am Dienstag, 18. Oktober 2011
Viele Bischöfe und Kleriker (auch auf unterer Ebene) empfinden Forderungen nach Reformen als Geschwätz und Häresie. Sie sehen die Bewahrung des status quo, der in ihren Augen einen göttlichen Ursprung hat, als einzigen Weg zur Bewahrung der katholischen Kirche, die sie zu lenken und zu leiten als originäre von Gott übertragene Aufgabe ansehen und eine Mitsprache von Laien ( von einem Mitregieren ganz zu schweigen) nur als blasphemische Anmaßung diskreditieren.
Ein jüngstes Beispiel für die Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Dialogangeboten liefert die Reaktion von Herrn Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, auf das von mittlerweile mehr als 250 Theologieprofessoren unterzeichnete Memorandum. Wenn Langendörfer dieses Memorandum als „Mängelliste“ diskreditiert und nicht bereit ist, seinen Beitrag zu leisten, um mit Nachdruck dem seit vielen Jahrzehnten überfälligen Reformstau endlich Platz zu verschaffen, dem kann man nur bescheinigen, die „Zeichen der Zeit“ (Johannes XXIII.) nicht verstanden zu haben.
Sollte Langendörfer tatsächlich mit seiner unglaublich diskreditierenden Entgleisung bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung des Theologenmemorandums die Mehrheitsmeinung der Bischöfe widerspiegeln, so muss man dem Bischofssekretär eine klerikal-episkopale Hyperthrophie seiner ekklesiologischen Vorstellungen gegenüber den Theologen attestieren und den Bischöfen bezüglich ihrer beabsichtigten Dialogoffensive für die Jahre 2012-14 eine veritable Realitätswahrnehmungsstörung vor dem Hintergrund ihrer vorgeschlagenen Themenfelder:
Nach Abschluss der Bischofskonferenz in Paderborn soll nämlich nach Aussagen von Bischof Zollitsch eine Dialogoffensive gestartet werden, um die Glaubwürdigkeitskrise und die desaströsen Kirchenaustrittszahlen wieder auf einen guten Weg zu bringen. Doch die inhaltliche Ausgestaltung dieses Dialog-Angebots trifft bei mir auf große Skepsis; nach über 30 Jahren als kath. Religionslehrer habe ich große Zweifel, ob mit dem folgenden Angebot die Krise zu bewältigen ist. Wörtlich war von der DBK zu vernehmen:
»2012: Diakonia der Kirche – Unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft; 2013: Liturgia der Kirche – Die Verehrung Gottes heute; 2014: Martyria der Kirche – Den Glauben bezeugen in der Welt von heute.«
Wenn die Bischöfe meinen, mit einem solchen bereits in ihren Formulierungen antiquiertes Dialogangebot die Krise bewältigen zu können, leiden sie unter Realitätswahrnehmungsstörungen. Junge Menschen werden kaum Interesse finden an einem solchen Angebot – im Gegenteil: sie fühlen sich bestätigt in der Nicht-Bereitschaft der kath. Kirche, endlich in der Gegenwart – sowohl sprachlich als auch inhaltlich – anzukommen.
Matthias Drobinski von der „Süddeutschen Zeitung“ stellte vor kurzem kurz und bündig fest: „Die Kirchenspitze insgesamt ist diskursunfähig.“ Dem wäre nichts hinzuzufügen, es sei denn, man besinnt sich auf das Zweite Vatikanum, das für die kath. Kirche an sich die Vorgaben leisten müsste, um das sich jedoch – bezogen auf die Hierarchie – kaum noch jemand kümmert und es weitestgehend als einen „innerkatholischen Betriebsunfall“ ansieht. Ein Skandal ersten Ranges! Doch diejenigen, die sich darüber aufregen, sehen zunehmend noch den Weg, der Kirche den Rücken zu kehren.
Im Verhältnis zur heutigen Gesellschaft gilt als Grundprinzip der Dialog. Das 2. Vatik. Konzil wollte nicht von oben herab, gleichsam von der hohen Warte eines der Zeit entrückten Lehramts, Prinzipien verkünden und alle Zuwiderhandelnden tadeln.
