während der Wirren des Zweiten Weltkrieges getrennt. Lange ohne Lebenszeichen voneinander kamen beide gegen Ende des Krieges nach Frankfurt an der Oder. „Zwischen Soldaten und Arbeitern habe ich meinen Bruder an der Stimme erkannt“, sagt die 75-Jährige, die heute im Westerwald lebt. Seitdem habe ihr Herz niemals höher geschlagen.
Zeichen Gottes
Die Wunder geschehen nicht alltäglich. Im Gegenteil: Das Außergewöhnliche ist ihr Kennzeichen. Sie durchbrechen das Normale, Gewohnte, Erwartete. In dieser Weise erzählen auch die biblischen Wundergeschichten von außergewöhnlichen Erfahrungen, die Menschen gemacht haben und in denen sie Zeichen für Gottes Wirken sahen. Die Bibel ist voll von Wundern des Glaubens: Jesus wandelt Wasser in Wein, stillt den Sturm, geht über den See Genezareth. Blinde können plötzlich wieder sehen, und Tote werden wieder lebendig.
Die Spur der biblischen Wunder zieht sich bis in die heutige Zeit. Auf Fürsprache eines Seligen oder Heiligen werden Menschen von ihren schweren Krankheiten geheilt: Komapatienten erwachen, nicht heilbare Multiple Sklerosen und Krebs verschwinden von einem Moment auf den anderen, Tuberkulosekranke werden gesund und Blutungen gestoppt.
Heute geschehen Wunder nicht nur im Verborgenen oder an entlegenen Orten. Vor allem an jenen Orten, an denen beeindruckende Persönlichkeiten gewirkt haben oder wo Maria erschienen ist, wird von Wundern berichtet. Zu den bekanntesten katholischen Wallfahrtsorten gehört Lourdes. In dem südfranzösischen Städtchen soll 1858 dem damals 14-jährigen Hirtenmädchen Bernadette Soubirous 18 Mal Maria erschienen sein. Seitdem reisen Jahr für Jahr mehrere Millionen Pilger, darunter zahlreiche Kranke und Behinderte, nach Lourdes. 30.000 Heilungen soll es bislang gegeben haben; 6000 sind dokumentiert, 2000 gelten als „medizinisch unerklärlich“.
Ohne Wunder auf unerklärliche Weise geheilt?
Doch nur ein Bruchteil von unerklärlich anmutenden Heilungen wird kirchlich anerkannt. Es klingt unglaublich: Eine päpstliche Kongregation für Heiligen-angelegenheiten kontrolliert mit strengster Sorgfalt, ob der unerklärliche Gott in die Welt eingegriffen hat oder nicht. Vor allem in Lourdes sind die Bedingungen für Skeptiker ideal: Ein internationales Komitee von großteils nicht kirchlich gebundenen Medizinern prüft die Heilungen. So wurden bisher nur 67 Wunder in Lourdes kirchlich gebilligt. Das ist allerdings mehr als an irgendeinem anderen Ort der Welt.
Bevor die dicken Akten eines Kandidaten zu Prüfung nach Rom gehen, wird ein Verfahren im betroffenen Bistum eröffnet. So war das auch beim Seligsprechungsprozess für Pater Titus Horten. Der pflichterfüllte Dominikaner hat Schule, Internat und Verlag in Vechta aufgebaut und wurde in der Bevölkerung wie ein Heiliger verehrt. Als regimekritischer Geistlicher wurde er in einem Nazi-Schauprozess angeklagt. Er starb noch während seiner Haft 1936. Bereits 1948 eröffnete das Bistum Münster den Seligsprechungsprozess. Nach mehreren Vorprüfungen, die das tugendhafte Leben außer Frage stellten, erkannte der Vatikan im Jahr 2004 Pater Titus Horten den heroischen Tugendgrad zu. Die erste Voraussetzung für die Seligsprechung war somit erfüllt.
Aber eine herausragende christliche Lebensführung oder bewundernswerte kirchliche und soziale Leistungen allein sind noch kein hinreichender Grund, um die Einleitung eines Verfahrens zu rechtfertigen. Notwendig ist eine außerordentliche Gebetserhörung, ein Wunder also. Genau das haben die Dominikaner in mehreren versiegelten Kisten Rom vorgelegt. Medizinische und theologische Gutachten und Zeugenprotokolle sollten das Unerklärliche beweisen: Ein Mann fiel nach einem schweren Schlaganfall ins Koma und erwachte gesund, nachdem seine Angehörigen Titus Horten an dessen Grab um Fürsprache gebeten hatten.
