Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Schöne Worte zum Dialogprozess

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KIrche und Bischöfe

Schöne Worte zum Dialogprozess

Bei ihrer Abschlusspressekonferenz zur Herbstvollversammlung fanden die deutschen Bischöfe schöne Worte zum Dialogprozess. Hoffnungen wecken sie nicht.

Großes Medieninteresse bei der Abschlusspressekonferenz mit Erzbischof Zollitsch. (Foto: dpa)
Großes Medieninteresse bei der Abschlusspressekonferenz mit Erzbischof Zollitsch. (Foto: dpa)

Zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda stand deren Vorsitzender, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch der Presse Rede und Antwort. Der Dialogprozess nahm dabei einen breiten Raum ein. Das Gefühl, dass von diesem Dialogprozess notwendige Veränderungen ausgehen können, wächst allerdings nicht.

Hervorgehobene Themen

Die erste Zusammenkunft mit 300 Vertretern aus den Bistümern in Mannheim habe deutlich gemacht, dass einige hervorgehobene Themen vertieft zu erörtern und zu klären sind. Drei wichtige Themenkomplexe sollen dabei Orientierung schaffen: Die gemeinsame Verantwortung aller Getauften in der Kirche, der barmherzige Umgang mit gebrochenen Biographien und die Kommunikationsfähigkeit der Kirche. Der Heilige Vater habe die bischöfliche Steuerungsgruppe mit Kardinal Reinhard Marx, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck ermutigt, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und den Gesprächsprozess auch als geistliches Ereignis zu gestalten.

Auf dem Weg gestärkt

„Durch die Reise von Papst Benedikt XVI. fühlen wir uns zur Fortsetzung dieses Weges gestärkt“, betonte Zollitsch. Zu Recht warne der Papst vor zu vielen Strukturen, um gleichzeitig daran zu erinnern, „dass wir uns bei allem Nachdenken und Handeln auf den Kern des christlichen Glaubens und die Glaubensverkündigung konzentrieren sollen“. Der Erzbischof meint nicht, dass dies im Gegensatz zur Dialogfähigkeit stehe. „Der Gesprächsprozess ist ja letztlich ein Mittel, um die Glaubensverkündigung zu erleichtern und vor allem verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen.“

Keine Besdchlüsse

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz stellte noch einmal fest, dass im Gesprächsprozess keine Beschlüsse gefasst werden. Das dürfte allerdings den Hoffnungen vieler engagierter Katholiken auf Veränderungen entgegenstehen. „Auch der Papst kann bei seiner Reise nach Deutschland nicht Erwartungen einer Änderung der kirchlichen Lehre erfüllen.“ Viele der drängenden seien vor dem Horizont der Weltkirche und der weltweiten Lehre der Kirche zu sehen. „Wir dürfen keinen deutschen Sonderweg für die so genannten „sperrigen“ Themen forcieren“, betont Zollitsch, der damit dem vom Papst in seien Reden vorgezeichneten Kurs von der Treue zu Rom unbedingt folgt. Man wolle die Themen dennoch „vertieft zu klären, auch im Gespräch mit Rom“. Damit scheint auch klar: vertieft klären heißt eben nicht lösen.

Verantwortung

Die nächste Zusammenkunft im Rahmen des Dialogprozesses im kommenden Jahr wird unter dem Motto  „Unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft“ stehen. Eine erste Dimension knüpfe an eine Botschaft des Heiligen Vaters bei seinem Deutschlandbesuch an: „Das hörende Herz“. Hier werde eine Haltung beschrieben, die für die Diakonia unverzichtbar sei, „um Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden“ (Rede am 22. September 2011 vor dem Deutschen Bundestag).

Die zweite Dimension ist für Zollitsch das diakonische Handeln von Christen im persönlichen Umfeld. „Die Orte dieser Diakonia sind die kirchliche Gemeinde, die Nachbarschaft, das Wohnquartier, der Arbeitsplatz oder der Verein“, meint Zollitsch. Der „Ernstfall“ für diese Diakonia ergebe sich im Alltag von Christen.

