Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Kirchenaustritt

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Donnerstag, 24. Mai 2012 Dagmar, Ester
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Fragen und Antworten

Foto: Fotolia

Es sind, wie Bischöfe es in Worte fassten, „schmerzliche Zahlen“: Der katholischen Kirche haben im vergangenen Jahr wieder deutlich mehr Mitglieder den Rücken gekehrt als in den drei Jahren zuvor. 121.155 Deutsche traten 2008 aus – und damit rund 27.500 mehr als 2007. Auch die Zahl der Wiedereintritte sank

Foto: Glaubensorientierung St. Michael
Pater Stephan Lipke SJ

Pater Stephan Lipke SJ von der Glaubensorientierung St. Michael in München hat seine Vermutungen, was die Gründe dafür sind. Seit einem Jahr führt er Gespräche und steht in Briefkontakt mit Menschen, die einen Ein- oder Austritt erwägen: „Besonders ältere Menschen suchen das Gespräch. Manche von ihnen haben offensichtlich das Gefühl, dass man nicht einfach sang- und klanglos verschwinden darf“. Auch aber, dass sich viele zunächst nicht über die Konsequenzen eines Austritts bewusst sind, beobachtet er: „Heiraten, Taufe, Begräbnis – das sind Meilensteine, die vielen erst klar machen, dass die Kirche für sie doch eine Rolle spielt.“

Lesen Sie hier Gründe, Kritik und Vorwürfe, die Menschen zum Austritt bewegen – und was die Kirche zu darauf zu entgegnen hat!

 

 

 


„Ich zahle Kirchensteuer und finanziere damit teure Urlaube des Papstes“

„Das stimmt schlichtweg nicht. Von der Kirchensteuer etwa in München entrichtet sich rund ein Prozent an den Vatikan und die Deutsche Bischofskonferenz“, erklärt Pater Stephan Lipke  SJ von der Glaubensorientierung St. Michael.

Deutsche Bischofskonferenz: Die Gelder helfen, die Aufgaben der Bischofskonferenz zu unterstützen oder auch die päpstliche Nuntiatur in Berlin zu finanzieren.

Vatikan: Ein Teil des Geldes wird für die dortigen Gehälter verwendet. „Es arbeiten ja ein paar Tausend Leute im Vatikan, man kann sich vorstellen, wie viele  ,Hausmeister’, Küster, Sicherheitsbedienstete, Reinigungskräfte u. a. man allein für den Petersdom und die Vatikanischen Museen braucht“, so Pater Lipke. Die päpstlichen Behörden sind verhältnismäßig klein. In der Glaubenskongregation oder ähnlichen Behörden arbeiten hauptberuflich nur um die 20 Leute, inklusive Sekretärinnen, etc. Ein Teil der Kirchensteuer fließt außerdem in die Gehälter der dortigen Priester, die wesentlich niedriger sind als die Gehälter der deutschen.

Ein Großteil der Kirchensteuer wandert in die Erhaltung von Kunstschätzen, dazu zählen aber nicht nur alte Bilder, sondern auch die Instandhaltung der Kirchen. „Sie gehören somit wirklich uns allen. Hier erkennt man deutlich, dass die Kirchensteuer ein Beitrag zur Allgemeinheit ist. Es ist nicht allein Sache des Staates, sich um die Kirchen zu kümmern“, so Pater Lipke.

Ein weiterer Großteil fließt in Gehälter für Seelsorger und andere kirchliche Mitarbeiter sowie Caritas-Personal. Würde kein Geld aus der Kirchensteuer mehr in die Caritas fließen, würde diese zwar nicht zusammenbrechen – ihre Struktur in dieser Form aber könnte nicht bestehen bleiben: „Man müsste die Beiträge erhöhen und das Programm herunterfahren. Bei der Caritas sieht es ja so aus, dass ein gewisser Anteil beim Träger bleibt. Natürlich ist die Altenpflege kostenpflichtig. Die Schuldnerberatung hingegen ist gratis. Würde die Kirchensteuer wegfallen, müsste die Caritas bei jeder Aktivität das Grüne Licht vom Staat abwarten, ob die Sache auch refinanziert wird. Sie hätte keine Möglichkeit mehr, selbst aktiv zu werden“, so Pater Lipke. Für katholische Kindergärten und Schulen gilt übrigens: Etwa sieben Prozent der Kosten – je nach Bundesland – liegen bei der Kirche.

 

„Ich habe noch nie Seelsorge in Anspruch genommen. Warum soll ich dafür bezahlen?“

„In unserer Gesellschaft gibt es viele vereinsamte Menschen und erschreckend viele Familien, die in finanziellen Nöten stecken“, so Pater Lipke, „der Bedarf an Beratung und Betreuung ist also immens hoch. Allein letzten Monat habe ich vier Personen auf die Schuldnerberatung der Caritas hingewiesen, der Bedarf wächst spürbar. Und keiner von uns weiß, ob es uns nicht auch treffen kann: Ob wir in Not geraten oder vereinsamen.“

 

„In anderen Ländern zahlen Gläubige auch keine Kirchensteuer“

„In Frankreich sieht es beispielsweise so aus: Alle Kirchen, die vor 1907 gebaut wurden, gehören dem Staat. Er muss sie instand halten – und er macht es mangelhaft. Dabei bedeuten unsere Kirchen nicht nur einen Kulturauftrag, sondern sie sind auch wichtig für den Zusammenhalt eines Dorfes. Wenn eine Kirche im Herzen eines Dorfes verfällt, kann sich das sehr schlecht auswirken“, so Pater Lipke.

