am Mittwoch, 5. Oktober 2011
Nach dem Papstbesuch ist vor dem Papstbesuch!
Die sich der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda stellende Aufgabe ist nach dem Papstbesuch in Deutschland nicht einfacher geworden; zu enttäuschend verlief dieser Besuch, als dass er auf Seiten der Bischöfe ein Aufatmen hervorrufen könnte.
Die Bischöfe werden sich vor allem mit der Reformverweigerungsrede des Papstes in Freiburg zu befassen haben, in dessen Verlauf er u.a. auch für eine „Entweltlichung der Kirche“ plädierte. Benedikt forderte, dass die Kirche sich nie der Gegenwart anpassen dürfe, sondern müsse auf Distanz zur Gesellschaft gehen.
Die gesamten Hoffnungen und Erwartungen von Millionen Katholiken hat der Papst mit dieser seiner Rede wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lassen; denn der
Papst hatte es nicht nötig,
• auf das Memorandum von über 200 Theologen auch nur mit einem Wort einzugehen
• den wiederverheiratet Geschiedenen einen Strohhalm von Hoffnung hinsichtlich des gemeinsamen Abendmahles hinzuhalten. Dem Papst scheint jedes Gespür für die pastoralen Nöte vieler Menschen fremd zu sein; ich denke vor allem an die wiederverheiratet Geschiedenen und die konfessionsverbindenden Ehepaare. Wie sehr hätten Sie auf ein Wort der Hoffnung und Zuversicht gewartet, dass man im Vatikan zumindest bereit ist, über die Sorgen und Trauergefühle bezüglich einer vom Vatikan verwehrten Abendmahlsgemeinschaft auch nur nachzudenken.
• den Kirchen der Reformation auch nur in Ansätzen Kompromisslinien anzudeuten, um den ökumenischen Dialog auch mit diesen Kirchen voranzubringen; offensichtlich ist sein ganzes Augenmerk nur auf die orthodoxen Christen gerichtet. Dieser Auftritt hat den Papst in theologischer Hinsicht nichts gekostet; der Besuch diente ausschließlich dem Ziel, die laut gewordene Kritik hinsichtlich des Verhaltens Roms gegenüber den Kirchen der Reformation (Dominus Jesus) mit einem Sedativum zu beantworten. Mit Hilfe dieses den Vertretern der Kirchen der Reformation verabreichte Placebo-Medikament kann der Papst jetzt gegenüber seinen Kritikern in die Öffentlichkeit treten und verkünden, dass er doch „guten Willen“ bekundet hat und sich mit diesem Hinweis zugleich von jeder Schuld am Ökumene-Stillstand selbst exkulpieren. Das ist ein bemerkenswerter Schachzug!
• auf die dramatisch zurückgehenden Priesteramtskandidaten in Deutschland und Europa einzugehen und nach Möglichkeiten der Überwindung Ausschau zu halten (z.B. Weihe von viri probati, Abschaffung des Pflicht(!)zölibats)
• auf die pastoralen Nöte von Gemeindechristen (aber auch von kirchlichen Mitarbeitern) einzugehen vor dem Hintergrund der keine Seelsorge vor Ort mehr zulassenden Gemeindezusammenlegungen
• auch nur mit einem Wort auf die ca. 200.000 Kirchenaustritte in Deutschland im Jahre 2010 zu reagieren
• auch nur mit einem Wort das Communio-Prinzip des 2. Vatikanums zu bekräftigen und eine Ermunterung zum Dialog auszusprechen, der Verkrustungen, Gleichgültigkeiten und Ablehnungen mildern könnte; gefordert ist nur blinder Gehorsam dem Papst gegenüber. – Die Kirche ist eben nicht von dieser Welt, zumindest nicht in den Augen des Papstes. Die Kirche als „Mysterium Christi“ muss sich von allen weltlichen – sprich menschlichen – Einflüssen und Forderungen fernhalten. Das päpstliche Wort zählt – basta!
• auch nur mit einem Wort auf die fehlende Gleichberechtigung von Laien und Klerus einzugehen
• auch nur mit einem Wort auf die fehlende Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der kath. Kirche einzugehen
• auch nur mit einem Wort ein öffentliche Entschuldigung an die Missbrauchsopfer zu richten.