„Die dritte Dimension ist die politisch-diakonische Positionierung der Kirche, ihr sozial-ethisches Sprechen durch die Bischöfe und die kirchlichen Verbände wie den Deutschen Caritasverband“, stellt Zollitsch schließlich fest. Hier gehe es um Orientierungen aus dem Glauben in gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu so unterschiedlichen Themen wie der Präimplantationsdiagnostik, der Zukunft der Pflege oder der Schwangerschaftsberatung. „Gemeinsam ist diesen Orientierungen eine Perspektive, die vom christlichen Menschenbild ausgeht, die Prinzipen der katholischen Soziallehre in Erinnerung ruft und vor diesem Hintergrund Kriterien entwickelt, denen eine Problemlösung genügen muss.“

Nach diesen Ausführungen scheinen die Befürchtungen vieler Kritiker des Dialogprozesses, am Ende stehe nicht mehr als ein „gut, dass wir darüber geredet haben“, neue Nahrung zu erhalten.




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Die Kommentare der Liborius-User:


von Paul Haverkamp

am Dienstag, 18. Oktober 2011

Viele Bischöfe und Kleriker (auch auf unterer Ebene) empfinden Forderungen nach Reformen als Geschwätz und Häresie. Sie sehen die Bewahrung des status quo, der in ihren Augen einen göttlichen Ursprung hat, als einzigen Weg zur Bewahrung der katholischen Kirche, die sie zu lenken und zu leiten als originäre von Gott übertragene Aufgabe ansehen und eine Mitsprache von Laien ( von einem Mitregieren ganz zu schweigen) nur als blasphemische Anmaßung diskreditieren.

Ein jüngstes Beispiel für die Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Dialogangeboten liefert die Reaktion von Herrn Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, auf das von mittlerweile mehr als 250 Theologieprofessoren unterzeichnete Memorandum. Wenn Langendörfer dieses Memorandum als „Mängelliste“ diskreditiert und nicht bereit ist, seinen Beitrag zu leisten, um mit Nachdruck dem seit vielen Jahrzehnten überfälligen Reformstau endlich Platz zu verschaffen, dem kann man nur bescheinigen, die „Zeichen der Zeit“ (Johannes XXIII.) nicht verstanden zu haben.

Sollte Langendörfer tatsächlich mit seiner unglaublich diskreditierenden Entgleisung bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung des Theologenmemorandums die Mehrheitsmeinung der Bischöfe widerspiegeln, so muss man dem Bischofssekretär eine klerikal-episkopale Hyperthrophie seiner ekklesiologischen Vorstellungen gegenüber den Theologen attestieren und den Bischöfen bezüglich ihrer beabsichtigten Dialogoffensive für die Jahre 2012-14 eine veritable Realitätswahrnehmungsstörung vor dem Hintergrund ihrer vorgeschlagenen Themenfelder:

Nach Abschluss der Bischofskonferenz in Paderborn soll nämlich nach Aussagen von Bischof Zollitsch eine Dialogoffensive gestartet werden, um die Glaubwürdigkeitskrise und die desaströsen Kirchenaustrittszahlen wieder auf einen guten Weg zu bringen. Doch die inhaltliche Ausgestaltung dieses Dialog-Angebots trifft bei mir auf große Skepsis; nach über 30 Jahren als kath. Religionslehrer habe ich große Zweifel, ob mit dem folgenden Angebot die Krise zu bewältigen ist. Wörtlich war von der DBK zu vernehmen:

»2012: Diakonia der Kirche – Unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft; 2013: Liturgia der Kirche – Die Verehrung Gottes heute; 2014: Martyria der Kirche – Den Glauben bezeugen in der Welt von heute.«

Wenn die Bischöfe meinen, mit einem solchen bereits in ihren Formulierungen antiquiertes Dialogangebot die Krise bewältigen zu können, leiden sie unter Realitätswahrnehmungsstörungen. Junge Menschen werden kaum Interesse finden an einem solchen Angebot – im Gegenteil: sie fühlen sich bestätigt in der Nicht-Bereitschaft der kath. Kirche, endlich in der Gegenwart – sowohl sprachlich als auch inhaltlich – anzukommen.

Matthias Drobinski von der „Süddeutschen Zeitung“ stellte vor kurzem kurz und bündig fest: „Die Kirchenspitze insgesamt ist diskursunfähig.“ Dem wäre nichts hinzuzufügen, es sei denn, man besinnt sich auf das Zweite Vatikanum, das für die kath. Kirche an sich die Vorgaben leisten müsste, um das sich jedoch – bezogen auf die Hierarchie – kaum noch jemand kümmert und es weitestgehend als einen „innerkatholischen Betriebsunfall“ ansieht. Ein Skandal ersten Ranges! Doch diejenigen, die sich darüber aufregen, sehen zunehmend noch den Weg, der Kirche den Rücken zu kehren.

