Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Menschen sind auf der Suche

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Glaube und Orientierung

Menschen sind auf der Suche

„Die Kirchen sollen Zuhörer und nicht Besserwisser sein.“ Dazu rief der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, in Trier auf.

Gegenstand der Verehrung in Trier: Der Heilige Rock, die Tunika Christi (Foto: dpa).
Gegenstand der Verehrung in Trier: Der Heilige Rock, die Tunika Christi (Foto: dpa).

Anlass war das Internationale Ökumenische Forum, das zum Vorbereitungsprogramm der Heilig-Rock-Wallfahrt gehört, die vom 13. April bis 13. Mai 2012 in Trier begangen wird. In diesem Jahr aus besonderem Anlass. Zum 500. Mal jährt sich das Wallfahrtsereignis, das  fünf Jahre vor der Reformation, im Jahre 1512 erstmalig stattfand.

Tunika Christi


In diesem Jahr wurde der Heilige Rock, bei dem es sich um die Tunika Christi handeln soll, auf Drängen Kaiser Maximilians I. (1459-1519) aus dem Hochaltar des Doms entnommen. Hier war sie zuvor für Jahrhunderte unsichtbar für die Menschen geblieben. Bischof und Domkapitel zeigten sich von der Aktion des Kaisers damals wenig begeistert. Doch den Menschen dieser Zeit war es wichtig, die »Heiltümer« sehen, die an das Leben Jesu Christi, sein Menschsein und sein Leiden und Sterben zu unserem Heil erinnern. So erstritt letztlich das Volk nach dem Vorstoß des Kaisers die erste Wallfahrt.

Sinn und Orientierung


Zur spirituellen und inhaltlichen Vorbereitung auf die Wallfahrt gehörte auch das Internationale Ökumenische Forum. Der ZDK Präsident Alois Glück nahm dies zum Anlass, darauf aufmerksam zu machen, dass so viele Menschen wie nie zu vor auf der Suche nach Sinn und Orientierung für ihr Leben seien. Allerdings vermute die große Mehrheit das, was sie suchten nicht in den christlichen Kirchen.

Wahrnehmung von Botschaften


Eine inhaltliche Botschaft sei, so Glück, allerdings immer mit dem Aussender stark verbunden. So würde man bei unterschiedlichen Institutionen oft gleiche Botshaften unterschiedlich wahrnehmen. „Deswegen ist für die Frage, wie Menschen Zugang zur Botschaft des Glaubens und den Zugang zu Christus finden, abhängig davon, wie sie uns persönlich und wie sie unsere Kirche erleben, als eine Kirche mit dem Anspruch auf Regulierung des Lebens mit einem Normensystem und einem Machtanspruch oder als eine Kirche, die dem Menschen dient, deren Repräsentanten zuhören und aufnehmen können.“

Nicht abgrenzen


Die Vielfalt der Formen der Frömmigkeit, der Lebenswege, der Gotteserfahrungen im Christentum seien im Hinblick auf Ökumene wichtiger als alle Ängste um die eigene Identität. „Wo Identitätskrisen und Identitätsfindungen im Vordergrund stehen, steht eben immer auch die Abgrenzung im Vordergrund!“

Christus als gemeinsame Basis


Die Kirchen seien gefordert, Christus als die gemeinsame Grundlage auch gemeinsam wieder stärker sichtbar werden zu lassen, betonte Glück. „Das muss uns mehr beschäftigen und motivieren als das Trennende!“ Hier gebe es zu viel lähmende Angst – gerade auch bei vielen Amtsträgern.




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Die Kommentare der Liborius-User:


von Paul Haverkamp, Lingen

am Montag, 6. Februar 2012

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, hat die Kirchen dazu aufgerufen, nicht die Rolle der Belehrenden und der Besserwissenden einzunehmen, sondern die der Zuhörer.

Wörtlich heißt es im obigen Artikel:

„Die Kirchen seien gefordert, Christus als die gemeinsame Grundlage auch gemeinsam wieder stärker sichtbar werden zu lassen, betonte Glück. „Das muss uns mehr beschäftigen und motivieren als das Trennende!“ Hier gebe es zu viel lähmende Angst – gerade auch bei vielen Amtsträgern.“

Eine Kernaufgabe des Priesters / eines jeden Christen besteht darin, Menschen den Weg in die Reich-Gottes-Botschaft zu bahnen, sie auf diesem Weg väterlich/mütterlich zu begleiten, sie zu trösten, sie an die Hand zu nehmen, sie zu umarmen – eben genau das zu machen, was Jesus in seiner Zeit als Wandercharismatiker auch gemacht hat. Menschendienst ist Gottesdienst und Gottesdienst ist Menschendienst.