Das Einzige, was dieser Papst anzubieten hat, ist die Einforderung von Papsttreue, Glaubensfestigkeit, Gehorsam, Arkandisziplin, Unterwerfung, Kritikabstinenz. Damit verifiziert der Papst all das, was im Vorfeld befürchtet worden war. Diesem Papst wird es mit solchen Einstellungen und Forderungen nicht gelingen, der kath. Kirche in Europa neue Hoffnungen zu vermitteln mittels der Durchführung eines von Johannes XXIII. geforderten „aggiornamentos“ bzw. eines vom Konzil eingeforderten Kirchenverständnisses einer „ecclesia semper reformanda“.
Dieser Papst verordnet seiner Kirche eine Abschottung von dieser Welt (societas perfecta); die Katholiken sollen über das Mysterium Christi nachdenken und keine Anforderungen anmelden bezüglich eines menschenwürdigen, demokratisch geprägten Zusammenlebens von Klerus und Laien, von Männern und Frauen. Papst Benedikt hat kein Interesse daran, - wie Johannes XXIII. es formulierte – aus dem Mausoleum der kath. Kirche einen blühenden Garten zu machen. Dieser Papst negiert, dass Gott nicht nur vor 2000 Jahren zu den Menschen gesprochen hat, sondern dass er auch in der Gegenwart seine Botschaft in neuem Gewande an uns Menschen richtet.
Christliches Selbstverständnis und christlicher Glaube basieren nicht ausschließlich auf einem „regressiven Identitätsgedächtnis“ (Werbick). Kirche darf ihren „Honig“ nicht nur aus Vergangenheitserinnerungen saugen, sondern es gilt deutlich zu machen, dass Gott seine segnende und heilende Begegnung in jeder Gegenwart seinem Volk aufs Neue macht; Gott widerfährt seinem Volk immer wieder neu. Es muss also – wie der in El Salvador lebende Jesuit und Befreiungstheologe Jon Sobrino formuliert - immer wieder daran erinnert werden, dass „Gott ein ‚Heute’ hat, nicht nur ein bereits bekanntes und interpretiertes ‚Gestern’, weil er mit der Gegenwart seiner Schöpfung eine Absicht verbindet, nicht nur in der Vergangenheit.“
Es gilt, die normativen Zeugnisse der Selbstoffenbarung Gottes so auszulegen, dass diese auch im Hier und Heute zum Glaube finden und die Veränderung des Lebens und der Welt auf Gottes Herrschaft hin inspirieren können. Im Heute muss es gelingen, das damals im Geiste Gottes Gesagte und Gehandelte im Kontext des Selbst-, Welt- und Gottesverständnisses inspirierend und beziehungsreich neu zur Sprache zu bringen.
Sich Gottes Heute und Morgen zu stellen, macht es erforderlich, Überliefertes, Vertrautes und Gelerntes auch hinter sich lassen zu müssen, ohne jedoch die Erinnerung in Vergessenheit geraten zu lassen, in der Kirche sich ihrer Identität und Sendung immer wieder aufs Neue bewusst macht und machen muss.
Johannes XXIII. wusste, dass viel Altgewohntes auf der Strecke bleiben würde; dennoch war er beseelt von der Erkenntnis, dass die Fenster der Kirche weit geöffnet werden sollten, um den Startschuss für eine Runderneuerung der Kirche zu geben; oder, um es mit den Worten des Konzils zu sagen, die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda“ zu verstehen.
Papst und Bischöfe haben offensichtlich so große Ängste vor jeglicher Art von Reformen und Veränderungen, dass sie in ihrem Schiff auf offener See (genau wie die Jünger Jesu) der Zusage Jesu kein Vertrauen mehr schenken und in Verzagtheit und Kleingläubigkeit verfallen: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40) Jesus und mit ihm die Laien werden sagen: „Duc in altum!“ – „Fahre hinaus auf die See!“
Die Referenzgröße für die alternativlosen Reformen ist der Dienstprimat der Kirche. Deshalb sehe ich im Konzilspapier „Gaudium et spes“ ein Dokument, dessen Inhalt von allen Vertretern der Amtskirche – aber auch von jedem nicht zu einem besonderen Amt bestimmten Christen – immer und immer wieder als Leitplanke und Richtschnur für konkretes Handeln im Alltag verstanden werden sollte:
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ (GS 1)
Wenn die Reformen den Satz 1 von Gaudium et spes als Leitplanke berücksichtigen, befindet sich die Kirche wieder im jesuanischen Fahrwasser – endlich! : Was kann ihr Besseres passieren?
Paul Haverkamp, Lingen

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