Im Verhältnis zur heutigen Gesellschaft gilt als Grundprinzip der Dialog. Das 2. Vatik. Konzil wollte nicht von oben herab, gleichsam von der hohen Warte eines der Zeit entrückten Lehramts, Prinzipien verkünden und alle Zuwiderhandelnden tadeln.

Der Dialog wurde das Grundprinzip des Konzils und damit auch des Kirchenbildes, das das Konzil zur Geltung bringen wollte. An zahllosen Stellen wird betont, dass der Dialog der normale Weg der Wahrheits- und Entscheidungsfindung in der Kirche sein soll. Vor allem in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ macht das Konzil deutlich – was vorher in dieser Eindeutigkeit noch nie gesagt wurde , dass die Kirche als Kirche auf dem Weg nicht auf jede Frage schon eine fertige Antwort hat (GS 43), sondern selbst danach suchen muss, und dass dies nur gelingen kann, wenn möglichst viele ihren Beitrag leisten und ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Es verlangt daher einen „offenen“ (GS 43), „aufrichtigen Dialog“, ein „immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen“ (GS 92), ob Amtsträger oder Nichtamtsträger, ob Kleriker oder Laien.

Diese vom Konzil geforderte Dialogbereitschaft hat jedoch in den letzten Jahrzehnten – bis in die Gegenwart hinein - immer wieder erhebliche Rückschläge hinnehmen müssen. Nicht wenige Zeitzeugen diagnostizieren bei Klerikern eine Laienverdrossenheit und bei Laien eine Klerikerverdrossenheit. Während viele Kleriker Angst vor jeder Form von Veränderung zeigen (und damit das Konzil diskreditieren!), rennen sich viele um Reformen bemühte Laien immer wieder ihre Köpfe vor den Betonmauern der klerikalen Reformverweigerer wund; die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen um Dialog und Veränderung hat auch bei ihnen zu einer Kommunikationsverdrossenheit mit den Klerikern geführt; sie spüren ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht vor den autoritären Strukturen und sehen zunehmend ihr Heil darin, aus der Kirche auszutreten.

Wenn es jedoch zu einem partneradäquaten Diskurs kommen soll, müssen die Spielregeln geklärt sein: Laien müssen die Zusage bekommen, dass sie nicht nur ihre Meinung vortragen dürfen (wie gnädig!), sondern auch mitbestimmen können am Ende eines Diskurses, wenn über Reformen und Veränderungen abgestimmt wird. Alles andere wäre reine Zeitverschwendung und es bleibt d. Laien nur zu raten, sich für eine reine Alibiveranstaltung der Bischöfe nicht instrumentalisieren zu lassen.

Entweder d. Bischöfe akzeptieren die Dialogvorgaben und das Communio-Prinzip des 2. Vatik. oder d. Laien sollten öffentlich erklären, dass sie nicht bereit sind, eine Feigenblattveranstaltung d. Bischöfe zu unterstützen.

Immer mehr kath. Christen verzweifeln an der Amtskirche vor dem Hintergrund sowohl von Kommunikationsunwilligkeit u. –unfähigkeit als auch von Reformunwilligkeit und –unfähigkeit. Hier liegt der eigentliche viel tiefgreifendere Grund für die von Jahr zu Jahr steigenden Kirchenaustritte der kath. Kirche.

Die Amtskirche wird ohne nachhaltige Reformen sowohl in ihren Strukturen als auch in der Ämterfrage keine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Wenn die Amtskirche meint, sie könne das zweifellos bestehende Argument einer Gotteskrise ausspielen gegen die Forderungen von Konzilsanhängern, die sich auf ein „aggiornamento“ bzw. auf eine „ecclesia semper reformanda“ berufen, so täuscht sich die Amtskirche über die tatsächlichen Gründe für die dramatischen Zahlen bei den Kirchenaustritten.

Papst und Bischöfe haben offensichtlich so große Ängste vor jeglicher Art von Reformen und Veränderungen, dass sie in ihrem Schiff auf offener See (genau wie die Jünger Jesu) der Zusage Jesu kein Vertrauen mehr schenken und in Verzagtheit und Kleingläubigkeit verfallen: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40) Jesus und mit ihm die Laien werden sagen: „Duc in altum!“ – „Fahre hinaus auf die See!“

Paul Haverkamp, Lingen






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