Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: "Unser Land braucht engagierte Christen"

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Kirche und Politik

"Unser Land braucht engagierte Christen"

SPD und Kirche scheinen sich anzunähern, Piraten und Grüne gehen auf Distanz. In dieser spannenden Gemengelage sprachen wir mit Prälat Karl Jüsten.

Prälat Karl Jüsten leitet das Katholische Büro der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin. Ein Katholik im Zentrum der Macht. (Fotos: dpa, Montage: liborus.de).
Prälat Karl Jüsten leitet das Katholische Büro der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin. Ein Katholik im Zentrum der Macht. (Fotos: dpa, Montage: liborus.de).

Prälat Dr. Karl Jüsten (50) ist in Bad Honnef geboren. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg, Innsbruck und Bonn empfing er 1987 die Priesterweihe. 1999 promovierte Jüsten mit einer Arbeit über „Ethik und Ethos der Demokratie“. Seit dem 1. März 2000 ist er Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin. Er vertritt in dieser Funktion die Interessen der katholischen Bischöfe in der Bundeshauptstadt.

Kirche und SPD nähern sich an, konnte man rund um den SPD-Parteitag lesen. In welchen Punkten trifft das besonders zu?

Wir freuen uns, wenn die Sozialdemokratie – wie es jüngst der Parteivorsitzende  Gabriel auf dem Parteitag tat  - die Kirchen bei der Bewältigung der großen Herausforderungen als besonders wichtig einschätzt. Vereinnahmen lassen wir uns nicht. Es ist bereits ein längerer Prozess, dass die Kirchen und die Sozialdemokraten gemeinsame Positionen in politischen Fragen vertreten. Besonders deutlich war das bereits Anfang der 90er Jahre beim Konsultationsprozess zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland; aber auch in der Migrationspolitik, in der Bewertung deutscher Rüstungsexporte und in der Entwicklungspolitik, um nur einige Politikfelder exemplarisch hervorzuheben, gibt es hohe Übereinstimmungen. Sicher gibt es auch Differenzen, etwa im Bereich des Lebensschutzes oder der Ehe- und Familienpolitik.

Gibt es heute in der SPD mehr Protagonisten, die sich zum Glauben bekennen als früher?

Es ist erfreulich, wenn überzeugte Katholiken sich in den demokratischen Parteien auch zu ihrem Glauben bekennen. Der Anteil prominenter Führungspersönlichkeiten unter ihnen ist in der SPD gewachsen. Unser Land braucht politische engagierte Christen, sie erfüllen damit den Auftrag des Evangeliums, die Welt zum Besseren zu verändern. Das ist übrigens auch sozialdemokratisch.

Die Volkskirche von einst scheint es nicht mehr zu geben, gibt es noch Volksparteien?

Die Volkskirchen und Volksparteien haben gemeinsam, dass sie offen sind für Menschen aller sozialen Schichten, aller Herkünfte, aller Nationen, jeden Alters und jeden Geschlechts, wir sind also für alle da. Ich sehe nicht, warum sich das ändern sollte, und ich hoffe doch sehr – zumindest für die Kirche –,  dass sich das nie ändern wird. Anderenfalls wären wir nicht mehr katholisch.

Was sind die großen Herausforderungen der Politik für die nächsten 10 Jahre und kann Kirche der Politik bei der Lösung der Fragen helfen?

Die großen Herausforderungen sind nach wie vor, den Frieden in der Welt zu sichern bzw. wiederherzustellen. Darum bemüht sich in diesen Tagen die Afghanistankonferenz. Diesem Ziel diente das Treffen von Sant’Egidio Anfang September in München. Der Papst lässt nicht nach, überall zum Frieden zu mahnen. Dazu sind nach wie vor die Millenniumsziele auf der Agenda, von denen die Bekämpfung des Hungers und der Armut an vorderster Stelle stehen. Auch die Erreichung der Klimaziele darf auf keinen Fall aus den Augen verloren werden. Das ist gemeinschaftliche Überzeugung in unserer Gesellschaft. Auch in der Innenpolitik gibt es einige Herausforderungen, wie etwa die Bekämpfung des Rechtsradikalismus und der Abbau von Diskriminierungen. In der Sozialpolitik müssen die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest gemacht werden. Es gibt viel zu tun – Packen wir’s an!

Die Piratenpartei ist erst kurz auf dem politischen Markt und fordert gleich Trennung von Staat und Kirche. Ist das Populismus oder fehlt es an der Kenntnis der Folgen einer solchen Trennung?

Ich kenne die Beschlüsse des Parteitags noch nicht im Wortlaut. Sie sind auf der Homepage der Piratenpartei ja noch nicht abrufbar. Deshalb weiß ich noch nicht genau, was die Partei in Fragen des Staatskirchenrechts wirklich will. Wenn ich aber die Pressemitteilung zum Parteitag lese, scheint mir beides im Spiel zu sein – eine gewisse Lust an der provokanten Zuspitzung und fehlende Kenntnis der Grundlagen. Wenn dort etwa die Trennung von Staat und Religion gefordert wird, antworte ich: Sie ist in Deutschland bereits verwirklicht! Es existiert keine Staatskirche, alle genießen dieselbe Glaubensfreiheit, und auch die institutionellen Rechte stehen allen Religionsgemeinschaften offen – nicht nur den Kirchen. Der Staat ist mit anderen Worten religiös-weltanschaulich neutral. Dies hindert ihn natürlich nicht, mit den Religionsgemeinschaften auf verschiedenen Gebieten, etwa im Bereich des Sozialen, zusammenzuarbeiten. Ich habe allerdings Verständnis dafür, dass eine so junge Partei nicht über Nacht auf allen Gebieten kompetent sein kann.

 




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