Eine Folge der Sünde besteht in dem Schaden bzw. in dem Übel, das man verursacht und für das es eben keinen rechtfertigenden Grund gibt. Wenn aber Sünde auch bedeutet, dass man mit anderen Menschen willkürlich verfährt, dann bedeutet dies über den bloßen Schaden hinaus zugleich auch eine Missachtung des anderen in seiner Würde, und zwar deshalb, weil man nicht mehr bereit ist, ihm gegenüber das eigene Handeln zu rechtfertigen. Man behandelt ihn dann, wie man gerade will, nur weil man vielleicht die Macht hat. Auch kann man sein Handeln vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen. Es mag Menschen geben, denen das egal ist. Allerdings hat es auch etwas, wenn man sich selbst im Spiegel noch mit gutem Gefühl ins Gesicht sehen kann.
Beinhaltet „Sünde“ immer, dass man etwas vorsätzlich tut?
Um im eigentlichen Sinne von ethischer Schuld oder auch von Sünde sprechen zu können, ist das Wissen um das Unrecht und die Freiwilligkeit unverzichtbar. Entsprechend kann Irrtum – wenn er nicht auf Nachlässigkeit beruht – oder auch Zwang und Angst die Schuldfähigkeit mindern oder auch ganz ausschließen.
Natürlich wird heute von Sünde fast nur noch in einem völlig trivialisierten Sinn gesprochen, etwa: „Verkehrssünder“, gegen die Diät „gesündigt“, „sündhaft“ teuer usw., oder man kokettiert damit ein wenig. Dies hat seine Gründe sicher auch darin, dass in der Kirche oft leichtfertig und angstmachend mit diesem Wort umgegangen wurde. Aber weder im einen noch im anderen Fall ist man bei dem, was die Rede von „Sünde“ eigentlich meint.
Warum gibt es im katholischen Glauben die Vorstellung von Sünde? Was soll es bringen, einen Katalog von Sünden aufzustellen?
Ich halte es schon für berechtigt, typische Grundverfehlungen des Menschen zu benennen, um sein eigenes Handeln daran zu überprüfen. Wie gehe ich mit mir selbst um? Wie mit Freunden, Kollegen, dem Partner, der Natur? Was sind die Grundwerte meines Lebens? Worauf vertraue ich letztlich? In der Soziologie jedenfalls scheint man die „Todsünden“ bzw. die Hauptlaster wiederentdeckt zu haben. Ich verweise auf Gerhard Schulzes Buch „Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde“. Offenbar zeigt es sich, dass eine Gemeinschaft nicht funktionieren kann, in der jeder Einzelne nur nach Willkür handelt und sich nur durch Gesetze oder Strafandrohung von unsolidarischem und egoistischen Handeln abbringen lässt.
Ist es für uns Menschen überhaupt möglich, völlig sündenfrei zu leben?
Fragt man danach, warum Menschen immer wieder unmenschlich werden und andere willkürlich behandeln, so stößt man auf die grundlegende Existenzangst des Menschen. Diese Angst hat ihren Grund darin, dass wir verletzbar und sterblich sind. Dies ist mit unserer Natur gegeben. Ebenso natürlich ist es deshalb, dass man versucht, sich zu sichern. Unsere ganze Kultur lässt sich als Sicherungsmaßnahme gegen die Bedrohungen durch die Natur verstehen. Problematisch wird es aber, wenn man sich um jeden Preis sichern will, auch auf Kosten anderer und der Menschlichkeit. Genau das führt zu Willkür. Also ist es entscheidend, in seinem Leben auf etwas zu vertrauen, das auch dann Halt geben kann, wenn man in eine existentielle Krise gerät und die Grundangst im Menschen aufbricht.
Werden alle Sünden von Gott vergeben? Und was muss man dafür tun?
Der Existenzangst entspricht es, dass wir Menschen glauben, wir müssten uns erst einmal rechtfertigen, bevor wir von Gott angenommen werden. Die christliche Botschaft verkündet demgegenüber die unbedingte Vergebungsbereitschaft Gottes. Gott hat sich uns Menschen bereits immer schon zugewendet, wir sind immer schon von ihm angenommene und geliebte Töchter und Söhne. Seine Liebe und Zuwendung ist uns unverlierbar geschenkt. Im Glauben geht es darum, dieser Zusage der Versöhnung zu vertrauen und in seinem Leben davon auszugehen. Dann wird es möglich, wahrhaft selbstlos zu handeln.
In der Tradition hat man jedoch (unter Berufung auf Mt 12,31f) von der „Sünde wider den Heiligen Geist“ gesprochen worden, die nicht vergeben werden kann. Damit ist eine Haltung gemeint, in der der Mensch nicht an die unbedingte Vergebungsbereitschaft Gottes glauben und sich Gottes Vergebung nicht schenken lassen will. Wenn man damit Ernst macht, dass wir Menschen frei sind, muss man auch diese Möglichkeit sehen.
Interview: Claudia Dorner