„Sehr stressig, aber trotzdem schön.“ Das ist Weihnachten bei Familie L. – genauer gesagt für Mutter Ingrid. Es ist Anfang Advent und bei L.s weihnachtet es schon sehr. Im Garten und am Balkon Lichterketten, vor der Haustür ein Schneemann aus Stroh und ein Körbchen mit Christbaumkugeln. Drinnen Adventsgestecke und Kerzen auf Tischen und Fensterbänken. Die Zimmerdecke im Esszimmer ist dicht behängt mit Kugeln in allen Farben, Formen und Größen, die im Schein kleiner Streulichter glänzen. Vieles von dem Schmuck ist selbst gebastelt. Das sieht nach einer Menge Arbeit aus. „Arbeit ja“, sagt Ingrid L., aber das sei nicht der Stress, den sie meine. „Basteln und Dekorieren ist mein Hobby, das ist positiver Stress.“
Eine Weihnachtsfeier jagt die andere
Schlimm sei die Hektik in der Vorweihnachtszeit, die so um den zweiten Advent ausbreche. Mann und Kinder, Stefan 12 und Eva 9, sind in vielen Vereinen aktiv. „Und dann jagt eine Weihnachtsfeier die andere. Das sind nicht nur Termine über Termine, sondern immer sollen Plätzchen und Kuchen oder manchmal auch kleine Weihnachtsgeschenke mitgebracht werden.“ Daneben bastle sie für den Christkindlmarkt im Dorf, und die Hausarbeit werde mit all den Weihnachtvorbereitungen ja auch mehr.
Nein sagen können
Das Ansinnen auch einmal Nein zu sagen, lehnt Ingrid L. bedauernd, aber kategorisch ab. Das könne man doch nicht machen, wie würde denn das aussehen? Der Preis dafür ist, „dass die Nerven schon mal blank liegen, wenn abends ein Korb Bügelwäsche wartet oder noch Vokabeln abgefragt werden müssen, obwohl man doch um den Adventskranz sitzen und gemeinsam singen und beten sollte“, gesteht die 39-Jährige, und dass sie sich dann manchmal wünsche, „dass Weihnachten schon vorbei wäre, obwohl ich mich doch eigentlich darauf freue“. Eine Freude, die Ingrid L. manchmal erst in der Christmette wieder findet.
„Es ist die tiefe Freude darüber, dass Jesus geboren wurde und Gott durch ihn Mensch geworden ist.“ Im Advent bleibe die Besinnlichkeit leider oft auf der Strecke, und als ihre Tochter vor kurzem einmal fragte, was denn besinnlich heiße, sei ihr die Antwort auf der Zunge gelegen, „dass ich vor lauter Hetze gar nicht mehr zur Besinnung komme“. Strapazierte Nerven, Stress und Hektik wollen so gar nicht passen zu dem Bild von Weihnachten, dem Fest der Liebe, dem stimmungsvollsten und beschaulichsten Fest des Jahres.
Für fast jeden Vierten ist Weihnachten Stress
Doch für fast jeden vierten Deutschen bedeutet Weihnachten Stress, ergab eine Umfrage des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK. Vor allem Frauen fühlten sich durch Heiligabend und die Feiertage unter Druck gesetzt. Verständlich, wenn man einer englischen Studie glaubt, nach der Hausfrauen im Schnitt 288 Stunden mit den Vorbereitungen aufs Fest verbringen. Legt man eine tägliche Arbeitszeit von 10 Stunden zugrunde, wird ziemlich genau einen Monat lang geputzt, geschmückt, gebacken, geplant und eingekauft.
Es ist ein Aufwand, der auf den ersten Anschein nichts mehr zu tun hat mit der Schlichtheit der Geburt Jesu in einem Stall in Bethlehem. Und doch ist es die tiefe Sehnsucht nach dieser Harmonie und diesem Glück, die die Menschen bei ihren Weihnachtsvorbereitungen antreibt. „Es ist der Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit in einer unsicheren Zeit“, so die Kölner Diplom-Psychologin Monika Franken. Die Sehnsucht nach Frieden, auch in der Familie. „Wenigstens an Weihnachten soll gelingen, was während des Jahres oft so schwer fällt“, sagt die Psychologin.
