Zu glauben, ist nun einmal für uns Menschen eine Zumutung.“ Das sagte der Papst bei seiner letzten großen Rede im Freiburger Konzerthaus, und für nicht wenige Katholiken in Deutschland traf das auf die Predigten und Ansprachen von Benedikt XVI. während seines Deutschlandbesuchs auch zu. Der Papst kehrte heim als strenger Mahner aus dem fernen Rom. Seine Botschaft zog sich wie ein roter Faden durch jeden Auftritt: Euer Glaube ist schwach, eure Kirche selbstverliebt! Kritisiert nicht die Kirche, sondern fangt wieder an zu glauben! Das Heil kommt von Christus – und vom Papst.In Abwandlung des Mottos der Reise: Wo Rom ist, da ist Zukunft! Das Maß seiner Verärgerung und Sorge über die deutsche Kirche muss immens gewesen sein.
In einem selten gehörten Rundumschlag kritisierte Papst Benedikt XVI. nahezu jeden, der katholischen Glaubens ist. Er beklagte die Gottferne der Menschen und kanzelte die Reformwilligen mit den Worten ab: „Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Missvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von ,Kirche‘ nicht verwirklicht sieht.“ Er mahnt die Kirche auf ihrem Weg: „In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass nämlich die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit.“ Er sezierte die Struktur der Kirche in Deutschland mit ihren vielen Verbänden: „Ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt.“
Und schließlich zum gerade angestoßenen Dialogprozess in der katholischen Kirche: „Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.“ Diese deutlichen Worte eines Papstes, der sonst so gern verschlüsselt spricht, sind für viele Katholiken in Deutschland nicht nur eine Enttäuschung, sondern ein Schlag ins Gesicht. Ihre Hoffnungen auf diesen Besuch zerschellten allerdings nicht an einem starrsinnigen Pontifex, sondern an den eigenen Erwartungen. Denn der Papst ist sich treu geblieben: Er skizziert das Bild von wankelmütigen und aufmüpfigen Gläubigen und einer bedrängten Kirche, die dringend umkehren und sich erneuern müssten. Dafür entwirft er ein anspruchsvolles Szenario, wie heute zu glauben ist: in Christus bleiben und in der Kirche, einer Kirche, die auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen soll.
Überraschend ist das nicht. Was dagegen irritiert, ist die Heftigkeit, mit der es getan hat. Der Heilige Vater hat den Menschen, die an der Kirche zweifeln und ihr misstrauen, keine Hand entgegengestreckt, sondern ihnen Ohrfeigen verpasst und sie ins Haus gescheucht. Eine ausgestreckte Hand wäre aber nötig gewesen nach den massiven Missbrauchsfällen, mitten in der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche und in einer Zeit, in der die Kirche so viele Mitglieder verliert wie nie zuvor. Denn vor einem erneuerten Glauben, den der Papst so vehement einfordert, kommt neues Vertrauen in eine Kirche, die einen lehren könnte, wie das denn heute geht: in Christus bleiben. Es war ja Benedikt XVI. selbst, der auf dem Domplatz in Erfurt gesagt hat: „Glaube ist immer auch wesentlich ein Mitglauben. Niemand kann allein glauben … Dieses große „Mit“, ohne das es keinen persönlichen Glauben geben kann, ist die Kirche.“ Zwar hat sich der Papst mit Missbrauchsopfern getroffen, öffentlich hat er allerdings nur zweimal die katastrophale Situation der Kirche angesprochen.
Dabei war er weit entfernt von einer Bitte um Vergebung, sondern kritisierte, dass das „Mysterium der Kirche“ sich nicht entfalten könne, wenn man „auf das Negative fixiert bleibt“. Pontifex heißt Brückenbauer. Benedikt XVI. hat in eindrucksvollen Worten das verheißungsvolle Land des Glaubens auf der anderen Seite des Ufers beschrieben, von wo die Menschen sich entfernt hätten.
Dort warte Gott auf uns. Abweichend vom Redetext sagte der Papst in Freiburg gar: „Gott wartet auf unser Ja. Er bettelt gleichsam darum!“ Aber eine Brücke dahin, die hat der Pontifex nicht gebaut.
André Lorenz