Ein kleines Mädchen unterhält sich laut mit seiner Mutter – mitten im Gottesdienst. Der Pfarrer fühlt sich gestört. Nach seiner ersten Bitte um Ruhe fragt er die Mutter der Dreijährigen, ob sie die Predigt übernehmen wolle. Die Frau verlässt weinend den Gottesdienst. Es kommt zum Streit in der Gemeinde: Die einen sind nicht bereit, die Predigt wegen eines quengelnden Kindes stören zu lassen.
Eklat in der Kirche – Vorfall spaltete Gemeinde
Die anderen fordern mehr Verständnis von dem Geistlichen. Rund 40 der 500 Gottesdienstbesucher folgen Mutter und Tochter aus der Kirche. Der Streit im Gottesdienst, der sich 2009 auf Sylt zugetragen hat, spaltete tatsächlich die Gemeinde. Dass der Vorfall so viele Gemüter erhitzte, zeigt, dass Kinder und Kirche immer noch nicht selbstverständlich zusammenpassen.
Wenn der Gottesdienst zur Qual wird
Viele Eltern, die ihre Kinder im Glauben erziehen möchten, erleben, wie schnell der Gottesdienstbesuch zur Qual wird: Wenn sich ihr Kind langweilt und laut wird, ist das den Eltern unangenehm. Sie versuchen verzweifelt, es zu beruhigen, oder sie gehen hinaus und verpassen die Predigt.
Das muss nicht sein, finden Pater Korbinian und Gemeindereferentin Sabine Leitl. Jeden Sonntag laden beide zur Kindermesse in die Münchner St.-Bonifaz-Basilika ein. „Hier sollen Eltern und Kinder ein geistliches Zuhause finden“, sagt Pater Korbinian. Die Lieder, die Katechese, die ganze Form der Messe will gezielt Kinder ansprechen. Sie sollen dadurch den Weg in die Gemeinde finden und erste Schritte des Glaubens tun.
Ist eine Kindermesse die Lösung?
Tatsächlich zieht jeden Sonntag eine Schar von etwa 30 Ministranten in die Kirche St. Bonifaz. Während der Messe verrichtet jeder von ihnen einen Dienst, egal wie klein dieser erscheinen mag: das Kreuz oder die Kerze tragen, den Messwein bringen oder die Kollekte einsammeln. Aber auch die übrigen Kinder werden eingebunden. Mitten in der Messe gehen sie zum Altar, wo zuvor ein weicher Teppich ausgerollt wird. Dort erleben sie den Katechismus mit Bewegungsliedern und Ratespielen. Beim Vaterunser kommen die Eltern dazu, und alle begleiten gemeinsam das Gebet mit Gesten. Auch bei den freien Fürbitten darf sich jeder einbringen. „Bei den ganz Kleinen kommt oft nur ein Wort heraus, später trauen sie sich, in ganzen Sätzen zu sprechen“, sagt Leitl.
Dass dabei oft Unruhe, Lärm und manchmal auch Gezänk unter den Kindern herrschen, stört keinen. „Es tut sich nicht die Erde auf, wenn ein Kind auf dem Boden liegt und schreit“, sagt die Gemeindereferentin. Für Pater Korbinian ist der Geräuschpegel nichts Außergewöhnliches mehr. Er feiert die Messe seit acht Jahren so und ist stolz darauf, dass viele Familien die offene Atmosphäre schätzen.
Familien schätzen offene Atmosphäre
Genau aus diesem Grund kommen auch Michael und Inge Nausch mit ihren vier Kindern zu St. Bonifaz. „Der klassische Sonntagsbraten fällt bei uns aus“, sagt Vater Nausch. Fast jeden Sonntagmorgen fährt die Familie 30 Kilometer aus Pliening nach München. Und das schon seit über 14 Jahren. „In unserer Heimatgemeinde gibt es höchstens ein paar Kinderlieder im Jahr“, kritisiert Nausch. In St. Bonifaz dagegen haben seine sieben und zwölf Jahre alten Söhne Spaß. Ebenso seine 14-jährige Tochter, die dort ministriert. Und falls die zweijährige Lea doch einmal zu laut weint, haben die Eltern die Möglichkeit, den Gottesdienst über Lautsprecher in der Werktagskirche zu verfolgen.
Es tut sich nicht die Erde auf, wenn ein Kind schreit
Ein anderes Konzept bietet jeden zweiten Sonntag die Münchner Gemeinde St. Ursula an. Seit über zehn Jahren besuchen die kleinsten Kirchgänger den Kinderbibelgarten. Während ihre Eltern in Ruhe der Predigt folgen, bringen ehrenamtliche Mitarbeiter das Kirchenjahr spielerisch den Kindern nahe. Stefanie Kelly ist eine von ihnen. Ihre Themen findet sie vor allem in den anschaulichen Geschichten des Alten Testaments: „Die Geschichte über die Arche Noah oder den heiligen Christophorus, der das Christuskind über den Fluss trägt, finden die Kleinen besonders spannend.“
„Jedes Kind muss seine eigene Welt der Bibel entdecken“ Stefanie Kelly, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kindergartens in St. Ursula, München
Damit die Kinder ihre Phantasie benutzen können, arbeitet Kelly viel mit Tüchern und Puppen. Dazu trägt sie die biblische Erzählung in einfacher Sprache vor und regt Kinder zum Spielen, Malen oder Basteln an. „Es ist wichtig, dass jedes Kind seine eigene Welt der Bibel entdeckt“, betont Kelly.
Junge aktive Gemeinde
Pfarrer David Theil freut sich über seine junge aktive Gemeinde. „Über 100 Taufen jährlich finden in St. Ursula statt“, sagt er stolz. Manchmal entdecken Erwachsene erst durch ihre Kinder den Glauben selbst ganz neu. Und Kinder, die sich einmal in der Kirchengemeinde wohl fühlen, sind die aktiven Gemeindemitglieder von morgen.
Julia Walker