Der Koran ist das unverfälschte Wort Gottes
An dieser Stelle zeigt sich übrigens ein großes Problem im Bezug auf einen Dialog der beiden Religionen. Während die historisch-kritische Exegese mit Quellenscheidung und τόποι-Untersuchungen in der christlichen Theologie unverzichtbar geworden ist, liegt eine solche Beschäftigung und Herangehensweise an den Koran den meisten Muslimen fern. Der bekannte Theologe und Koranexperte Hans Zirker hat dazu geschrieben: „Der Koran blickt zwar in die Vergangenheit zurück, hat aber nach muslimischer Einschätzung selbst keine historische Genese, der man fragend und forschend nachgehen könnte. Alles, was mit dem Koran übereinstimmt, ist Teil der ursprünglichen göttlichen Offenbarung; was sich davon unterscheidet, ist verfälscht.“
Allerdings muss man auch festhalten, dass es wichtige Deckungsgleichheiten gibt. Darüber beispielsweise, dass Maria eine Ausnahmestellung („Unbefleckte Empfängnis“, „Aufnahme in den Himmel“ etc.) unter den Menschen genießt, herrscht Einmut.
Aber in den abweichenden Stellen, greifen Verfechter einer sehr radikalen Interpretation des Korans oft auf den Vorwurf der Verfälschung zurückgreifen. Ganz nach dem Motto: „Früher, als ihr als „echte“ Christen noch an der Offenbarung Gottes nahe wart, hätte es keinen Grund zu streiten gegeben: Wir hätten dasselbe gemeint. Nun aber seid ihr nur deshalb anderer Meinung, weil die maßgeblichen Stellen für euch verfälscht sind. Als ein Beispiel mag hier die Gestalt Abrahams dienen. Der Islam misst ihm eine hohe Bedeutung bei, er soll sogar mit Ismael das Heiligtum in Mekka gegründet haben. Das Alte Testament in der Bibel, aus deren Inhalt ja Abraham eindeutig stammt, kennt diese Geschichte jedoch nicht. Trotzdem ist sie für die meisten Moslems wahr: Sie steht eben im Koran (Sure 2,125-128).