Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Kirche für Kleine und Schwache

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Kirche und Krise

Kirche für kleine und schwache

Die Krise der katholischen Kirche und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals sind noch nicht zu Ende. Das meint auch der Münchener Erzbischof Kardinal Reinhard Marx.

Münchens Erzbischof Kardinal Reinhard Marx äußerte sich erneut zur Krise der Kirche nach den Mißbrauchsfällen (Foto: dpa)
Münchens Erzbischof Kardinal Reinhard Marx äußerte sich erneut zur Krise der Kirche nach den Mißbrauchsfällen (Foto: dpa).

Beim internationalen Kongress „Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom zog Marx am Donnerstag sein Fazit zu der Glaubwürdigkeitskrise, in die die Kirche durch das Bekannwerdenb der Missbrauchsfälle geraten sei. „Es geht darum, den geistlichen Lernprozess fortzusetzen und eine neue Aufmerksamkeit zu bekommen für den eigentlichen Auftrag der Kirche und für die vom Evangelium her vorgegebene Art und Weise ihres Zeugnisses“, stellte Marx fest. Die Krise müsse als Chance für eine geistliche Erneuerung begriffen werden.

Menschen Mut machen

Die Kirche müsse Menschen aufzurichten und ihnen Mut machen. „Es muss neu sichtbar werden, dass die Kirche für die Menschen da ist und besonders für die Kleinen, die Armen und die Schwachen.“ Gerade im Blick auf die Missbrauchsdebatte müsse ein Schwerpunkt in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegen, verlangte der Kardinal. Wenn die Kirche gerade jetzt ihre Aufgabe neu annehme, Zeichen und Sakrament der Liebe Gottes zu sein und den Schutz und die Förderung des Lebens der Kinder in den Mittelpunkt ihres Wirkens stelle, dann sei das ein entscheidender Beitrag für einen Neuaufbruch der Kirche. Mit Blick auf die sexualisierte Gewalt habe die Prävention eine besonders hohe Priorität, damit Kirche ein Ort sein könne, wo Kinder und Jugendliche wirklich sicher seien.

Schein und Sein


„Das, was in der Kirche äußerlich sichtbar wird, muss dem inneren Leben entsprechen, Sein und Schein dürfen nicht auseinander fallen und die Kirche zu einem verfälschten Zeugnis verleiten“, forderte der Erzbischof. Es gehe dabei um eine geistliche Erneuerung, wie sie auch Papst Benedikt XVI. gefordert habe. „Im Mittelpunkt steht ob die Kirche ihren Auftrag erfüllt, den Menschen den Weg zu zeigen in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott.“

Auftrag der Kirche


In den letzten Jahrzehnten sei der Versuch unternommen worden, einer schrecklichen Wahrheit auszuweichen und sie nicht in ihrer ganzen Bitterkeit zu sehen. Dazu habe auch eine verharmlosende und die Tatsachen verwischende Sprache beigetragen. „Es ist festzuhalten, dass die Opfer und ihre Perspektive und ihr Leiden systematisch ausgeblendet waren. Das Schuldbewusstsein in diesem Punkt war offensichtlich weitgehend nicht da“, betonte Marx.

Keine Medienschelte


Der Bischof lehnt in dieser Debatte auch eine Medienschelte und den Vorwurf des Kampagnenjournalismus ab. Kampagnen der Medien könnten nur dann zum Ziel führen, wenn in den Vorwürfen etwas an Wahrheit zu finden sei. „Hier ist man als Bischof gefordert, sich den Medien und der Öffentlichkeit zu stellen. Abschottung, Verharmlosung und Relativierung führen nicht zum Ziel, neue Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Deshalb gibt es keine Alternative zu Offenheit, Transparenz und Wahrhaftigkeit.“




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Die Kommentare der Liborius-User:


von Paul Haverkamp

am Freitag, 10. Februar 2012

Hermetische Systeme begünstigen Gewalt und neigen zur Selbstzerstörung.


Der Paderborner Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann stellt fest : Kein anderer Berufsstand sei so anfällig für sexuellen Missbrauch wie der katholische Klerus. Denn kein anderer mache sexuelle Unerfahrenheit und Triebunterdrückung zur Bedingung. Ängste, Schuldgefühle oder innere Blockaden würden von jungen Priesteramtskandidaten interpretiert als eine besondere Erwählung durch Gott. Amerikanischen Studien zufolge sollen etwa 20 bis 30 Prozent der Priester homosexuell sein.

So hat die katholische Kirche in Irland in den letzten Wochen neue Berichte zum Missbrauch von Kindern durch Priester in der Zeit zwischen 1975 und 2010 vorgelegt. Nach Angaben der Regierung sind darin 160 Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch 85 Priester in sechs Diözesen aufgelistet. Nur wenige davon hätten Verurteilungen nach sich gezogen, sagte die irische Kinderministerin Frances Fitzgerald.

