Die Exegeten haben Ihre Bedenken immer wieder diskutiert. Im Jakobusbrief steht sehr klar, dass Gott uns nicht in Versuchung führt. Es ist vielmehr die eigene Begierde, die uns in Versuchung führt. Es gibt viele Versuche, dieses Wort anders zu übersetzen: „Lass uns nicht in die Versuchung hinein geraten.“ Der griechische Text heißt aber nun mal: „Führe uns nicht in Versuchung.“ In der Bitte, dass Gott uns nicht in Versuchung führen möge, klingt nicht mit, dass Gott uns sonst in die Versuchung führt. Es ist einfach die Bitte, dass er uns davor bewahren möge, in die Versuchung hinein zu geraten und darin zu fallen.
Auch das Wort Versuchung wird in der geistlichen Tradition verschieden interpretiert. Die frühen Mönche meinen, die Versuchung gehöre zum Menschen. Sie mache ihn bewährt. Sie stärkt gleichsam die Wurzel seines Lebensbaumes, damit der Baum stärker und fester werden kann. Man könnte dann Versuchung auch mit Anfechtung übersetzen. Die Versuchung, von der das Vaterunser spricht, ist jedoch die innere Verwirrung, die Verwirrung in unserem Herzen. Gott möge uns davor bewahren, dass wir auf der Suche nach Gott in Verwirrung geraten und so an uns selbst und an Gott vorbei leben.
Ihr Pater Anselm Grün