Der Dialog wurde das Grundprinzip des Konzils und damit auch des Kirchenbildes, das das Konzil zur Geltung bringen wollte. An zahllosen Stellen wird betont, dass der Dialog der normale Weg der Wahrheits- und Entscheidungsfindung in der Kirche sein soll. Vor allem in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ macht das Konzil deutlich – was vorher in dieser Eindeutigkeit noch nie gesagt wurde , dass die Kirche als Kirche auf dem Weg nicht auf jede Frage schon eine fertige Antwort hat (GS 43), sondern selbst danach suchen muss, und dass dies nur gelingen kann, wenn möglichst viele ihren Beitrag leisten und ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Es verlangt daher einen „offenen“ (GS 43), „aufrichtigen Dialog“, ein „immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen“ (GS 92), ob Amtsträger oder Nichtamtsträger, ob Kleriker oder Laien.
Diese vom Konzil geforderte Dialogbereitschaft hat jedoch in den letzten Jahrzehnten – bis in die Gegenwart hinein - immer wieder erhebliche Rückschläge hinnehmen müssen. Nicht wenige Zeitzeugen diagnostizieren bei Klerikern eine Laienverdrossenheit und bei Laien eine Klerikerverdrossenheit. Während viele Kleriker Angst vor jeder Form von Veränderung zeigen (und damit das Konzil diskreditieren!), rennen sich viele um Reformen bemühte Laien immer wieder ihre Köpfe vor den Betonmauern der klerikalen Reformverweigerer wund; die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen um Dialog und Veränderung hat auch bei ihnen zu einer Kommunikationsverdrossenheit mit den Klerikern geführt; sie spüren ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht vor den autoritären Strukturen und sehen zunehmend ihr Heil darin, aus der Kirche auszutreten.
Wenn es jedoch zu einem partneradäquaten Diskurs kommen soll, müssen die Spielregeln geklärt sein: Laien müssen die Zusage bekommen, dass sie nicht nur ihre Meinung vortragen dürfen (wie gnädig!), sondern auch mitbestimmen können am Ende eines Diskurses, wenn über Reformen und Veränderungen abgestimmt wird. Alles andere wäre reine Zeitverschwendung und es bleibt d. Laien nur zu raten, sich für eine reine Alibiveranstaltung der Bischöfe nicht instrumentalisieren zu lassen.
Entweder d. Bischöfe akzeptieren die Dialogvorgaben und das Communio-Prinzip des 2. Vatik. oder d. Laien sollten öffentlich erklären, dass sie nicht bereit sind, eine Feigenblattveranstaltung d. Bischöfe zu unterstützen.
Immer mehr kath. Christen verzweifeln an der Amtskirche vor dem Hintergrund sowohl von Kommunikationsunwilligkeit u. –unfähigkeit als auch von Reformunwilligkeit und –unfähigkeit. Hier liegt der eigentliche viel tiefgreifendere Grund für die von Jahr zu Jahr steigenden Kirchenaustritte der kath. Kirche.
Die Amtskirche wird ohne nachhaltige Reformen sowohl in ihren Strukturen als auch in der Ämterfrage keine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Wenn die Amtskirche meint, sie könne das zweifellos bestehende Argument einer Gotteskrise ausspielen gegen die Forderungen von Konzilsanhängern, die sich auf ein „aggiornamento“ bzw. auf eine „ecclesia semper reformanda“ berufen, so täuscht sich die Amtskirche über die tatsächlichen Gründe für die dramatischen Zahlen bei den Kirchenaustritten.
Papst und Bischöfe haben offensichtlich so große Ängste vor jeglicher Art von Reformen und Veränderungen, dass sie in ihrem Schiff auf offener See (genau wie die Jünger Jesu) der Zusage Jesu kein Vertrauen mehr schenken und in Verzagtheit und Kleingläubigkeit verfallen: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40) Jesus und mit ihm die Laien werden sagen: „Duc in altum!“ – „Fahre hinaus auf die See!“
Paul Haverkamp, Lingen

Übermittlung Ihrer Stimme...