Babak Rafati stand schon immer im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Er war als Schiedsrichter nicht unumstritten. Er stand in der Kritik. Rafati hat sich aber mit dem Schiedsrichterwesen auch ein Hobby ausgesucht, bei dem man nie everybodys Darling sein wird. Entweder werden die einen jubeln und die anderen dich verfluchen, oder es wird umgekehrt sein.
Enthüllungsgesellschaft
Das Beispiel Rafati zeigt aber auch, dass in unserer facebook- und Enthüllungsgesellschaft der Mensch als Person nicht mehr zu existieren scheint. Er ist – je öffentlicher er wird - ein Spielball unserer Mediengesellschaft. Verwundert es uns dann noch, dass ein großes Fußballmagazin jährlich den schlechtesten Schiedsrichter von den Bundesligaprofis küren lässt? Würden wir das wollen – mit unseren Schwächen, mit unserem Scheitern, vielleicht mit unserem Versagen privat oder im Beruf öffentlich gemacht zu werden. Ich glaube niemand von uns sehnt sich in mittelalterliche Zeiten zurück, als Menschen noch öffentlich an den Pranger gestellt wurden. Ich möchte nicht, dass sich die Medien als Pranger unserer modernen Zeit verstehen, dass öffentliche Hinrichtungen ohne Guillotine aber mit ähnlichen Auswirkungen in Zeitungen, Zeitschriften oder im Internet passieren.
Dem Menschen Raum geben
Bei bestimmten Themen sollten auch wir Journalisten uns Zurückhaltung auferlegen. Dem Menschsein Raum geben, den Menschen als Menschen sehen und es bei dem Blick auf diesen Menschen belassen. Immer dann, wenn das höchstpersönliche Lebensumfeld eines Menschen betroffen ist, ist es nicht zuerst eine Meldung für die Öffentlichkeit.
Klicken Sie das Bild für die Galerie "Betende Fußballer" >>>
Abenteuerliche Spekulationen
Die Spekulationen, die in den ersten Stunden nach dem Selbsttötungsversuch von Babak Rafati ins Kraut schossen, waren abenteuerlich. Jeder schien auf einmal zu wissen, warum diesen Menschen so tiefe Verzweiflung gepackt hatte, dass er dieses Leben für sich nicht mehr wollte. Richtig, dass DFL und DFB in dieser Situation das Spiel in Köln absagten. Aber warum muss Theo Zwanziger gleich wieder auf ein Podest klettern und Betroffenheit öffentlich vom Stapel lassen. Angereichert mit wilden Spekulationen über den Druck, dem Schiedsrichter ausgesetzt seien. Und warum muss dieser Theo Zwanziger dann, wie ein Polizeipressesprecher es bei so einem höchstpersönlichen Vorfall nicht tun würde, ausplaudern, wie viel Blut in der Badewanne war.
Die Situation um Babak Rafati, dessen Genesung unsere Gebete gelten sollten, bietet keinen Anlass für öffentliche Spekulationen und für mediale Selbstdarstellung, egal auf welcher Seite. (hei)