Die Diskrepanz zwischen Erledigen und Erleben
Zumindest am äußeren Rahmen darf es nicht scheitern und so liegt mehr Gewicht auf dem Erledigen, als auf dem Erleben. Wenn dann trotz aller Vorbereitungen und Mühen etwas schief geht, wird die verbrannte Gans schnell zum Familiendrama und der kippende Christbaum löst Weinkrämpfe aus. Bei Sabine D. war es eine harmlose Erkältung ihrer vierjährigen Tochter Sophie, die den Weihnachtsfrieden ins Wanken brachte.
„Drei Monate vorher war unser Matthias zur Welt gekommen, und irgendwie war unsere Familie damit komplett, und ich freute mich auf ein rundes warmes Weihnachten mit Mann und Kindern“, erzählt sie. „Ich hatte mir alles so schön ausgemalt. Dann bekam Sophie am Nachmittag von Heiligabend plötzlich Husten und Fieber. Sie war schlapp und schlief nur, statt vor Aufregung zu platzen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Heulen hätte sie können vor Enttäuschung, und fast wütend sei sie geworden, gibt die 33-Jährige zu. Und sie habe es sich auch nicht verkneifen können, ihrem Mann Vorwürfe zu machen, weil er noch am Tag zuvor mit Sophie im Hallenbad gewesen war. „Da war schon sehr dicke Luft“, erinnert sie sich.
Auf alle Eventualitäten gefasst sein
Heute, ein Jahr später, ist Sabine D. noch immer ein bisschen fassungslos, wie sie so etwas ganz „Alltägliches“ völlig aus der Ruhe bringen konnte. Und eines hat sie sich fest vorgenommen: „Ich werde in diesem Jahr auf alle Eventualitäten gefasst sein und auch versuchen, jedes denkbare Malheur mit Humor zu nehmen.“
Weihnachten ist mit einem Harmoniezwang verbunden
Sabine D. ist in die Falle getappt, vor der Psychologen warnen: Weihnachten sei verbunden mit einem Harmoniezwang, überhöhten Erwartungen und dem Wunsch nach einer heilen Welt. Das Fest sei emotional sehr aufgeladen und geprägt von den Bildern, die wir davon im Kopf haben, erklärt Monika Franken. „Es sind Bilder, die die Medien vermitteln, aber auch schöne Kindheitserinnerungen, bei denen das Unangenehme längst verblasst ist.“ Enttäuschungen könnten da natürlich nicht ausbleiben. Und weil viele Familien an Weihnachten mehr Zeit miteinander verbringen als sonst das ganze Jahr über, sind auch im familiären Umfeld Konflikte vorprogrammiert.
Genau davor graust es Silvia M. alle Jahre wieder. Auf einen fröhlichen Heiligabend in der Drei-Personen-Familie, „folgen zwei lange Tage mit Verwandtschaftstreffen, und dabei werden irgendwann immer wieder uralte Streitereien aufgewärmt, die die Weihnachtsstimmung zum Erliegen bringen“, sagt sie entnervt. Aber weil diese Treffen Tradition seien, mache sie eben mit, wenn auch „oft mit zusammengebissenen Zähnen“.
Am Fest der Liebe haben sich nicht alle lieb
Dass sich am Fest der Liebe nicht alle auf einen Schlag lieb haben, weiß auch Anne B. Die Mutter von vier Söhnen zog allerdings vor einigen Jahren drastische Konsequenzen. Als sich ihre Halbwüchsigen am Weihnachtstag nur in der Wolle hatten und mit Schimpfwörtern geradezu überboten, als die Streitereien selbst auf dem Heimweg von der Kinderchristmette kein Ende nahmen, war ihr plötzlich klar: „So kann und will ich nicht Heiligabend feiern.“
Weihnachten fiel einfach aus
Ihr Mann sah das genauso und kurz entschlossen verkündeten die beiden ihren Kindern: „Weihnachten fällt heute aus“, und schickten sie ins Bett. Der Katzenjammer von Simon, Benedikt, Matthias und Ruben wurde ebenso ignoriert wie ihr Betteln und die Entschuldigungsbriefchen, die sie unter der Wohnzimmertür durchschoben. „Hundeelend“ sei ihr dabei zumute gewesen, erinnert sich die Mutter. Trotzdem blickt sie heute gelassen und auch ein bisschen stolz auf diese Episode zurück. Immerhin hätten die Jungs ihre Lektion gelernt. „Am nächsten Tag feierten wir das Weihnachtsfest überaus friedlich nach, und die Wirkung hielt auch noch für ein paar Jahre an. Fortan hatten wir im besten Sinne des Wortes eine schöne Bescherung.“
Rosina Wälischmiller