Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Interview: Was ist Sunde?

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Donnerstag, 24. Mai 2012 Dagmar, Ester
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Interview

Was ist Sünde?

Sünde und Sünden: Ein Interview mit Stephan Ernst, Professor für Moraltheologie an der Universität Würzburg und Autor des Buches „Grundfragen theologischer Ethik“ (München, Kösel 2009)

 

Bild: Stephan Ernst

Herr Prof. Ernst, was ist Sünde?

„Sünde“ ist ein theologischer Begriff, er stammt aus der Sprache des Glaubens. Gemeint ist damit, dass in der Sicht des Glaubens jedes Unrecht gegenüber einem Mitmenschen, aber auch gegenüber sich selbst oder gegenüber der Umwelt immer auch einen Verstoß gegen Gott bedeutet. Zugrunde liegt also die Einsicht, dass wir Menschen Unrecht tun und unverantwortlich handeln können.

Solches Handeln besteht darin, dass man

  • 1) einen Schaden verursacht, für den man keinen rechtfertigenden Grund angeben kann, dass man
  • 2) dies weiß und dass man es
  • 3) dennoch freiwillig tut.

Wenn diese drei Bedingungen gegeben sind, steht hinter solchem Handeln letztlich eine Haltung, in der man nicht mehr bereit ist, für sein Handeln Gründe anzugeben, wenn man danach gefragt wird, sondern in der man andere nach eigener Willkür behandelt. Solche Willkür aber besteht darin, dass man sich keinem fremden Maß unterstellen, sondern selbst das Maß des eigenen Handelns sein will. In der Theologie wurde diese Grundhaltung auch als Stolz und Hochmut bezeichnet, in der der Mensch „wie Gott sein will“. In ihr wurde die Grundsünde gesehen, die Wurzel allen unverantwortlichen Handelns.

Nach welchen Kriterien beurteilt die katholische Kirche die Schwere einer Sünde?

In der Tradition wurde zwischen leichten und schweren Sünden sowie Todsünden unterschieden. Damit wollte man den Beichtvätern Kriterien an die Hand geben, um die Schwere der ethischen Schuld einschätzen und Bußübungen bemessen zu können. Dabei ist es zu Entartungen gekommen, weil man alles haarklein festlegen wollte.

Folgt man aber dem eben dargestellten Verständnis, dann kann für solche Abstufungen nur die innere Haltung maßgeblich sein, aus der eine Handlung entspringt. Sicher ist, wenn man nach der Schwere einer Schuld fragt, der objektive Tatbestand nicht bedeutungslos: Es macht einen Unterschied, ob man seinem Nachbarn eine Birne stiehlt oder ihn um seinen ganzen Besitz bringt. Zentrale Bedeutung aber kommt der subjektiven Beteiligung des Handelnden zu. Eine schwere Sünde würde entsprechend dann vorliegen, wenn hinter der Tat die bewusste Bereitschaft steht, anderen willkürlich zu schaden. Von leichten Sünden wäre dann auszugehen, wenn die Bereitschaft zum verantwortlichen Handeln grundsätzlich gegeben ist, aber aus Unachtsamkeit oder Unkenntnis, aus äußerem Druck oder aus Angst ein Schaden verursacht wird.

Was ist eine Todsünde?

In der theologischen Tradition meint „Todsünde“, dass durch sie die Beziehung des Menschen zu Gott stirbt. Ausgehend von unseren bisherigen Überlegungen könnte man sagen: Wenn sich die Haltung der Willkür im Umgang mit anderen, sich selbst oder der Umwelt zu einer festen Grundhaltung und Entschiedenheit entwickelt hat, wenn man sich ganz bewusst und immer wieder nicht der Vernunft unterstellen und sich weigert, sein Handeln zu verantworten, lässt sich auch von einer Todsünde sprechen.

Wichtig scheint mir bei all dem, sich mit äußeren Beurteilungen zurückzuhalten. Da es um innere Haltungen geht, kann man von außen gar nicht beurteilen, was wann leichte oder schwere Sünde oder gar Todsünde ist. In dieser Sicht sind die Einteilungen vielleicht nicht mehr so eindeutig, wie mancher sich dies wünschen mag. Andererseits führt sie zu einem vorsichtigeren und toleranteren Umgang mit anderen Menschen.

Adam, Eva und der Apfel: die erste Sünde, von der die Bibel erzählt / Foto: istock
Adam, Eva und der Apfel: die erste Sünde, von der die Bibel erzählt. „Der Sündenfall“ von dem italienischen Maler Palma il Vecchio aus dem 15. Jahrhundert

Welche Folgen hat es, eine Sünde zu begehen?