Die Entscheidung fällt Rom
Rom hat sich bisher geweigert, das Wunder anzuerkennen. Der Vize-Postulator Ulrich Schulte, der das Seligsprechungsverfahren des Ordensbruders seit 1992 betreut, ist enttäuscht: „Nur drei Zeilen“ trafen dieses Frühjahr aus Rom ein. „Die Urteilsbegründung umfasst aber ein ganzes Buch“, sagt Schulte und hofft auf baldige Einsicht in das Urteil. „Vielleicht lag es an einem Übersetzungsfehler“, vermutet der 76-Jährige, der noch nicht ans Aufgeben denkt. Schließlich seien schon einige Wunder der Seliggesprochenen zunächst mehrmals abgelehnt worden.
Mit seinem Engagement für die Seligsprechung will Ulrich Schulte Pater Titus danken. „Er hat für uns Großartiges geleistet, und er hat es aus einer auch heute noch überzeugenden Frömmigkeit heraus getan.“ Davon erzählen ebenso die Menschen, die ihr Anliegen im dicken Fürbittbuch an Hortens Grab eintragen: In aller Stille stehen dort die Nöte der Angehörigen eines Krebskranken geschrieben oder auch die Sorgen eines verzweifelt Liebenden.
Menschen wollen immer mehr Wunder
„Die Menschen wollen Wunder“, sagt Volker Wiskamp. Der Chemiker unterrichtet an der Hochschule Darmstadt und ist überzeugt, dass Wunder eine immer stärkere Rolle spielen, je nüchterner und technisierter die Welt ist. „Alles Wissen und alle Vermehrung unseres Wissens endet nicht mit einem Schlusspunkt, sondern mit Fragezeichen“, fasst er seine längjährige Erfahrung als Chemie-Professor mit einem Zitat von Hermann Hesse zusammen. Dies sei einerseits frustrierend, andererseits faszinierend. Die Zweifel gehören zum Glauben dazu, und nicht immer ist der Wille Gottes für Menschen verständlich.
Dass man über das Experimentieren mit chemischen Wundern durchaus zu Gottesfragen gelangen kann, weiß Volker Wiskamp von seinen Workshops mit
Jugendlichen zu berichten. Gemeinsam verwandeln sie Licht in Wind, bringen Eisen zum Tanzen und züchten Blumen aus Salzen. Und sie erfahren, dass hinter den unsichtbaren Kräften nicht nur physikalische Gesetze stehen. Seine Schüler spüren die Kraft des Feuers oder der Liebe, können aber die Faszination der metaphysischen Kräfte nicht fachwissenschaftlich erklären. Gerade als Naturwissenschaftler begrüßt Wiskamp den Glauben an das Unerklärliche: „Die Wunder lassen uns staunen und uns dadurch nach neuen Antworten forschen.“ Wer forscht, erfährt Neues. Aber nicht alles. Selbstverständlich würden sich manche biblischen Wundergeschichten heute anders lesen. Doch Chemiker Wiskamp warnt: „Moderne Menschen neigen dazu, etwa das Laufen von Jesus über das Wasser mit Viskosität oder Oberflächenspannung des Wassers zu erklären.“ Doch verliefen derartige Erklärungsversuche höchst unbefriedigend, denn es stellten sich weitere Fragen.
Für Wissenschaftler sind Wunder unerklärbar
Für den Wissenschaftler bewege sich das Wunder auf einer anderen Ebene als Chemie und Physik. „Es hat einen symbolischen Charakter und ist nicht erklärbar.“ Für Wiskamp sind Wunder keine naturwissenschaftliche Abhandlung, sondern Poesie. Und diese erschließe sich letztlich nur dem, der bereit ist, eine übernatürliche Ursache zu akzeptieren. Erst der religiöse Zusammenhang lässt das unerklärliche Ereignis zu einem Wunder werden. „Wie unendlich groß und herrlich muss wohl die Kraft Gottes sein, wenn schon die Magnetkraft, die Kraft des Lichtes und des Feuers so beeindruckend sind.“
Julia Walker