Deshalb ist auch für mich der erste Satz aus dem Konzilspapier „Gaudium es spes“ die Referenzgröße alles Christlichen:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ (GS 1)

Zwei Zitate zur Untermauerung:

• „Mich stört viel mehr, dass die Kirche nicht stärker Partei ergreift für die Ausgestoßenen, die Ausländer, die Hilflosen. Gott steht immer auf der Seite der Verlierer. Wenn die Kirche die Entscheidung für die Armen an die erste Stelle setzt, werden auch die Bischöfe davon verwandelt…“ (Bischof Gaillot)

• Ähnlich wie Gaillot hat es Dietrich Bonhoeffer in seinen Aufzeichnungen aus der Haft formuliert; die evangelische Kirche möge eine Erneuerung aus dem Geist des Dienens anstreben: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Jürgen Werbick gibt zu Protokoll:

"Die Diakonie ist Prüfstein für den Mut der Kirche, von sich selbst abzusehen, sich als eine Kommunikationsgemeinschaft zu verstehen, der es in ihren kommunikativen Grundvollzügen nicht um sich selbst, sondern um jene größere Wirklichkeit geht, die sie darstellen und auf die hin sie die Menschen ermutigen darf: Gottes heilende Herrschaft. …

Für die Glaubwürdigkeit der Kirche, dafür also, dass sie mit ihren kommunikativen Initiativen intentionsgemäß verstanden werden kann, hängt Entscheidendes davon ab, ob die Kirche und die Gemeinden insgesamt den Mut zu ekklesialer Selbstlosigkeit aufbringen; ob insbesondere die kirchlichen Amtsträger und Amtsträgerinnen ihre kircheninteressenfixierte Binnenperspektive soweit öffnen können, dass sie als Anwalt derer wahrgenommen werden, für die Gottes Herrschaft – auch wenn sie sie dem Namen nach nicht kennen – noch eine Verheißung ist, als Anwalt derer, die in den Seligpreisungen als bevorzugte Empfänger göttlichen Heils genannt werden….Diakonie liebt in der Diakonie Christi, die schon für das Neue Testament der Inbegriff und die Unwirklichkeit des Christus-Sakramentes war…

Das macht ihre kirchliche Identität aus…Kirchliche Identität entäußert und realisiert sich in Diakonie. Diakonie aber hat ihr Eigenstes in dem, woraus, woraufhin und wofür Kirche lebt und was sie prophetisch zur Sprache bringt, damit den Menschen geholfen ist – was deshalb die kirchliche Identität ausmacht….

Das Zeugnis für Gottes zutiefst und unabsehbar hilfreiches, das Menschenleben erfüllende Gottsein und die liturgische Feier, die dafür dankt, dass Gott das Menschsein so befreiend erfüllt – im Gottmenschen Jesus Christus, aber auch in den Menschen, die ihm nachfolgen -, ist ihr ‚Kerngeschäft’, ist ihr Ein und Alles. Es macht die die Identität von Kirche unverwechselbar aus – und die Identität jeder einzelnen Gemeinde und den Dienst der priesterlichen Amtsträger an den Gemeinden. Daneben gibt es nichts, was ein selbständige und nicht diesem identitätsverbürgenden ‚Kerngeschäft’ her abgeleitete Bedeutung hätte.“
Der französische Theologe Yves Congar nennt die Kleriker „Diener“. Diener derer, denen sie dienen, den Gläubigen. Diese sind dann Herren und nicht Ausführer von Gehorsam und Befehl: „Es ist wahr“ schreibt er in seinem Buch „Für eine dienende und arme Kirche“, „dass die Gläubigen unsere Herren sind, weil wir ihre Diener sind: Unser Bemühen muss auf das gerichtet sein, was für sie gut ist. Dies zu wissen, nicht nur mit dem bloßen Verstand, sondern auch mit dem Herzen und Gewissen, war uns ist bei denen, die in der Kirche und in der Welt eine Führungsstellung innehaben, der Urbegriff wahrer evangelischer Heiligkeit. Im Christentum wird der Geist der Bergpredigt zum Maß aller Dinge.“
Wo immer die Kirche herrscht, wie die Welt herrscht, dort zeige sie schmerzlich, so Congar, wie unvollendet die Kirche noch ist: „Es gibt noch Sakramente, steinerne Riten, Vollmachten, ein zwingendes Gesetz und so weiter, aber all das ist zweitrangig und untergeordnet im Verhältnis zur Hauptsache: den Menschen und der Gnade des Heiligen Geistes in ihnen. Der entscheidende Wert dessen, was in der Kirche existiert, liegt … in den lebendigen Menschen, die seit Christus und im Hinblick auf seine Fülle den Leib Christi oder den Tempel Gottes durch den Glauben und die Liebe aufbauen.“
Solange das Ringen um Macht und Herrschaft wichtiger ist als das Dienen , solange die „Verweigerung von Verzeihung und Versöhnung“ in den vatikanischen Machtzirkeln einen größeren Stellenwert als die Vergebungsbereitschaft einnimmt, solange der Papst sein Amt nicht als pontifex maximus (also als oberster Brückenbauer) versteht, solange wird diese katholische Kirche einen derartig großen Mitgliederschwund hinnehmen müssen und treibt zugleich Verrat gegenüber der Aufforderung, die Jesus an seine Jünger richtete:

„Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mt 10, 42-45)


Paul Haverkamp, Lingen


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