„Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen“, so begann Benedikt XVI. seine Ansprache in dem Parlament seines deutschen Vaterlandes. Wohl wissend, dass einige der Mandatsträger der Rede ferngeblieben waren. Sie haben, so sie nicht heimlich in ihren Abgeordnetenbüros zugesehen haben, eine inhaltliche Sternstunde verpasst.
Die Frage nach den Grundlagen von Recht und Ethos beschäftigte den Heiligen Vater. Er zitierte eine Bitte, die der König Salomon an Gott vor seiner Thronbesteigung richtete. Ihm sei es dabei nicht um Erfolg, Reichtum oder die Vernichtung seiner Feinde gegangen. Er habe vielmehr gebeten: "Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht."
Hierauf müsse es auch für einen Politiker ankommen: „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen.“ Der politische Erfolg sei dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. "Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande", habe der heilige Augustinus einmal gesagt.
Benedikt XVI. erinnerte an die Geschichte der Deutschen: “Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde.“ Dem Recht zu dienen sich gegen die Herrschaft des Unrechts zu wehren sei und bleibe die grundlegende Aufgabe des Politikers.
In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.
„Wie erkennt man, was Recht ist?“ Diese Frage stellte Papst Benedikt den Volksvertretern. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen habe das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. „Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft.“
Der Heilige Vater bezog sich auf die rechtsphilosophische Entwicklung seit dem 2. Jahrhundert vor Christi durch die Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität sei es entscheidend gewesen, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt habe.
„Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen“, machte der Papst deutlich. „Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt.“ Dies sei eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, „zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.“
„Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten?“, fragte der Papst. Er führte als Beispiel aus der jüngeren Geschichte den Aufstieg der ökologischen Bewegung an. Sie habe seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, sei aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen, „den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben“.
„Materie ist nicht nur Material für unser Machen, die Erde selbst trägt ihre Würde in sich“, machte der Papst deutlich. „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“ In diesem Zusammenhang betointe Benedikt XVI. aber auch die „Ökologie des Menschen“. Auch er habe eine Natur, „die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“. Der Mensch mache sich nicht selbst. „Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“
Der Papst berief sich auf das kulturelle Erbe Europas. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her seien die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. „Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden“, erläuterte Benedikt XVI.
„Auch heute könnten wir – wie König Salomon - letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden“, endete die beindruckende Ansprache des Heiligen Vaters.