Jedes Jahr im Juli gibt es in der kleinen südfranzösischen Stadt Tarascon eine Drachenprozession. Sie geht auf eine sehr alte Legende zurück. Danach wurde einmal die Stadt von einem gefährlichen Drachen bedroht. Viele starke Männer zogen aus, um den Drachen mit dem Schwert im Kampf zu besiegen – doch niemand kam lebend zurück. Bis auf den Tag, an dem eine fremde Frau namens Martha, in die Stadt kam. Diese erzählte von einem mächtigen Wunderheiler, dem Messias, dem Christus, der alle Menschen retten würde. „Dann soll er doch erst mal uns retten!“, riefen die Bewohner der Stadt.
Martha zog daraufhin ihre Sandalen aus und ging barfuß, nur mit ihrer Tunika bekleidet und einem Strick als Gürtel, zu der Höhle des Drachen … und kam zurück, den Drachen, fromm wie ein Schoßhündchen, an ihrem Gürtel führend. Sie hatte den Drachen, statt zu töten, gezähmt! Sie hatte ihn gesegnet und ihm Gutes zugesprochen, darauf verlor der Drache seine Gefährlichkeit und gehorchte Martha aufs Wort.
Die Geschichte lässt mich schmunzelnd denken: „Die Kraft der Frau!“ – und deswegen mag ich sie besonders, denn ich denke oft an die heilige Martha. Nämlich wenn ich auf meine persönlichen „Drachen“ treffe: Gespräche und andere Dinge, vor denen ich mich fürchte, Eigenschaften, die mich an mir oder anderen nerven, Menschen, die mir das Leben schwer machen. Solchen „Drachen“ positiv und offen (unbewaffnet) gegenüberzutreten, anschauen, sie als gut betrachten, lässt mich gelassen und mutig schwierige Situationen bestehen.
Schon oft habe ich eine „Drachenzähmung“ auf diese Weise erlebt. Ich wünsche Ihnen, dass die heilige Martha auch Ihnen hilft, die Drachen des Alltags zu zähmen, damit sie keine innere oder äußere Macht in Angst und Schrecken versetzt.