Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Das himmelschreiende Unrecht

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Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
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Standpunkt: Todesstrafe

Das himmelschreiende Unrecht

Die Hinrichtung des Afroamerikaners Troy Davis steht nicht nur am Ende eines der umstrittensten Fälle der US-Justizgeschichte. Sie wirft ein grelles Licht auf den alarmierenden Zustand des Landes

Zahlreiche Menschen demonstrierten erfolglos für eine Verschonung von Troy Davis (Foto: dpa)
Zahlreiche Menschen demonstrierten erfolglos für eine Verschonung von Troy Davis (Foto: dpa)

Am 21. September um 23.08 Uhr Ortszeit starb der Afroamerikaner Troy Davis im Staatsgefängnis Butts County im US-Bundesstaat Georgia – hingerichtet durch die tödliche Injektion mit einer Giftspritze. 20 Jahre zuvor wurde er für den Mord an einem Polizisten zum Tode verurteilt, 20 Jahre saß er in der Todeszelle, dreimal wurde die Hinrichtung angesetzt und wieder aufgehoben, und vermutlich war Troy Davis unschuldig.

1232 Menschen sind in den USA nach Wiedereinführung der Todesstrafe vor 35 Jahren hingerichtet worden, und selten war eine Exekution so umstritten wie im Fall von Troy Davis. Sieben von neun Zeugen der Anklage haben in den letzten 20 Jahren ihre Aussagen zurückgezogen oder widerrufen, die Beweislage war dürftig. In dubio pro reo – besteht nur der geringste Zweifel an der Schuld eines Angeklagten, muss er bei uns freigesprochen werden.

In den USA ist Troy Davis getötet worden. So weit der rechtsstaatliche Skandal. Nicht nur als Christ, sondern als zivilisiertem Menschen treibt einem die erschütternde Geschichte von Troy Davis – wie die Praxis der Todesstrafe überhaupt – Tränen in den Augen. Die Vereinigten Staaten, die sich selbst gerne als führendes Land der freien Welt bezeichnen, als „God‘s own country“ und die von einem Friedensnobelpreisträger regiert werden, liefern erneut den bestürzenden Beweis einer archaischen und rachsüchtigen Gesamtverfassung. Rache und Vergeltung sind die Triebfedern eines Volkes, das über den alttestamentarischen Gedanken „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ noch immer nicht hinausgekommen zu sein scheint und die Todesstrafe nach wie vor als angemessene Ahndung von Schwerverbrechen ansieht.

Es zeugt von einem alarmierenden Zustand einer zivilisierten Gesellschaft, dass der Präsident sich im Fall Troy Davis weigerte zu intervenieren, in letzter Minute die obersten Richter des Landes einen Funken Hoffnung weckten, um die Hinrichtung dann doch zu genehmigen, und auch ein Gnadenappell des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der Europäischen Union und des Papstes verpufften. Einen Tag nach der Hinrichtung von Troy Davis, diesem himmelschreienden Unrecht, das ihm angetan wurde, redete Benedikt XVI. den Politikern im Deutschen Bundestag ins Gewissen: „Dem Recht zu dienen und dem Unrecht zu wehren, ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers.“

Und es ist eben nicht die Rache, die Gott uns überliefert hat, sondern dies: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden.“ Es sind Worte einer Rede, die man auch in den Vereinigten Staaten gründlich studieren sollte.

André Lorenz




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