Es ist dunkel in der Kirche. Stockdunkel. Anna hat ein bisschen Angst. Fest klammert sich die Zehnjährige an die Hand ihrer Oma. Sie kann die knisternde Spannung in der Dunkelheit fühlen. Obwohl sehr viele Menschen da sind, ist es ganz leise. Nur ab und zu räuspert sich jemand. Alle warten auf das Licht der Osterkerze, auf den Neuanfang, die Erlösung aus dem Dunkeln. Anna ist stolz darauf, dass sie dabei sein darf – obwohl es schon spätabends ist. „Für die meisten Kinder ist die Osternacht eine einzigartige Erfahrung“, weiß Albert Biesinger, Religionspädagoge und Theologe an der Universität Tübingen.
Religionspädagoge rät: Mit Kindern in die Osternacht
„Ich rate den Eltern und Großeltern unbedingt, mit ihren Kindern in diese Messe zu gehen!“ Die Feier der Osternacht ist der absolute Höhepunkt im katholischen Kirchenjahr: Denn in dieser Nacht wird der Sieg des Guten über das Böse gefeiert. Jesus Christus ist auferstanden. Nach den Leiden des Kreuzwegs, nach Folter, Angst und Tod hat Gott seinen Sohn auferweckt. Damit ist das Böse endgültig besiegt.
So helfen Sie Ihren Kindern, Ostern zu verstehen
Auch Kinder können diese Zusammenhänge gut nachvollziehen – vor allem wenn in der Familie davor schon die gesamte Karwoche mitgefeiert wurde. Für Kinder ist das intensive Miterleben der Karwoche so, als würden sie ein Stück aus dem Leben Jesu nacherleben: zuerst den Palmsonntag, an dem Jesus mit Begeisterung in Jerusalem empfangen wird. Noch ist er für die Menschen ein Held und wird dementsprechend bejubelt. Symbolisch dafür werden zum Gottesdienst Palmbuschen verteilt. Aus Palmkätzchen, grünen Zweigen und Krepp-Papier lassen sich Palmwedel mit Kindern auch gut selber basteln. Vielerorts gibt es an Palmsonntag besondere Familiengottesdienste, in denen Jesu Einzug nach Jerusalem kindgerecht erklärt wird.
Annas Geschwister Lukas (13) und Marion (16) gehen in der Karwoche ohnehin oft in die Kirche. Sie sind Messdiener in der Gemeinde ihres pfälzischen Heimatdorfes und ihr Dienst ist an den Feiertagen rund um Ostern sehr gefragt. Besonders von Gründonnerstag bis Karsamstag, wenn die Kirchenglocken schweigen und die Messdiener traditionsgemäß mit hölzernen Krachmachern, den so genannten Ratschen, durchs Dorf ziehen, um das Glockengeläut zu ersetzen. Am Gründonnerstag beginnt der Leidensweg Jesu – die traurigste Zeit im Kirchenjahr. In der Messe am Gründonnerstag wird das letzte Abendmahl nachgefeiert, das Jesus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern abhielt. Auch das können Kinder schon verstehen: Jesus feiert noch einmal mit seinen Jüngern, weil er bereits ahnt, dass die Leute, die ihn nicht mögen, ihn umbringen wollen.
Nichts Blutrünstiges erzählen
Der Karfreitag ist der Tag, an dem seine Befürchtungen wahr werden. Jesus wird gefoltert und ans Kreuz genagelt. Karfreitag ist der schwärzeste Tag der gesamten Karwoche. Wenn Kinder beim Kreuzweg die Leidensgeschichte Jesu hören, können sie sich vieles nur schwer vorstellen und löchern ihre Eltern mit Fragen. Religionspädagoge Biesinger rät in diesem Fall zu vorsichtiger Beschreibung: „Man darf Kindern nicht blutrünstig von der Kreuzigung erzählen, so dass sie Angst kriegen. Ich habe es meinen Kindern so erzählt: Jesus hat eine ganz tolle Botschaft gehabt, manche Leute wollten die aber nicht hören, manche haben auch gedacht, er bringt alles durcheinander. Und dann haben sie ihn verfolgt und sogar ermordet und haben ihn wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt.“ Dass Jesus leiden musste und ermordet wurde, dürfen Kinder aber ruhig erfahren. Es hilft ihnen zu verstehen, was an Ostern gefeiert wird: Dass Gott das Böse und den Tod schließlich doch besiegt hat, weil er Jesus wieder auferweckt hat.
Vorbereitungen für das Fest
In der Familie können Karfreitag und Karsamstag für die letzten Vorbereitungen auf das Osterfest genutzt werden. Für das Färben der Ostereier zum Beispiel oder das Basteln einer Osterkerze. „Da müssen nicht unbedingt die Wundmale Christi drauf sein“, erklärt Albert Biesinger. „Es reicht auch eine Sonne. Die Kerze soll einfach die Auferstehung symbolisieren.“ Anna hat ihre Kerze mit in die Osternacht genommen. Sie darf sie am Licht der großen Osterkerze anzünden. Am nächsten Tag wird sie beim großen Osterfrühstück auf dem feierlich gedeckten Tisch stehen. Neben dem Osterlamm, das Annas Mutter gebacken hat, und neben Schinken, Eiern und Osterbrot. Ein gemeinsames, ausgiebiges Osterfrühstück gehört in vielen Familien zur festen Tradition – genauso wie das Eiersuchen.
Den Osterhasen gibt es nicht
Dass die der Osterhase versteckt hat, sollte man seinen Kindern allerdings nicht erzählen, findet Religionspädagoge Biesinger. „Solche Erzählungen muss man ja irgendwann zurücknehmen – und dann ist die Enttäuschung groß. Das Osternest ist einfach ein Geschenk der Eltern, weil die sich freuen, dass Jesus an Ostern auferstanden ist.“ Dass Eier etwas mit Auferstehung zu tun haben, weiß Anna von ihrer Lehrerin, die ihnen erklärt hat, dass aus dem Ei wieder neues Leben schlüpft. Das ist so wie in der Osternacht, wo auch das neue Leben gefeiert wird, wenn zum Gloria alle Lichter angehen und die Glocken nach fast drei Tagen wieder zu läuten anfangen.
Julia Katharina Traxel