?: Warum soll man auf das verzichten, was einem Freude macht?
Schwester Jordana: Wenn es keine Freude macht zu verzichten, macht es wirklich keinen Sinn. Fasten ist nichts Trauriges. Jesus hat sogar gesagt, wenn ihr fastet, dann wascht euch, zieht eure besten Kleider an und seid fröhlich, macht kein trauriges Gesicht. Also sollte man in Ruhe überlegen, was man sich vornimmt und was man auch schaffen kann – sonst ist man nur frustriert und wird mürrisch. Es gibt da eine sehr gute Geschichte von einem Heiligen: Wenn er fastete, wurde er unausstehlich. Gott sagte deshalb zu ihm, er solle lieber etwas essen, damit er nicht so lieblos zu anderen sei. Lieber sollte der Heilige gut zu anderen sein, als wenig zu essen.
Jansen: Fasten „soll“ man nicht. Im Gegenteil: Die Fastenzeit kann eine Einladung dazu sein, wieder darauf zu schauen, was mir wirklich Freude macht. Das kann durch zeitweiliges Verzichten geschehen oder auch im bewussten Sich-Zeit-nehmen für etwas, was mir wertvoll ist. Ich habe zum Beispiel einmal einer jungen Frau, die sich selbst nie etwas gegönnt hat und immer nur für andere da war, als „Fastenvorsatz“ vorgeschlagen, sich bewusst einmal pro Woche selbst etwas Gutes zu tun. Mein Rat war, ganz ohne schlechtes Gewissen einmal ein bisschen „egoistisch“ sein zu dürfen.
? Wie hat sich das Fasten im Laufe der Zeit verändert? Gibt es Veränderungen zwischen früherem und heutigem Fasten?
Schwester Jordana: Wie gesagt, schon immer haben Menschen gefastet. In der Bibel gibt es viele Geschichten darüber. Auch Jesus hat 40 Tage in der Wüste verbracht und gefastet. Von daher gibt es auch bis heute die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern. Früher hat man viel strenger gefastet als Katholik. Da durfte man zum Beispiel nichts gegessen und getrunken haben, bevor man zur Kommunion ging. Und man hielt die Fastenzeit viel strenger ein, besonders die Woche vor Ostern. Man hat keinen Alkohol getrunken und kein Fleisch gegessen, durfte keine Hochzeiten feiern und nur einmal am Tag essen. Inzwischen ist es nicht mehr so streng. Es wird jedem selbst überlassen, ob man fastet. Nur am Aschermittwoch und am Karfreitag soll man als Katholik kein Fleisch essen, keine laute Musik spielen, und in der Kirche läuft an diesen beiden hohen Fasttagen alles ganz ruhig und still ab.
Jansen: Ich habe den Eindruck, dass heute ein rein traditionell-formales „Fasten“ weniger vorkommt, stattdessen setzt man sich bewusste Fastenvorsätze. Inwiefern das religiös motiviert ist oder eher wie die „guten Neujahrsvorsätze“ einfach nur der Wunsch nach einer höheren persönlichen Lebensqualität ist, kann ich so allgemein nicht beurteilen. Die kirchlichen Fastenzeiten sind jedenfalls seit einigen Jahrzehnten stark geprägt durch Solidaritäts- und Spendenaktionen.
?: Bin ich ein schlechter Katholik, wenn ich das Fasten nicht durchhalte?
Schwester Jordana: Ich bewundere die Menschen, die so willensstark sind, dass sie die ganze Fastenzeit zum Beispiel keine Süßigkeiten essen. Das habe ich noch nie geschafft. Ich persönlich finde es schwer zu fasten und bin deswegen nicht weniger von Gott geliebt.
Jansen: Als Kind habe ich in der Fastenzeit immer versucht, komplett auf Süßigkeiten zu verzichten. Und dann kam es schon mal vor, dass ich beispielsweise in der vorletzten Fas-tenwoche, kurz vor dem Ziel, einmal schwach geworden bin. Damals habe ich mir gedacht: „Na toll, jetzt war alles davor für die Katz’ …“ Damals war mir noch nicht klar, dass es nicht um eine Leistung geht, die ich um jeden Preis „durchhalten“ muss. Heute ist Fasten (für eine Zeit bewusst auf etwas verzichten) für mich die Chance, im Kopf freier zu werden und bewusster zu leben – eine Einladung, mit mir selbst einmal wieder „ins Reine“ zu kommen. Klassisch würde man das Buße und Umkehr nennen.
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