 

„Die Kirchensteuer hat Hitler eingeführt“

„Das stimmt nicht. Die Kirche wurde 1803 enteignet, danach brauchte man ein paar Jahrzehnte um eine Lösung zu finden, wie kirchliche Aufgaben finanziert werden sollten. Zum Teil kam dann der Staat dafür auf, weshalb aber der Vorwurf laut wurde, dass das gegen die Religionsfreiheit verstoße. Die Kirchensteuer wurde im 19. Jahrhundert unter Bismarck eingeführt, allerdings sehr uneinheitlich. Die heute geltenden Regelungen wurden dann tatsächlich im Reichskonkordat von 1933 festgelegt und 1950 endgültig festgeschrieben“, erklärt Pater Lipke.

 

„Die Kirche ist doch ohnehin reich“

„In Deutschland ist das von Bistum zu Bistum sehr unterschiedlich“, so der Pater. Tatsache sei aber, dass es in den letzten Jahren vermehrt zu Engpässen komme. Die Kirchenaustritte wirken sich hier weniger aus, sondern eher, dass die indirekten Steuern – etwa die Mehrwertsteuer – rauf- und die direkten hinunter gingen. Und die Kirchensteuer richtet sich ja nach Lohn- und Einkommenssteuer. Aus diesem Grund wirkt sich natürlich auch die Arbeitslosigkeit auf die Einnahmen durch die Kirchensteuer aus. „Und natürlich darf man nicht vergessen, dass Rentner keine Lohn- und manchmal auch keine Einkommenssteuer zahlen – unsere Gesellschaft, und damit auch die Angehörigen der Kirche, aber immer älter werden.“

In Deutschland geht es der Kirche im Vergleich zu anderen Ländern tatsächlich verhältnismäßig gut – tendenziell vor allem dort, wo es der Bevölkerung finanziell besser geht: im  Süden und Westen besser als im Norden und Osten. Die „reichsten“ Bistümer sind Köln und München: „Das hat aber zum Teil auch den Grund, dass hier über die Jahrzehnte besonders sorgfältig gehaushaltet wurde“, bilanziert Pater Lipke.

Dass es der Kirche in Deutschland finanziell besser geht als in anderen Ländern bringt allerdings auch mit sich, dass sie viel Verantwortung für andere Länder übernimmt: im karitativen Bereich, in der Seelsorge, etc. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche sind ja bekannt für große Hilfswerke wie „Brot für die Welt“ (evangelisch) und Misereor (katholisch).

 

„Wenn, dann möchte ich selbst entscheiden, wofür mein Geld eingesetzt wird“

„Das ist verständlich. Aber es würde beispielsweise innerhalb Deutschlands dazu führen, dass es zu Ungerechtigkeiten käme. In armen Gegenden würden Kirchen verfallen, in reicheren würde es sich ballen. Es ist also sinnvoll, zentral einzusammeln und dann zu verteilen. Wofür das Geld eingesetzt wird, legen die einzelnen Bistümer übrigens detailliert auf ihren Websites dar. Und es gibt es in jedem Bistum einen Kirchensteuerrat mit gewählten Finanzfachleuten, die ein sehr genaues Auge auf die Ausgaben haben“, betont Pater Lipke.

 

„Die Priestergehälter in Deutschland sind höher als in anderen Ländern. Das sehe ich nicht ein“

Pater Lipke: „Das ist richtig, ein Priester verdient in Deutschland wie ein Oberstudienrat oder Studiendirektor. Allerdings darf man nicht übersehen: In Deutschland sind die Erwartungen an die Priester auch höher als woanders. Ein Priester muss quasi Management-Qualitäten besitzen, gleichzeitig soll er immer gut drauf sein. Es wird erwartet, dass er fröhlich beim Schützenfest mitfeiert und ein paar Stunden später einen Trauerbesuch angemessen gestaltet.

Außerdem ist ein Pfarrer heutzutage Vorgesetzter über 30 bis 40 Leute, also muss er auch Führungsqualität besitzen. Wenn man die Anforderungen und die Belastung bedenkt, erscheint das Gehalt wieder eher niedrig.“

 

 

 

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Die Kommentare der Liborius-User:


von smk

am Donnerstag, 19. November 2009

Verehrter Pater Lipke, daß auch die Kirche Geld braucht, bestreite ich nicht. Das bestehende Konkordat vernetzt Staat und Kirche jedoch in einer Art, die vom ursprünglichen Auftrag Jesue Christus immer weiter weg führt. Wenn vom "Management" der Priester, vom "Karriereweg" des Trierer Bischofs und von der teuren Kulturpflege gesprochen wird, zeigt das nur, wie weltlich und marktwirtschaftlich die Institution Kirche geworden ist; meiner Meinung nach ein schlechtes Omen!

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