Allein in der Diözese Raphoe im Nordwesten des Landes zählte die Polizei zwischen 1975 und August 2010 insgesamt 52 Fälle von Kindesmissbrauch durch 14 Priester. "Brutale Taten wurden von Priestern begangen, die sich niemals hätten ereignen dürfen und die aufs Schärfste hätten geahndet werden müssen", sagte der Bischof von Raphoe, Philip Boyce.

Die Autoren des Berichts werfen den Bischöfen der Diözese "schwere Fehlurteile" vor. Sie hätten zu sehr auf die Lage der Priester geachtet und zu wenig auf die Bedürfnisse der Betroffenen.

Strukturelle Gewalt, körperlicher und seelischer Missbrauch sind Phänomene geschlossener Systeme.

Kirchliche Erziehungsinstitutionen sind immer auch Subsysteme des geschlossenen Systems Kirche, was das Risiko gewissermaßen potenziert. Nicht selten waren die Priesterzöglinge, die später Erzieher in katholischen Internaten wurden, selbst schon Opfer der strukturellen Gewalt geschlossener Erziehungsanstalten. Und auch wenn zölibatär lebende Menschen nicht automatisch zu Missbrauchszombies werden müssen: Man wird nicht behaupten können, dass die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester und die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen gar nichts miteinander zu tun hätten. Katholische Priester haben, wenn man so will, ein doppeltes Problem:

Erstens müssen sie, um den Gesetzen ihrer Kirche zu entsprechen, ein sexuell enthaltsames Leben führen.

Zweitens müssen sie es schaffen, trotz der verordneten Verdrängung des Sexuellen gesunde Menschen zu bleiben.

Man wird nicht sagen können, dass das prinzipiell unmöglich sei. Aber es wird wohl auch niemand – außer den kirchlichen Verantwortlichen – so naiv sein zu glauben, dass das eine Übung ist, die mehrheitlich gelingen kann. Wo Sexualität so sehr dämonisiert wird wie in der katholischen Kirche, kann sie wohl nicht anders, als zum Dämon zu werden. Für viele Priester bedeutet das, früher oder später vor die Wahl gestellt zu sein: wortbrüchig oder krank? Viele werden wortbrüchig, viele werden krank. Unter den Kranken wird die Zahl der potenziellen Täter besonders groß sein.

Der Schlüssel zum Verständnis des – kirchlichen und außerkirchlichen – Missbrauchs ist zugleich der Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Großkrise der katholischen Kirche: Es ist die Rede vom „geschlossenen System“. Die Führung der katholischen Kirche ist nicht mehr dazu in der Lage, die zeitgenössische Gesellschaft zu verstehen und mit ihr zu kommunizieren. Eine Institution, die nicht willens oder in der Lage ist, allgemein anerkannten ethischen Standards – von der Gleichberechtigung der Frau bis zur Respektierung des individuellen Gewissens – gerecht zu werden, stellt sich in der öffentlichen Wahrnehmung auf eine Stufe mit Staaten wie China. Eine Institution, die moralische Ansprüche, die sie mitunter gnadenlos gegenüber anderen erhebt, selbst nicht einlösen kann, ist unter zeitgenössischen Bedingungen nicht überlebensfähig.

Viele kirchliche Stellungnahmen zu den Missbrauchsfällen lassen einen Lernprozess erkennen: Man hat begriffen, dass Vertuschung in Zeiten totaler Transparenz keine Lösung mehr ist. An der Grundüberzeugung, dass die Kirche als geschlossenes System mit eigenen Regeln und – doppelten – Standards zu führen sei, hat sich nichts geändert. Die Kirche wird immer stärker zu einem hermetischen System. Hermetische Systeme aber begünstigen Gewalt und neigen zur Selbstzerstörung.

Paul Haverkamp, Lingen

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von Agnes Tappe

am Freitag, 10. Februar 2012

Ich bekomme jedesmal eine Gänsehaut, wenn ich etwas zu diesem Thema lese. Leider kenne ich tief
zerstörte Menschen, denen Missbrauch widerfahren ist, und ich weiß, dass nicht einmal eine heutige (zu späte) Entschuldigung der Kirche an den Opfern und
deren kindlichen Ego etwas ändern würde, aber es könnte die Enttäuschung und Bitterkeit ihres erwachsenen Egos etwas abmildern und Hilfe durch Therapie erst möglich machen. Hierfür aber sind wirkliche Summen der Wiedergutmachung vonnöten, und nicht lachhafte Almosen. Die Kirche hat sich mit
Schuld beladen, die Kinder waren die Opfer. Niemals
aus dem Blick lassen, bitte!!!

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