Eine Folge der Sünde besteht in dem Schaden bzw. in dem Übel, das man verursacht und für das es eben keinen rechtfertigenden Grund gibt. Wenn aber Sünde auch bedeutet, dass man mit anderen Menschen willkürlich verfährt, dann bedeutet dies über den bloßen Schaden hinaus zugleich auch eine Missachtung des anderen in seiner Würde, und zwar deshalb, weil man nicht mehr bereit ist, ihm gegenüber das eigene Handeln zu rechtfertigen. Man behandelt ihn dann, wie man gerade will, nur weil man vielleicht die Macht hat. Auch kann man sein Handeln vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen. Es mag Menschen geben, denen das egal ist. Allerdings hat es auch etwas, wenn man sich selbst im Spiegel noch mit gutem Gefühl ins Gesicht sehen kann. 

Beinhaltet „Sünde“ immer, dass man etwas vorsätzlich tut?

Um im eigentlichen Sinne von ethischer Schuld oder auch von Sünde sprechen zu können, ist das Wissen um das Unrecht und die Freiwilligkeit unverzichtbar. Entsprechend kann Irrtum – wenn er nicht auf Nachlässigkeit beruht – oder auch Zwang und Angst die Schuldfähigkeit mindern oder auch ganz ausschließen.

Natürlich wird heute von Sünde fast nur noch in einem völlig trivialisierten Sinn gesprochen, etwa: „Verkehrssünder“, gegen die Diät „gesündigt“, „sündhaft“ teuer usw., oder man kokettiert damit ein wenig. Dies hat seine Gründe sicher auch darin, dass in der Kirche oft leichtfertig und angstmachend mit diesem Wort umgegangen wurde. Aber weder im einen noch im anderen Fall ist man bei dem, was die Rede von „Sünde“ eigentlich meint. 

Warum gibt es im katholischen Glauben die Vorstellung von Sünde? Was soll es bringen, einen Katalog von Sünden aufzustellen?

Ich halte es schon für berechtigt, typische Grundverfehlungen des Menschen zu benennen, um sein eigenes Handeln daran zu überprüfen. Wie gehe ich mit mir selbst um? Wie mit Freunden, Kollegen, dem Partner, der Natur? Was sind die Grundwerte meines Lebens? Worauf vertraue ich letztlich? In der Soziologie jedenfalls scheint man die „Todsünden“ bzw. die Hauptlaster wiederentdeckt zu haben. Ich verweise auf Gerhard Schulzes Buch „Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde“. Offenbar zeigt es sich, dass eine Gemeinschaft nicht funktionieren kann, in der jeder Einzelne nur nach Willkür handelt und sich nur durch Gesetze  oder Strafandrohung von unsolidarischem und egoistischen Handeln abbringen lässt.

Ist es für uns Menschen überhaupt möglich, völlig sündenfrei zu leben?

Fragt man danach, warum Menschen immer wieder unmenschlich werden und andere willkürlich behandeln, so stößt man auf die grundlegende Existenzangst des Menschen. Diese Angst hat ihren Grund darin, dass wir verletzbar und sterblich sind. Dies ist mit unserer Natur gegeben. Ebenso natürlich ist es deshalb, dass man versucht, sich zu sichern. Unsere ganze Kultur lässt sich als Sicherungsmaßnahme gegen die Bedrohungen durch die Natur verstehen. Problematisch wird es aber, wenn man sich um jeden Preis sichern will, auch auf Kosten anderer und der Menschlichkeit. Genau das führt zu Willkür. Also ist es entscheidend, in seinem Leben auf etwas zu vertrauen, das auch dann Halt geben kann, wenn man in eine existentielle Krise gerät und die Grundangst im Menschen aufbricht.

Werden alle Sünden von Gott vergeben? Und was muss man dafür tun?

Der Existenzangst entspricht es, dass wir Menschen glauben, wir müssten uns erst einmal rechtfertigen, bevor wir von Gott angenommen werden. Die christliche Botschaft verkündet demgegenüber die unbedingte Vergebungsbereitschaft Gottes. Gott hat sich uns Menschen bereits immer schon zugewendet, wir sind immer schon von ihm angenommene und geliebte Töchter und Söhne. Seine Liebe und Zuwendung ist uns unverlierbar geschenkt. Im Glauben geht es darum, dieser Zusage der Versöhnung zu vertrauen und in seinem Leben davon auszugehen. Dann wird es möglich, wahrhaft selbstlos zu handeln.

In der Tradition hat man jedoch (unter Berufung auf Mt 12,31f) von der „Sünde wider den Heiligen Geist“ gesprochen worden, die nicht vergeben werden kann. Damit ist eine Haltung gemeint, in der der Mensch nicht an die unbedingte Vergebungsbereitschaft Gottes glauben und sich Gottes Vergebung nicht schenken lassen will. Wenn man damit Ernst macht, dass wir Menschen frei sind, muss man auch diese Möglichkeit sehen.

Interview: Claudia Dorner




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